Dr. med. Cornelia Urban
Personal und Ressourcen entlasten – Patientensteuerung, Patientenschutz und Prävention im Thüringer Gesundheitswesen stärken
Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Kollegen und – an dieser Stelle möchte ich es heute auch einmal tun – liebe Gäste! Ich habe gehört, Sie kommen aus dem Landkreis Gotha, aus Friedrichroda, Waltershausen, Georgenthal: Seien Sie herzlich willkommen!
(Beifall SPD)
Wir haben heute ein wichtiges Thema, das Sie auch sicherlich betrifft, nämlich die Gesundheit und die Versorgung der Gesundheit. Und Sie haben eine tolle Klinik in Friedrichroda. Wenn man sich im Gesundheitswesen umschaut und wenn man vielleicht auch diese beiden Anträge zusammen betrachtet, dann, muss ich ehrlich sagen, geht es mir persönlich, wie es mir auch montags morgens im Wartezimmer geht, wenn ich da reinschaue. Da sieht man dann: Alle erwarten etwas, alle erwarten möglichst das Beste, etwas Gutes, das sofort passieren soll. Aber die Mitarbeiter und das Fachpersonal wissen manchmal vor lauter Arbeit gar nicht, wo sie jetzt eigentlich anfangen sollen. Wir haben es gerade schon bei dem Antrag der Linken gehört, den sie vorgelegt haben. Da wurden sehr viele wichtige Punkte angesprochen: Gesundheitskompetenz stärken – das hat gerade auch noch mal die Staatssekretärin betont –, Patienten besser steuern. Alles völlig richtig. Aber ich glaube, unser Antrag, den wir jetzt diskutieren, geht einen Schritt weiter. Denn wir sagen: Gesundheitskompetenz, Prävention und kluge Patientensteuerung funktionieren nur, wenn wir die Digitalisierung nicht wie ein seltenes Medikament behandeln – sparsam dosiert und nach dem Motto „Es könnte ja auch ganz viele Nebenwirkungen haben“ –, sondern als das sehen, was sie auch sein kann, nämlich ein Booster für unser modernes Gesundheitswesen im neuen Jahrtausend, für ein gerechteres Gesundheitswesen in Thüringen.
(Beifall BSW, SPD)
Und wenn es irgendwo dringend gebraucht wird, dann denke ich, gerade wir in Thüringen brauchen diesen Booster, weil wir ein Land mit sehr viel Fläche haben. Sie wohnen auch im Thüringer Wald. Sie wissen, es gibt auch viel Kleinteiligkeit, es gibt wenig Fachpersonal und es gibt auch immer mehr ältere Menschen in Thüringen. Deshalb stellt sich natürlich die Frage: Was tun? Wir als Koalitionsfraktionen – insbesondere wir, die SPD – wollen Thüringen zu einer echten telemedizinischen Pilot- und Praxisregion entwickeln. Das klingt futuristisch. Aber eigentlich geht es da um ganz einfache Dinge wie telemedizinische Sprechstunden, die es seit der Coronazeit auch immer mehr gibt. Es geht um mobile Versorgungsteams gerade für entlegene Orte. Es geht um Apotheken als erste Anlaufstellen für digitale Beratung und es geht auch um Telekonsile, das heißt, Beratungen von Spezialisten, von Spezialisierten, damit spezialisiertes Fachwissen jeden erreicht – zum Beispiel auch die gute Klinik in Friedrichroda, die vielleicht gerade nicht den Herzinfarkt- oder Schlaganfallexperten vor Ort hat –, damit sie dann trotzdem die bestmögliche Versorgung gewährleisten kann. Diese Ziele sind für uns kein Selbstzweck, sondern sie sind Basis. Das ist – wie gesagt – in manchen Ohren eher so ein bisschen Zukunftsmusik. Aber eigentlich ist es so wie mit dem WLAN: Das konnte man sich früher vielleicht auch nicht vorstellen. Jetzt merkt man quasi an jeder Stelle – selbst hier im Plenarsaal –, wenn man es mal nicht hat, wie wichtig es eigentlich ist. Genauso ist natürlich medizinische Versorgung an jedem Ort zu jeder Zeit wichtig und essenziell und darf nicht davon abhängen, ob man in Jena wohnt oder in einem Tal oder auf einem Hügel im Thüringer Wald. Was wollen wir noch? Digitale Assistenzsysteme. Das klingt futuristisch, ist aber auch eine ganz praktische Unterstützung. Wir reden hier von smarter Sensorik, von textilbasierter Sensorik, von smarten Wohnungen, von digitalen Begleitern, die auch jetzt schon viele um ihr Handgelenk haben. Es gibt ja die sogenannten Smartwatches. Also weniger Science-Fiction, aber ganz konkret ermöglicht es so vielen Menschen – gerade älteren Menschen oder Pflegebedürftigen oder kranken Menschen –, länger zu Hause bleiben zu können, selbstbestimmter zu sein, vor allen Dingen sicherer zu sein und dadurch auch weniger Sorge zu haben. Ich spreche einfach mal aus eigener Erfahrung: Wenn man immer Sorge hat, der Oma oder dem Vater oder der Mutter könnte etwas zugestoßen sein, dann helfen solche Sensoren sehr gut. Denn es geht um Frühwarnsysteme, die sagen: Achtung, hier stimmt etwas nicht! Nicht dass man immer erst dann reagiert, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist oder etwas passiert ist. Das ist Technik im Dienst einer solidarischen Idee. Um es medizinisch auszudrücken: Es geht hier nicht immer darum, die Symptome zu bekämpfen, sondern wir wollen an die Ursachen. Damit komme ich last, but not least zu einem ganz wichtigen, eigentlich dem wichtigsten Punkt: der Prävention und Gesundheitskompetenz, die für uns das A und O sind. Wir wollen Gesundheitskompetenz von klein auf fördern: in Kitas, in Schulen, in Senioreneinrichtungen. Deswegen bin ich an der Stelle auch der Staatssekretärin dankbar, dass sie das Programm „Bewegte Kinder = Gesündere Kinder“ angesprochen hat. Da geht es um Sport und Gesundheit – auch ein ganz wichtiger Aspekt. Wir wollen natürlich auch gesunde Ernährung zugänglicher machen, gerade für Menschen, die sich gesunde Ernährung nicht immer einfach leisten können. Und wir wollen unseren Öffentlichen Gesundheitsdienst stärken – der Begriff ist auch schon im vorherigen Antrag gefallen –, damit er Prävention dorthin bringt, wo Menschen leben, und nicht nur dahin, wo ein Amtssitz steht. Dass unsere SPDGesundheitsministerin hierzu gerade einen starken Entwurf vorlegt, passt wunderbar. Der ÖGD wird moderner, klarer und besser aufgestellt. Meiner Meinung nach dürfen Gesundheitsämter endlich im 21. Jahrhundert ankommen und nicht mehr mit Faxgeräten arbeiten, die älter sind als manche Patienten. Ich könnte noch mehr sagen, aber meine Redezeit ist abgelaufen. Deshalb kann ich nur sagen: Ich freue mich, dass wir die Anträge hoffentlich zusammen im Gesundheitsausschuss debattieren können. Vielen herzlichen Dank.
(Beifall CDU, BSW, SPD)
