Dr. med. Cornelia Urban
c) auf Antrag der Fraktion der SPD zu dem Thema: „Beschäftigte stärken statt pauschal zu kritisieren: Ursachen steigender Krankheitstage in Thüringen in den Blick nehmen“
Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Kollegen, die aktuelle Debatte über Krankheitstage ist keine plötzliche Grippewelle, sie ist eher ein chronisches Symptom – entstanden aus einer krankenpolitischen Erzählung, die seit Monaten immer dieselbe Diagnose stellt: Schuld an allem, was in diesem Land nicht funktioniert, sind immer die Beschäftigten. Erst sollen sie länger arbeiten, jetzt sich bitte auch krank als Virenschleudern – ich glaube, jeder, der gerade die Grippe hat, kann das nachvollziehen – in die leider immer zu vollen Wartezimmer setzen, damit bei einem – so wie wir es ja eigentlich im Moment praktizieren – unbürokratischen, pragmatischen Handeln wie der telefonischen Krankschreibung nicht der Eindruck von Teilzeit-Lifestyle entsteht. Getragen wird diese Erzählung vor allem von wirtschaftsliberalen Stimmen, die am liebsten mit einem sozialen Rasenmäher durch unser Land gehen würden und unser Land in Fragen von Sozialleistungen und errungenen sozialen Werten wieder ins letzte Jahrtausend katapultieren wollen. Ihre Botschaft ist simpel, dumm und eine mehr als grobe Vereinfachung: Nicht die Arbeitsbedingungen machen krank, sondern die Menschen sind einfach zu empfindlich. Sie sind einfach zu oft krank, zu wenig belastbar, zu anspruchsvoll. Meine Damen und Herren, ich glaube, diese Diagnose ist nicht nur einfach, sie ist auch falsch. Schauen wir auf die Fakten, die helfen ja bekanntlich mehr als ein Bauchgefühl. Der Anstieg der Krankmeldungen seit 2022 ist vor allem ein statistischer Effekt. Mit der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung wird erstmals vollständig erfasst, was vorher schon da war. Das bestätigen die Krankenkassen selbst. Richtig ist allerdings: Thüringen liegt bei den Krankheitstagen über dem Bundesdurchschnitt. Besonders betroffen bei uns, in unserem Land, sind Berufe mit hoher körperlicher und psychischer Belastung: Pflege, Handel, Industrie, Logistik. In der Zustell- und Lagerwirtschaft fehlen Beschäftigte im Schnitt 35 Tage im Jahr; Hauptursachen: Rücken, Überlastung, Dauerstress. Das sind keine Ausreden, das sind Symptome. Und Symptome weisen bekanntlich auf Ursachen hin. Eine Ursache ist der Arbeits- und Fachkräftemangel. Dauerhaft hohe Arbeitstaktungen, Überstunden und Personalknappheit machen krank – körperlich und psychisch, das ist auch gut erforscht. Ein weiterer Befund wird ebenfalls gern übersehen: Viele arbeiten krank. Laut DGB tun das 63 Prozent mindestens einmal im Jahr. Wer also behauptet, Beschäftigte würden sich leichtfertig krankmelden, übersieht die größte stille Volkskrankheit, nämlich den Präsentismus. Arbeiten trotz Fieber ist aber keine Heldentat, sondern es ist ein Risiko für die eigene Gesundheit und für die Gesundheit der anderen. Die Debatte um die telefonische Krankschreibung leidet somit von vornherein an einer falschen Fragestellung. Die telefonische Krankschreibung ist ein pragmatisches, ärztliches, verantwortungsvolles Instrument – klar begrenzt und gut untersucht. Studien zeigen keinen systematischen Missbrauch. Und meine Kollegen – Hausärzte wie Fachärzte – sagen: Das funktioniert. Wenn wir aber wirklich über weniger Krankheitstage reden wollen, dann sollten wir über Gesundheit sprechen, über betriebliche Gesundheitsförderung zum Beispiel. Denn am Ende ist es hier wie auch in der Medizin: Gute Prävention nützt uns allen. Beschäftigte bleiben gesünder, Betriebe sind stabiler, Ausfälle sinken. Gerade in einer alternden Arbeitsgesellschaft, wie wir sie hier in Thüringen vorfinden, ist das kein Nice-to-have, sondern überlebenswichtig. Und deshalb an dieser Stelle – und so viel Zeit habe ich noch – ein kurzer Werbeblock: Sehr geehrte Arbeitgeber, Prävention wirkt. Ergonomische Arbeitsplätze, vernünftige Schichtpläne, Begrenzung von Dauerüberlastungen und echte Mitbestimmung bei Arbeitszeiten und Tarifbindung – das ist kein Luxus, sondern hilft, gesund zu bleiben und damit erst gar keine Krankschreibung zu benötigen. Herzlichen Dank.
(Beifall BSW, SPD)
