Holter
Lehrerbildung weiterdenken – Schritte zu einer Reform der zweiten und dritten Phase der Lehrerbildung
Sehr geehrte Frau Präsidentin, meine Damen und Herren Abgeordneten, liebe Schülerinnen und Schüler, liebe weitere Zuschauerinnen und Zuschauer, wie die Debatte gezeigt hat, kann man ein Einzelthema im Bereich der Bildungspolitik aufmachen und doch über alles reden. Das ist auch gut so, dass man über alles redet, das will ich gar nicht kritisieren. Damit wird, liebe Schülerinnen und Schüler, auch deutlich, dass Bildungspolitik ein vielfältiges, komplexes Thema ist. Man kann sich die einzelnen Themen herauspicken, man kann aber auch über alles reden. Da will ich deutlich sagen: Wenn man über alles redet, dann muss man auch deutlich machen, dass seit 2017 – seitdem bin ich hier Bildungsminister – vieles in Thüringen passiert ist. Wir haben erstens den Stellenabbau eingestellt, zweitens über 1.000 Lehrerinnen und Lehrer jährlich eingestellt, davon – Herr Jankowski, wir kommen in der Fragestunde noch mal darauf zurück – 1.350 Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger seit dem Schuljahr 2018/2019. Einige davon sind wieder abgesprungen, das machen wir dann, wie gesagt, in der Fragestunde konkreter, aber sie ergänzen uns. Insgesamt fehlen im Thüringer Schulbereich zwei Lehrergenerationen: die einen, die jetzt systematisch in den Ruhestand eintreten, und die anderen, die in der Vergangenheit nicht eingestellt wurden. Das ist meine Herausforderung. Das ist unsere gemeinsame Herausforderung, das abzusichern. Wenn Ihr an Euren Schulen sicherlich Unterrichtsausfall habt und wir heute hier über Lehrermangel sprechen, dann meine ich, sollten wir viel mehr darüber reden, wie wir die Qualität Eures Unterrichts und jede Stunde absichern. Das ist das Ziel meiner Politik. Hinzu kommt, dass wir natürlich Schülerprognosen haben. Aber wir haben über die Prognosen hinaus aktuell 6.000 bis 7.000 Schülerinnen und Schüler mehr im Schulsystem. Diejenigen, die aus Erfurt oder aus Gera kommen – ich weiß jetzt nicht, wo die Schülerinnen und Schüler im Einzelnen herkommen, die oben auf den Zuschauerrängen sitzen –, wissen, dass wir gemeinsam mit den Schulverwaltungsämtern Sondermaßnahmen einleiten müssen, um alle Schülerinnen und Schüler zu beschulen. Diese Maßnahmen werden auch umgesetzt. Wir werden hier ganz konkret die fünf Tage, die fünf Werktage in Anspruch nehmen, wir werden auch diejenigen, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind, in Vorklassen so beschulen, dass sie ihr Deutsch so beherrschen, dass sie am Unterricht teilnehmen können, und viele andere Dinge mehr. Wenn ich dann gestern in der Zeitung lese, dass die Verbeamtung der Lehrerinnen und Lehrer die Pensionskasse des Landes belastet, dann ist das eine Konsequenz daraus, dass wir gesagt haben, wir müssen das Bildungsland Thüringen attraktiver machen – Verbeamtung gehört dazu.
(Beifall DIE LINKE)
Nun kann man viel über Verbeamtung reden, das will ich aber gar nicht. Aber es ist ein Baustein im Wettbewerb der Länder um mehr Lehrerinnen und Lehrer. Und wenn ich da aus Bayern höre, dass Markus Söder und den Kollegen Dr. Piazolo, das ist der dortige Bildungsminister, das alles nicht interessiert und sie auf Kannibalisierung setzen und aus anderen Ländern die Lehrerinnen und Lehrer gewinnen wollen und das auch mit kräftigen Zulagen bzw. Bezahlung von Umzugskosten, da muss ich sagen: Wir haben schon längst die A13 für alle Lehrerinnen und Lehrer, also alle Lehrerinnen und Lehrer werden gleich bezahlt, im Einstiegsamt.
(Beifall DIE LINKE)
Das ist ein Ergebnis unserer Politik. Bayern hat zum Beispiel für die Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer die A13 noch gar nicht eingeführt, das wollen sie erst nach der Landtagswahl machen. Da bin ich der Überzeugung: Thüringen setzt Beispiele und ist vorn dran, was die Bekämpfung des Lehrermangels betrifft. Und, liebe Frau Baum, in Bezug auf das, was Sachsen-Anhalt gemacht hat: Ja, wir haben die Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger, das wissen Sie auch, und wir stellen auch Fachhochschulabsolventinnen und ‑ absolventen ein und wir sind in der Diskussion mit den Fachhochschulen hier in Thüringen, dass wir keine Einzelfallprüfung mehr machen, sondern dass wir bestimmte – und das sind 16 Studiengänge in Thüringen – allgemein anerkennen: Damit hast du die Voraussetzung, als Seiteneinsteiger und Seiteneinsteigerin in unseren Schuldienst zu kommen. Natürlich können wir schneller werden, aber wir haben ein Karriereportal aufgebaut. Das Bildungsministerium hat für die gesamte Landesregierung das Karriereportal gemeinsam mit der Staatskanzlei entwickelt und wir haben Onlinebewerbungen. Über tausend Lehrerinnen und Lehrer einzustellen, ist ein Massengeschäft. Die Briefe und E-Mails, die Sie bekommen – ich bekomme auch solche Briefe –, sind alles die Beispiele, wo es nicht funktioniert. Jeder Einzelfall ist es wert, im Einzelnen betrachtet zu werden, und in jedem Einzelfall gibt es irgendeine Hürde, irgendeine Baustelle, an die wir ranmüssen. Deshalb bin ich der Überzeugung, wir müssen an unser Regelwerk ran. Wenn wir an das Regelwerk nicht rangehen, dann werden wir es nicht schaffen, diejenigen, die Ihnen schreiben, die mir schreiben, in unser System zu holen. Da sage ich Ihnen deutlich: Mir ist es lieber, jemanden mit zehn Jahren Berufserfahrung zu haben, der im Ausland den Abschluss gemacht hat, aber nicht alle Leistungspunkte nachweisen kann, die an einer deutschen Universität erreicht werden. Es ist doch wichtiger, den Unterricht mit erfahrenen Lehrerinnen und Lehrern abzusichern, als zu sagen, weil wir in den Formularen nicht drei Kreuze machen können, musst du draußen bleiben. Ich sage mir: Lieber rein und damit den Unterricht absichern mit engagierten Lehrerinnen und Lehrern, die auch noch empathisch mit den Schülerinnen und Schülern arbeiten. Das ist mir wichtig. Jeder ist mir wichtig und jeder ist auch wertvoll für unser System. Ich will hier eine Lanze brechen für die Kolleginnen und Kollegen in den Schulämtern. Natürlich stehen die unter Druck. Die stehen unter mehrfachem Druck: auf der einen Seite durch die Bewerberinnen und Bewerber, auf der anderen Seite durch das Ministerium, durch Sie hier als Parlament, durch diejenigen, die im Schulbereich arbeiten sowieso. Aber die Kolleginnen und Kollegen arbeiten mit Hochdruck genau an diesen Themen, weil sie wissen: Für die Kinder, für die Jugendlichen ist es das Beste, was wir konkret leisten können. Ja, Herr Tischner, ich teile ihre Auffassung: Lehramtsausbildung ist der Dreh- und Angelpunkt, vollkommen richtig. Da können wir uns über verschiedene Wege streiten, streiten jetzt im positiven Sinne des Argumentenaustauschs. Das halte ich auch für wichtig, dass man darüber spricht und die Argumente auf den Tisch packt. Wenn es uns aber nicht gelingt, auch in der ersten Phase der Lehramtsausbildung Veränderungen zu erreichen, um tatsächlich den jungen Leuten den Weg zum Lehramt zu eröffnen, egal welche Fächerkombination, dann wird das meines Erachtens nichts. Und da sind wir auch in Gesprächen mit den Universitäten, das halte ich für richtig und notwendig. Und ja, Frau Baum, wir werden den Weg des dualen Studiums gehen, das haben wir hier in Erfurt vorbereitet und wir wollen 2024 damit anfangen. Und wir wollen auch für diejenigen, die ein Studium abgeschlossen haben, nicht nur die Möglichkeit für den Vorbereitungsdienst eröffnen, den klassischen Weg zu gehen. Dazu werde ich auch gleich noch mal was sagen. Wir wollen auch hier ein duales Angebot machen. Das hat einfach damit zu tun, die Bindekräfte zu erhöhen und auch denen den Einstieg in den Lehrerberuf zu ermöglichen, die möglicherweise auch aufgrund ihrer familiären Situation, ihrer Einkommenssituation das für sich ausschließen müssen. Ich will damit deutlich machen: Die Situation, die im Bildungsbereich besteht, ist so komplex, dass praktisch viele Bausteine, kleine Bausteine, große Bausteine, zusammengetragen werden müssen, um tatsächlich dann dorthin zu kommen, um dann auch jeden und jede, die/der befähigt ist, Lehrerin und Lehrer zu sein, in unseren Schuldienst aufzunehmen. In der Debatte, meine Damen und Herren, ist es schon deutlich geworden: Wir stellen nicht infrage, dass wir die drei Phasen der Lehramtsausbildung brauchen. Erste Phase ist das Studium, zweite Phase der Vorbereitungsdienst, manchmal auch Referendariat genannt, und die dritte Phase ist dann die Fortbildung, wenn jemand oder wenn alle tatsächlich im Schuldienst sind. Was aber passiert? Wir haben in Thüringen Studienseminare in Erfurt und Gera und wir haben Seminarschulverbünde für die zweite Phase, also für den Vorbereitungsdienst. Das ändern wir jetzt und das werden wir auch, Herr Tischner, jetzt zu Beginn des neuen Schuljahres ändern. Wir haben uns entschieden, ein Gesamtstudienseminar in Thüringen aufzubauen, das wird hier in Erfurt sein, und wir werden fünf Außenstellen, fünf Regionalstellen einrichten: Erfurt, Gera, Meiningen, Nordhausen und Eisenach. Dort werden diese Studienseminare angesiedelt sein. Wir werden das auch so regeln, dass diejenigen, die für bestimmte Fächerkombinationen für bestimmte Schulämter ausgebildet sind, dann ihren Vorbereitungsdienst in der Region haben. Sie sollen sich möglichst dort auch in der Region heimisch fühlen, dazu können alle einen Beitrag leisten. Sie sollen nicht nur in der Schule ankommen, sie sollen auch vor Ort, im Dorf, in der kleinen Stadt ankommen, sich im Verein organisieren, sich sesshaft machen, damit sie dann nach dem Vorbereitungsdienst auch ihren Lebensmittelpunkt und ihre Arbeit an einer Schule in der Region tatsächlich fortsetzen. Es geht also darum, die Bindekräfte und die Anbindung junger Leute gleich im Vorbereitungsdienst so zu entwickeln, dass sie dann auch in den ländlichen Regionen tatsächlich zu Hause sind. Dazu – das hat Herr Tischner ausgeführt, ja, das war Ihr Vorschlag –: Wir haben die Gelder bereits im Haushalt eingestellt und werden sie auch ganz konkret einsetzen und werden damit beginnen, die Stellen für die Fachleiterinnen und Fachleiter auszuschreiben, die dann an diesen Arbeitsorten notwendig sind. Fachleiterinnen und Fachleiter – für euch noch mal gesagt – sind diejenigen, die die jungen Leute anlernen und auf ihrem Weg in dieser zweiten Phase begleiten. Wir werden diese dann also an das Studienseminar Erfurt abordnen – so heißt das jetzt formal technisch –, aber ihr Arbeitsort wird die Regionalstelle im Norden, Süden, Westen, Osten und in der Mitte sein. Das halte ich auch für richtig. Das ist genau der Weg, den wir in diesem Zusammenhang gehen. Wenn wir jetzt – wie Torsten Wolf das gesagt hat – diese Neustrukturierung der Studienseminare vornehmen, fallen die bisherigen Studienseminare und die 17 anderen Untergruppen, die wir da alle haben in Thüringen – das muss man sich mal vorstellen, 17 Strukturen, die wir haben –, das fällt alles weg, und wir haben eine klare einheitliche Struktur und bauen damit eine zukunftsfähige Struktur der Studienseminare für die zweite Phase der Lehramtsausbildung auf. Damit, meine Damen und Herren, bin ich der Überzeugung, werden wir mit dem Schuljahr 2023/2024 einen riesengroßen Reformschritt gehen, um tatsächlich dann die zweite Phase der Lehramtsausbildung so auf den Weg zu bringen, dass sie genau diese Effekte bringt, junge Leute, Studierende oder dann schon Absolventen besser gesagt und zukünftige Lehrerinnen und Lehrer in die Regionen zu bringen. Letzter Satz, den ich sagen will: Lieber Herr Tischner, ja, wir diskutieren auch über die zweite und dritte Phase, wir wollen ja bei diesem Schritt jetzt nicht stehenbleiben. Wir haben ein Konzept entwickelt, wie wir die zweite und dritte Phase dann zusammenführen können. Wir haben aber den Handlungsbedarf in Bezug auf die Studienseminare so groß gesehen, dass wir diesen als ersten gehen. Wir wollen dann die zweite und dritte Phase zusammenführen, um das dann tatsächlich noch viel komplexer anzugehen, zentral zu steuern, aber regional auch tatsächlich verankert zu sein. Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit und ich wünsche uns gemeinsam alles Gute und freue mich auf die interessante Diskussion im Ausschuss.
(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN)
