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Boos-John

05.12.2025 Sitzungen 8/31

Thüringens Tourismusstrategie neu ausrichten – Tourismus- und Landesmarketing aus einem Guss

Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Gäste, werte Abgeordnete, dass sich der Thüringer Landtag in der heutigen Debatte in die Weiterentwicklung der Thüringer Tourismusstrategie einbringt, begrüße ich ausdrücklich. Der Tourismus ist für Thüringen ein relevanter Wirtschaftsfaktor und eine wichtige Standortgröße. Ich freue mich, dass ich hier zur Versachlichung zunächst ein paar Daten beitragen kann. Die aktuellen Daten des Wirtschaftsfaktors „Tourismus“ unterstreichen diese Bedeutung. Im Jahr 2024 hat der Thüringer Tourismus einen Bruttoumsatz von immerhin 4,17 Milliarden Euro erwirtschaftet. Das sind 10 Prozent mehr als im letzten Vor-CoronaJahr 2019. Mehr als 82.000 Arbeitsplätze hängen direkt oder indirekt vom Tourismus ab und rund 390 Millionen Euro fließen jährlich allein über die Mehrwert- und die Einkommensteuer in die öffentlichen Haushalte. Hinzu kommt die beachtliche Zahl von 98 Millionen Aufenthaltstagen in Thüringen, davon mehr als 72 Millionen im Tagestourismus. Das zeigt, wie stark die Branche wirkt, gerade auch im ländlichen Raum. Thüringen profitiert überall von diesem Wirtschaftszweig. Jeder Aufenthalt bedeutet Arbeitsplätze, regionale Aufträge, Wertschöpfung und Investitionen. Touristische Infrastruktur kommt nicht nur Gästen zugute, sondern natürlich auch den Einwohnerinnen und Einwohnern, den Unternehmen und es stärkt die Lebensqualität vor Ort. Sehr geehrte Damen und Herren, das vorhandene Potenzial des Tourismus zu erschließen, um mehr Wertschöpfung zu generieren – genau das ist das Ziel der künftigen Landestourismusstrategie. Grundlage für diese neue Strategie sind Ergebnisse, knallharte Fakten eines breiten Arbeitsgruppenprozesses, in dem Vertreterinnen und Vertreter aus Verbänden, Regionen, Praxis und Verwaltung Empfehlungen für die künftige Ausrichtung erarbeitet haben. Mein Haus hat dem Ausschuss diese Ergebnisse zur Verfügung gestellt und ich möchte diese Ergebnisse hier auch noch einmal kurz in einer kompakten Form für Sie zusammenfassen. Da gibt es unterschiedliche Arbeitsgruppen. Eine Arbeitsgruppe ist die Arbeitsgruppe „Produkt“, die bestätigt, dass Thüringen vor allem durch sein Gesamtkunstwerk überzeugt: Das ist die enge Verbindung zwischen Natur und Kultur, getragen von Geschichte, von Handwerk und von lebendiger Gegenwart. Gäste erwarten heute vor allem Qualität, stimmige Erlebnisse, ganz klare Empfehlungen und selbstverständlich digitale Buchbarkeit. Unsere Aufgabe ist es daher, stärker aus der Sicht des Gastes zu denken und Produkte zu entwickeln, die Aufenthalte verlängern und auch Wiederbesuche auslösen. Deutlich geworden ist aber auch, dass Teile der Branche unter Investitionsdruck stehen, dass Nachfolger fehlen und dass in einigen Bereichen ein Mangel an herausragenden Gastgebern existiert. Genau hier setzen wir an, mit einer Qualitätsorientierung, die sowohl Wertschätzung – zum Grünen Herz komme ich noch – als auch Wirtschaftlichkeit stärkt. In der zweiten Arbeitsgruppe, der Arbeitsgruppe „Betriebe“, wurde klar herausgearbeitet, dass Tourismusunternehmen vor erheblichen Transformationsaufgaben stehen. Die Herausforderungen liegen in der Dekarbonisierung, der Digitalisierung, den steigenden Kosten und, Herr Abicht, im Fachkräftemangel. Vorgeschlagen wurde ein niederschwelliges Förderprogramm, das Digitalisierung und klimabezogene Investitionen zusammenführt. Zudem wurde auch deutlich, wie wichtig Bürokratieabbau – und den betreiben wir hier in seiner Reinstform –, digitale Antragsverfahren, gebündelte Vor-Ort-Prüfungen und eine bessere Verzahnung der vorhandenen Förderinstrumente sind. Die Fachkräftesicherung bleibt ein Schlüsselfaktor. Deswegen ist es wichtig, hier im Landtag keine negativen Vibes in Bezug auf Fachkräfte aus dem Ausland zu setzen. Es ist unsere Verantwortung, das Image auch an dem Punkt positiv darzustellen und nicht aus dem Landtag heraus negativ zu zeichnen. (Beifall CDU, BSW, SPD) Es braucht ein besseres Image der Branche, Ausbildungsbereitschaft und schnellere Verfahren zur Integration ausländischer Kräfte. Auch das Thema angemessener Löhne und Preisakzeptanz wurde angesprochen – ein Thema, das Betriebe, Gäste und Politik gleichermaßen betrifft. Die Arbeitsgruppe „Digitalisierung“ hat bestätigt, dass Thüringen mit der ThüCAT eine starke technische Infrastruktur besitzt. Damit diese ihre Entwicklung auch entfalten kann, müssen wir die Datenqualität deutlich verbessern, die Buchbarkeit, digitale Bezahlungssysteme erleichtern, Schnittstellen und Ausspielungen weiterentwickeln. Ziel ist es, perspektivisch zu einem digitalen One-Stop-Only – wie das in Thüringen auch an vielerlei Punkten gedacht wird –, zu einem digitalen One-Stop-Shop zu kommen, der Buchung, Ticketing, Information, Mobilität und Payment bündelt. Das wird ein wichtiges Kernprojekt der neuen Strategie werden. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Organisation und die Finanzierung. Unsere zehn Destinationsmanagementorganisationen sind das Rückgrat der touristischen Entwicklung. Wir haben mit ihnen gemeinsam eine neue Förderstruktur erarbeitet, die ab 2026 neue Planungssicherheit gibt. Gleichzeitig müssen wir kommunale Strukturen entlasten und neue Lösungen für den Erhalt von Infrastrukturen entwickeln. Erfolgreiche Beispiele wie die professionelle Pflege der Wanderwege durch ThüringenForst können hier Vorbild sein. Ähnliche Modelle prüfen wir derzeit auch für den Wassertourismus. Auch die Frage der kommunalen Abgaben – Tourismusbeitrag, Kulturabgabe, Kurbeitrag oder Bettensteuer – spielt in vielen Diskussionen eine Rolle. Hier arbeiten wir gemeinsam mit dem Innenministerium und den kommunalen Spitzenverbänden an einer Lösung, die fair, einheitlich und auch praxistauglich ist. Die Arbeitsgruppe „Marke und Zielgruppe“ hat die zentrale Bedeutung der Marke unterstrichen. Sie alle wissen, dass das Grüne Herz hier einen wesentlichen Anteil darstellt, der uns mit Stolz erfüllt. Das Grüne Herz zum Pochen, zum Schlagen, zum Erleben, zum Beleben zu bringen, ist eine Grundlage. Hier wird Raum eingenommen und das macht uns sichtbar in Thüringen und über Thüringens Grenzen hinaus. (Beifall CDU, BSW) Die Landes- und die Tourismusmarke müssen aus der eigenen Identität heraus entwickelt werden. Die Positionierung Thüringens, wo Weltkultur Identität stiftet und die Natur neue Perspektiven schenkt, beschreibt dieses Selbstverständnis. Sie verbindet auf der einen Seite Authentizität, Geschichte, Naturerlebnis und Innovationskraft. Wichtig ist auch, dass diese Markenidentität künftig durchgängig entlang der gesamten Customer Journey vermittelt wird. (Zwischenruf Abg. Häußer, AfD: Customer Journey?) Wollen wir eine Übersetzung? Brauchen wir nicht, oder? (Zwischenruf aus der Fraktion der AfD: Wir wollen Deutsch!) Kundenanlehnung, ja. Wichtig ist, dass diese Markenidentität künftig durchgängig erfolgt. Von der Produktentwicklung – jetzt bekommen Sie die Vokabeln noch mal ein bisschen tiefer dargelegt – über das Erlebnis vor Ort bis hin zur Kommunikation nach der Reise, das ist die Journey. Die Zielgruppen zeigen neue Potenziale. Schließlich hat die Arbeitsgruppe „Mobilität“ – eine weitere Arbeitsgruppe – deutlich gemacht, dass Erreichbarkeit und Mobilität zentrale Bestandteile des touristischen Produkts sind. Wir werden uns an dem Integralen Taktfahrplan Thüringen 2030 beteiligen, die Fahrradmitnahme mit dem ÖPNV verbessern, Mobilitätsstationen ausbauen und innovative Lösungen für die letzte Meile voranbringen. Von autonomen Shuttles bis zu On-Demand-Angeboten wurden viele Ansätze diskutiert. Digitalisierung spielt auch hier eine entscheidende Rolle, etwa durch Echtzeitinformationen, vernetzten Apps und die Anbindung an die eben erwähnte ThüCAT. Die Idee einer landesweiten Gästekarte mit integriertem Nahverkehr werden wir in die weitere Strategieentwicklung aufnehmen. Bestehende Angebote wie die Thüringer Wald Card oder das Rennsteig-Ticket zeigen, dass es hierfür bereits gute Voraussetzungen gibt. Sehr geehrte Damen und Herren, der Staat Thüringen investiert seit Jahren in großem Umfang in touristische Infrastruktur. Im Namen der GRW-II-Förderung wurden allein im Jahr 2024 mehr als 55 Millionen Euro an Investitionen ermöglicht und das Land Thüringen hat sich daran mit Zuschüssen von knapp 40 Millionen Euro beteiligt. Nach aktuellem Stand werden auch im laufenden Jahr 2025 wieder Investitionen von knapp 40 Millionen Euro durch das Land unterstützt. Hierbei sind einige besondere großvolumige Vorhaben noch nicht bewilligt, sodass sich diese Zahl auch noch deutlich erhöhen wird. Gefördert wurden und werden unter anderem Radwege, Premiumwanderwege, Thermeninfrastruktur, digitale Informationssysteme und Besucherlenkung am Thüringer Meer. Diese Projekte, das wissen wir, verbessern die Qualität erheblich und kommen den Gästen und damit auch den Übernachtungen zugute.

Protokoll ↗