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Karawanskij

07.07.2023 Sitzungen 7/115

Verordnung von Pubertätsblockern nur nach fachärztlicher Untersuchung – Keine staatlich finanzierte Werbung

Vielen Dank, Herr Präsident. Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete, es gab jetzt auch schon einige Diskussionen. Ich möchte durchaus noch mal für die Landesregierung zu dem Antrag Stellung nehmen. Die Therapie und auch die pharmazeutische Betreuung von transgeschlechtlichen Menschen, insbesondere von Kindern und Jugendlichen, ist außerordentlich komplex und lässt sich, glaube ich, nicht nur auf einen Strang zurückführen. Die im Antrag der AfD verwendeten Begriffe „Geschlechtsinkongruenz“ oder „Geschlechtsdysphorie“ werden in dem in Deutschland geltenden Diagnosesystem als Störung der Geschlechtsidentität des Kindesalters bzw. im Jugendalter als psychische und Verhaltensstörung in Verbindung mit der sexuellen Entwicklung und Orientierung klassifiziert. Diese sind definiert durch ein anhaltendes Unbehagen bezogen auf das Geburtsgeschlecht und den Wunsch, als Angehöriger des anderen Geschlechts zu leben; oftmals verbunden mit dem Wunsch nach einer operativen oder hormonellen Geschlechtsangleichung. Aber um das jetzt hier klarzustellen: Die Einnahme von Pubertätsblockern ist nicht automatisch mit einem operativen Eingriff verbunden. Vielmehr soll damit Zeit verbunden werden, damit eine solch weitreichende Entscheidung eben nicht leichtfertig oder – wie es auch im Antrag beschrieben ist – aus einer Laune heraus getroffen wird. Dies versucht die AfD hier darzustellen. Menschen, die sich mit dem sogenannten falschen Geschlecht geboren fühlen, erleben meist einen sehr hohen psychischen Leidensdruck, sind leider auch in der heutigen Zeit noch vielfach von gesellschaftlicher Ausgrenzung betroffen. Das betrifft alle Altersgruppen, gerade auch Kinder und Jugendliche, die kurz vor dem Erwachsenwerden stehen. Meine Damen und Herren, ein pauschales Verbot von therapeutischen Maßnahmen – so wie die AfDFraktion das hier mit ihrem Antrag fordert – hilft wirklich niemandem. (Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Es produziert das Gegenteil. Es verstärkt nämlich den ohnehin schon enormen Leidensdruck dieser Menschen zusätzlich. Selbstverständlich bedarf es in allen Fällen einer intensiven fachärztlichen Betreuung. Die Diagnostik und die Therapie der Geschlechtsdysphorie und Geschlechtsidentitätsstörung sind daher stringent geregelt. Das ist eine Regelung und eine Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, wonach entsprechend gehandelt wird. Als Voraussetzung für eine medizinische Behandlung mit Pubertätsblockern nennt die Leitlinie unter anderem eine Diagnosestellung durch einen mit Geschlechtsidentitätsstörungen erfahrenen Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, eine hohe Diagnosesicherheit, eine Indikationsentscheidung im multiprofessionellen Team, eine langfristig angelegte begleitende Einzelpsychotherapie sowie den Ausschluss schwerer, die Behandlung beeinflussender psychosoziale Probleme. Für die im AfD-Antrag angeführte Behauptung, dass Informationskampagnen wie das „Regenbogenportal“ der Bundesregierung das vorübergehende Erleben von Geschlechtsinkongruenzen bei Kindern und Jugendlichen befördern, gibt es keine empirischen Belege. Ich weiß nicht, ob Sie sich die Webseite angeschaut haben, es ist da auch überhaupt nicht dargestellt. Es lohnt sich vielleicht, auch mal reinzuschauen. Vor allem aber lassen sich keine Hinweise dafür finden, dass die mediale Präsenz des Themas den den geschilderten Leitlinien gemäßen ausführlichen Prozess der Diagnostik und Indikationsstellung beeinträchtigt und damit zu einem Anstieg nicht indizierter medizinischer geschlechtsangleichender Behandlungen führt. (Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Zusammenfassend spricht die Datenlage statt für ein Verbot von geschlechtsangleichenden medizinischen Behandlungen bei Geschlechtsdysphorie für eine individualisierte medizinische, psychiatrische und psychologische Diagnostik und Behandlung, genauso wie es die aktuellen Behandlungsleitlinien bereits vorschreiben. Aber natürlich brauchen wir weiterhin Forschung und mehr Datenlagen, um das sowohl besser zu behandeln bzw. zu betreuen als auch natürlich in der Gesellschaft zu implementieren bzw. damit gesellschaftlich umzugehen. Vielen Dank. (Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Protokoll ↗