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Steffen Quasebarth

BSW 15.05.2025 Sitzungen 8/17

Viertes Gesetz zur Änderung des Thüringer Feier- und Gedenktagsgesetzes – Einführung eines Feiertags für die Befreiung vom Nationalsozialismus am 8. Mai

Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, liebe Zuschauer am Livestream und liebe wenige Besucher auf der Besuchertribüne, was soll ich sagen? Wir sehen uns wieder. Thema „8. Mai“, Anlass: ein weiterer Anlauf der Linken, diesen Tag zum gesetzlichen Feiertag zu erklären. Gefühl: irgendwas in Richtung Déjàvu. Aber gut, wenn ich schon den Staffelstab in der Hand habe, dann gebe ich auch weiter und wie immer tue ich das natürlich mit dem allergrößten Respekt vor dem Thema. Auch wenn wir hier nun schon zum vierten Mal innerhalb von gut sieben Monaten über denselben Kalendertag reden, ist es kein beliebiger – Sie haben das schon gesagt, Herr Schaft –, es ist der 8. Mai, ein Tag, der so viel mehr ist als ein Datum. Ich habe in meinen früheren Reden von meiner Großmutter erzählt, von meiner Mutter, von den Bombennächten, von zerbombten Fassaden, von Wut, von klarer Sicht und von der Lektion, dass der 8. Mai eben nicht nur ein Ende war, sondern auch ein Anfang. Heute will ich weniger über meine Familie sprechen, heute will ich über uns sprechen, über dieses Haus und über das, was wir hier eigentlich tun sollten. Denn wir reden – Sie haben es schon gesagt – nicht nur über einen Tag, wir reden über Erinnerungen, und damit über nichts Geringeres als über die Frage: Wie erinnern wir uns eigentlich? Da wird es spannend. Liebe Kolleginnen und Kollegen von der Linken, ja, das gestehe ich Ihnen absolut zu, Sie meinen es ernst, und ja, ich sehe Ihre Beharrlichkeit. Dreimal zuvor haben Sie versucht, den 8. Mai zum gesetzlichen Feiertag zu machen. Dreimal haben ich und mein politisches Lager gesagt: Nein zum Feiertag, aber Ja zu mehr Raum zum Erinnern. (Zwischenruf Abg. Große-Röthig, Die Linke: Hat nicht gut geklappt dieses Mal!) Und wissen Sie was? Das ist kein billiges „Ja, aber“, das ist ein durchdachtes „Nein, weil“. Nein, weil ich glaube, dass Erinnern mehr ist als ein Feiertag, weil Erinnern nicht zwischen Rasenmähen und Baumarkt erledigt wird, weil Erinnerung Raum und Tiefe braucht, keine Stilllegung. Feiertage sind eben auch gefährlich bequem und der 8. Mai hat mehr verdient als ein verlängertes Wochenende. Er hat Tiefe verdient, er hat kontroverse Gespräche verdient und manchmal auch Unbequemlichkeit. Deswegen habe ich mich entschieden, in diesem Jahr etwas anderes zu machen. Ich habe also keine Sonntagsrede zum 8. Mai gehalten. Wir mussten ja ohnehin alle arbeiten, wenn wir nicht gerade dabei waren, die Toten zu ehren. Ich habe eine ganze Woche lang erinnert. Ich habe Videos produziert, in denen ich diesen 8. Mai in seine einzelnen Tage zerlegt habe. Denn wir hatten eine ganze Woche, die das Kriegsende markiert hat. Ich habe diese Videos in den sozialen Netzwerken geteilt und viele Tausend Zuschauer haben mir gezeigt, dass es durchaus ein Bedürfnis gibt, Fragen zu stellen, Fragen wie beispielsweise: Was bedeutet der 8. Mai für uns in Thüringen, in Europa, hier bei uns, in unserer Gesellschaft? Wer wurde befreit und wer hat diesen Tag am Ende ganz anders erlebt? Was heißt Erinnerung in einer Zeit, in der TikTok länger wirkt als der Geschichtsunterricht? Und das will was heißen. Ich habe über meine Großmutter gesprochen und über Reims, über Prag, über Norwegen, über die 20 Millionen Menschen, die auf russischer Seite gestorben sind, um die Nazis zu stoppen, und über die Versuchung, Geschichte zu instrumentalisieren. Ich habe versucht, eben nicht zu urteilen, sondern Menschen einzuladen, einander mehr zuzuhören und zu erzählen, denn das ist für mich der Kern: nicht ein freier Tag im Kalender, sondern ein bewohnbarer Denkraum. Ein Raum, in dem Schüler Fragen stellen dürfen, ein Raum, in dem Ältere erzählen, ein Raum, in dem Museen mehr sind als Lagerhäuser für Erinnerungen, sondern Werkstätten der Erkenntnis. Ich bin nicht gegen Gedenken, ich bin gegen Erstarrung. Ich bin nicht gegen Symbole, ich bin gegen Symbolpolitik. Ich will nicht nur erinnern, ich will, dass wir uns erinnern, denken und begreifen. Deshalb bleibt meine Antwort auf Ihren Antrag dieselbe, aber nicht, weil ich Ihre Idee gering schätze, sondern weil ich sie weiterdenke. Der 8. Mai ist kein Feiertag, er ist eine Aufgabe, eine Aufgabe, der wir nicht mit Freizeit begegnen sollten, sondern eben mit Beteiligung, mit Bildung – Sie haben es gesagt –, mit Begegnung. Deshalb mein Vorschlag: Lassen Sie uns diesen Tag nicht freistellen, lassen Sie ihn wirken, eine Woche lang, in den Schulen, in den Vereinen, im Land. Ich habe gezeigt und erlebt, dass das den Blick weitet und die Perspektive verändert. Denn Erinnern, richtig Erinnern braucht mehr als einen freien Tag, es braucht einen beweglichen Geist. Ich werde Ihren Antrag also heute nicht unterstützen – ich sehe, dass Sie eine Frage haben, lassen Sie mich noch zu Ende kommen, ich bin gleich fertig –, und zwar nicht aus Trotz, nicht aus Prinzip, sondern aus Überzeugung. Der 8. Mai soll kein Pflaster auf unserer Geschichte sein, sondern eine Narbe, die uns spüren lässt, wo wir herkommen und was wir nicht wieder zulassen dürfen. Ich danke Ihnen. (Beifall BSW)

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