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Schenk

04.02.2026 Sitzungen 8/35

c) auf Antrag der Fraktion der SPD zu dem Thema: „Beschäftigte stärken statt pauschal zu kritisieren: Ursachen steigender Krankheitstage in Thüringen in den Blick nehmen“

Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! Lieber Stefan Wogawa, du bist entlastet von dem Problem, hier der Letzte zu sein. Die letzte Rednerin kommt noch, und das bin ich. Deswegen freue ich mich, etwas zu dem Thema dieser zentralen Aktuellen Stunde zu sagen, die ja, glaube ich, ganz gut aufgreift, was auch die generelle gesellschaftliche Debatte ist. Meine Vorrednerinnen und Vorredner haben das gestreift, indem sie sich nicht nur mit den Krankheitstagen als solchen, sondern mit dem ganzen umfassenden Bereich „Teilzeit, Arbeitsbelastung usw.“ auseinandergesetzt haben. Ich möchte aber mit Blick auf die vorangegangene Aktuelle Stunde noch mal einen Satz aufgreifen, den Herr Haseloff von der AfD gesagt hat und der mich gerade mit Blick auf diese Aktuelle Stunde befremdet zurücklässt. Sie haben gesagt: Die Linke soll sich doch mal so um die Deutschen kümmern, wie sie sich um Ausländer kümmert. Da möchte ich Sie mal fragen, wie das eigentlich ist, Herr Haselhoff, falls Sie da sind – ich weiß gar nicht, wo Sie hingekommen sind –: 2024 kamen 1.927 Ärzte aus dem Ausland. Ich frage mich, ob Sie bei Ihrem nächsten Klinikbesuch dann auch einfach sagen werden, dass es doch ganz schön wäre, wenn sich nur Deutsche um Sie kümmern. Dann haben Sie auf jeden Fall eine relativ lange Wartezeit vor sich. Aber das sei nur mal dahingestellt. (Beifall CDU, BSW, SPD) Ich persönlich finde auch die vorherige Aktuelle Stunde sehr begrüßenswert und möchte mich dafür auch noch mal bedanken. Unabhängig davon hat der Abgeordnete Wogawa gerade schon zu Recht darauf hingewiesen, dass man sich immer mal die Frage stellen muss, warum jemand krank ist. Für normal denkende Menschen ergibt sich: Man ist ja in der Regel krankgeschrieben, weil man krank ist. Ganz offensichtlich ergibt sich für andere Menschen der Zusammenhang: Man ist krankgeschrieben, weil man irgendwie keine Lust hat. Dieses grundsätzliche Misstrauen gegenüber Beschäftigten muss ad absurdum geführt werden, wenn man sich mal die erste Aktuelle Stunde vor Augen hält. Da sprechen wir über Beschäftigte bei Zalando, die am Tag ihrer potenziellen Kündigung noch im Zalando-T-Shirt kommen. Die stehen noch vor dem Landtag und demonstrieren in ihrem Zalando-T-Shirt für ihren Standort. Sind das die Leute, die sich krankschreiben lassen, weil sie keinen Bock haben? Ich finde das schon wirklich sehr weit hergeholt und möchte noch mal unterstreichen, was die Abgeordnete Güngör zu Recht gesagt hat: Selbst wenn wir unterstellen würden, dass den ganzen Tag Telefonbetrüger bei Ärzten und Ärztinnen anrufen, und dann auch noch unterstellen, dass Ärztinnen und Ärzte einen schlechten Job machen – das sagen wir auch mit diesem Misstrauen, denn jeder Betrüger braucht auch noch einen, der sich betrügen lässt, das wären dann in dem Fall die Menschen, die diese Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ausstellen, also die Ärztinnen und Ärzte –, wenn wir das alles mal unterstellen, was ich nicht tue, dann kommen wir trotzdem bei diesen besagten 0,9 Prozent an. Da muss man doch wirklich sagen: Das ist maximal lächerlich, das als Grundlage oder Problem dafür zu sehen, dass Menschen jetzt hier den ganzen Tag zu Hause hocken. Nun machen wir ein hypothetisches Experiment. Angenommen, sie würden zu Hause sitzen, müsste man sich dann immer noch vorstellen, dass sie dann „Netflix and Chill“ machen. Die meisten Menschen haben zu Hause aber ganz andere Igel zu bürsten. Da sind Kinder, die zum Beispiel auch krank sind, aber eine begrenzte Anzahl von Kinderkranktagen. Da sind vielleicht unendlich viele Angehörige, die zu betreuen und zu pflegen sind. Da sind weite Wege zu gehen, da sind viele eigene Dinge, die man für seine eigene Prävention tun muss. Deswegen frage ich Sie mal, da heute Weltkrebstag ist: Wer von Ihnen war denn eigentlich schon mal bei der Krebsvorsorgeuntersuchung im letzten Jahr? (Zwischenruf Abg. Müller, Die Linke: Ich war!) Jetzt würde sich natürlich jeder melden, denn das Problem sitzt ja immer nicht hier, aber zum Teil doch. Denn wenn man mal auf den eigentlichen Problemkreis schaut, dann sind das völlig überraschend vor allen Dingen Männer. Da waren nur 24,9 Prozent 2024 bei Vorsorgeuntersuchungen. Bricht man das auf den Landtag runter, wo die meisten Abgeordneten männlich sind, würde ich sagen: Sehr verehrte Herren, Sie haben da noch etwas zu tun. Am Ende ist es so, dass Prävention genau das ist, was dazu beiträgt, dass man nicht krank ist, dass man nicht krank wird und dass man etwas dafür tun kann, überhaupt in die Lage versetzt zu werden, mit seinem eigenen Körper und auch mit seinem eigenen Geist – denn es wurde zu Recht darauf hingewiesen, dass psychische Erkrankungen zunehmen – gesund umzugehen. Jetzt müssen wir gar nicht so viel spekulieren, was die wesentlichen Gründe sind, sondern wir können einfach die Beschäftigten fragen. Genau das hat die Landesregierung auch im DGB-Index getan, den wir vorgestellt haben und den wir auch künftig gern weiter vorstellen wollen. Da kommt genau das zum Tragen, was viele Abgeordnete schon ausgeführt haben: Wir haben viele gewerblich-technische Berufe, wir haben viele Gesundheitsberufe, wir haben viele Pflegeberufe und wir haben eine Beschäftigtenlandschaft, in der die meisten Beschäftigten deutlich älter sind als im Bundesdurchschnitt. Das alles zusammen ergibt, dass ich auch häufiger krank werde. Jetzt ist doch unsere Aufgabe, nicht dem gegenüberzustehen und mit dem Finger auf diese Leute zu zeigen und zu sagen, sie sind alle faul, sondern man könnte sich auch mal fragen: Wie hat sich eigentlich das Arbeitsvolumen insgesamt entwickelt? Da sind wir beim Thema „Teilzeit“. Es klingt verwirrend, ist aber wahr: Die Tatsache, dass Teilzeit möglich ist, hat dazu geführt, dass mehr gearbeitet wird. Woran liegt das? Das liegt daran, dass es zu Hause in der Regel häufig nicht mehr einen gut verdienenden Mann und eine sympathische Frau gibt. Jetzt gibt es meistens auch noch sympathische Frauen, aber die gehen arbeiten und nebenbei erledigen sie auch noch die Care-Arbeit. Mit anderen Worten: Das Arbeitsvolumen – wenn wir nur mal schauen, wie viele Stunden trotz sinkender Bevölkerung gearbeitet wurden – ist im Durchschnitt 61 Milliarden Stunden pro Jahr. Um die Jahrtausendwende waren es 48. Ein riesiger Aufwuchs an Zeit, der hier von Beschäftigten erwirtschaftet wird. Und „erwirtschaftet“ bedeutet: Jeder, der da früh im Bus sitzt oder auf dem Fahrrad oder in seinem Auto von mir aus auch, ist am Ende auf Arbeit angekommen und hat dort etwas zum Gewinn, zum Erfolg eines Unternehmens, einer Idee, einer Initiative, eines Handwerksbetriebs beigetragen. Mit anderen Worten – und das ist das Ergebnis einer solchen Befassung, deswegen bin ich froh, dass die SPD-Fraktion das hier angemeldet hat, denn es gehört nun mal dazu, dass man sich kritisch mit verschiedenen Positionen auseinandersetzt – muss man doch festhalten, ganz konkret: Es gibt überhaupt keine faulen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Es gibt Menschen, die dieses Land gestalten. Die müssen wir unterstützen, indem wir flexible Arbeitszeitmodelle haben, indem wir Transformationsprozesse arbeitnehmerinnen- und arbeitnehmerfreundlich begleiten, zum Beispiel mit einer Technologie in der Transformationsberatungsstelle, deren Mitarbeitern ich an dieser Stelle noch mal danken möchte, zum Beispiel mit einer strukturellen Erfassung der eigentlichen Probleme von Arbeitsqualität wie dem DGB-Index, den wir gern fortsetzen wollen. Aber auch damit – und da komme ich wieder zu Ihnen, Herr Haselhoff –, dass wir den Druck, der auf Arbeit herrscht, anerkennen als „es fehlen Menschen“. Und wenn Menschen fehlen, dann kann ich jetzt den Versuch unternehmen, die mir alle hier persönlich zu backen. Oder ich kann versuchen, Frauen zu sagen: Es wäre schön, du kriegst noch ein drittes und viertes Kind, das du dann auch noch abholst und wickelst zwischen der ganzen Arbeitszeit, die du erbringst. Oder wir erkennen mal an, dass wir auch ausländische Fachund Arbeitskräfte brauchen. (Beifall BSW, SPD) Deswegen bin ich froh, dass wir die Pflege-AzubiRichtline haben, dass wir konsequent versuchen, Menschen aus dem Ausland anzuwerben, die hier einen großen Beitrag dazu leisten, dass zum Beispiel auch das Paket von Zalando bei Ihnen ankommt. Deswegen möchte ich abschließend noch mal sagen: Wer unsere Beschäftigten ständig unter Generalverdacht stellt, stellt vor allem sich selbst unter Generalverdacht – nämlich offensichtlich jemand zu sein, der ganz weit weg von Fakten und ganz nah an irgendeinem Rand von Menschen arbeitet, die immer unterstellen, dass die Leute nichts Gutes im Sinne haben. Aber ich glaube jedem Beschäftigten, dass er morgens voller Motivation auf die Arbeit fährt, und das wurde nicht zuletzt mit so einem Zalando-T-Shirt deutlich. Vielen Dank. (Beifall BSW, SPD)

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