Astrid Rothe-Beinlich
b) auf Antrag der Fraktion der AfD zum Thema: „Steht Thüringens Zukunft auf dem Spiel? – Fast jeder zehnte Thüringer Schüler verlässt die Schule ohne Abschluss“
Frau Präsidentin, meine sehr geehrten Damen und Herren, erst einmal danke an meine Vorrednerin für den überwiegend sehr sachlichen Beitrag. Ich gebe zu, als Herr Höcke vorhin von Horror sprach, hatte ich eher die Horrorvorstellung, dass er wieder als Geschichtslehrer tätig sein könnte.
(Beifall SPD)
Insofern muss man sich das vielleicht auch immer wieder vor Augen führen. Eins ist klar – und da bin ich ganz bei Franziska Baum –: Jeder Schüler, jede Schülerin, die die Schule ohne einen Schulabschluss verlässt, ist eine oder einer zu viel. Das ist ein Problem, übrigens ein bundesweites. Deswegen ist es auch richtig, dass wir uns im Landtag immer wieder mit dieser Frage beschäftigen, und das tun wir ja auch gerade ganz intensiv im Ausschuss, wo wir zwei Schulgesetzentwürfe beraten. Es sind übrigens 6,4 Prozent aller Schülerinnen und Schüler in Thüringen an allgemeinbildenden Schulen, die die Schule ohne Abschluss verlassen haben. Die Schwankungsbreite kommt daher, dass sonst auch die Kinder an Förderschulen mit eingerechnet werden, die eben keinen – in Anführungszeichen – sogenannten ordentlichen Schulabschluss absolvieren. Diese Zahl zu reduzieren, ist natürlich eine große Herausforderung und der stellen sich an erster Stelle die Pädagoginnen und Pädagogen tagtäglich, aber auch die Bildungspolitik ist natürlich gefordert, und zwar, wie gesagt, im gesamten Bundesgebiet. Allerdings traue ich dem Bildungsgipfel auf Bundesebene da leider auch nicht so viel zu. In Thüringen haben wir dafür in den vergangenen Jahren vor allem Mittel über das ESF-Programm nutzbar gemacht. Somit haben Schulen mit hohen Abbrecherinnenquoten zusätzliche Ressourcen erhalten. Thomas Hartung ist auf das TeamteachingProgramm eingegangen. Ein Dank geht hier noch mal an die Kindersprachbrücke Jena, die da in ganz vielen Schulen in Thüringen aktiv war, und das mit großem Erfolg, gerade mit Blick auf die Reduzierung der Schulabbrecherinnen und Schulabbrecher. Es sind wertvolle Ansätze entwickelt worden, allerdings müssen wir als Fazit leider konstatieren, dass es uns insgesamt, und zwar bundesweit, in den letzten 20 Jahren nicht gelungen ist, Herkunft und Bildungserfolg voneinander zu entkoppeln. Auch in Thüringen konnten wir nicht verhindern, dass Schülerinnen und Schüler aus sozial schwächeren Elternhäusern nach der Grundschule deutlich seltener höher qualifizierte Schularten und Bildungsgänge als Gleichaltrige mit sogenanntem hohen Sozialstatus besuchen. Wir konnten auch nicht verhindern, dass bereits im Grundschulalter Leistungsrückstände von bis zu einem Lernjahr bestehen und sich die Ungleichheiten weiter verfestigen. So trauen sich Jugendliche mit niedrigem Sozialstatus mit Blick auf ihre Berufsvorstellungen bereits in der Jahrgangsstufe 8 wesentlich weniger zu, obwohl sie durchaus höhere Ziele anstreben. Am Ende der Schullaufbahn verlassen eben Schülerinnen aus sozial schwächeren Elternhäusern die Schule fast dreimal so häufig ohne Schulabschluss wie diejenigen, die günstigere Voraussetzungen mitbringen. Zwar gelingt es den meisten Jugendlichen, in späteren Jahren einen Abschluss nachzuholen, die letztendliche Quote ohne Schulabschluss beträgt dann 1,5 Prozent, wozu übrigens vor allem die beruflichen Schulen einen ganz wichtigen Beitrag leisten. Aber auch im berufsbildenden Bereich ist die Abbrecherinnenquote relativ hoch, die bewegt sich zwischen 11 und 14 Prozent. Bereits im Zuge der Diskussionen um die Schlussfolgerungen aus der Coronapandemie haben wir unsere Prämissen deutlich gemacht, wo wir Schwerpunkte sehen, denn die Pandemie hat den Fokus auf Bildungsbenachteiligung durchaus noch einmal geschärft. Ich will vier Punkte benennen: Das war zum einen die Digitalisierung, wozu es auch einen großen Beschluss hier im Landtag gab. Dann zweitens das Thema „Schulentwicklung“, da brauchen Schulen tatsächlich Luft zum Atmen, ich verweise aber auch auf Schulentwicklungsprogramme, Qualitätsrahmen etc., dann die Stärkung von Resilienz, sowohl der Lernenden als auch natürlich der Schulen selbst, und das Thema „Diagnose und Förderung“. Aufgrund der zunehmenden Heterogenität auch der Schülerinnen sowie des Anspruchs auf individuelle Förderung benötigen wir zudem flexiblere Instrumente und Wege in der Schullaufbahn. Ich verweise mal auf die flexible Schuleingangsphase, die wir als großen Erfolg sehen. Wir wünschen uns flächendeckend auch eine individuelle Abschlussphase und verweisen aber auch auf die Diskussionen, die gerade stattfinden, zum Abitur – ich nenne es mal: im eigenen Takt. Im Zuge des IQB-Ländertrends 2021 wurde deutlich, dass gerade die Länder, die sich konsequent und verbindlich mit den Ergebnissen der Kompetenztests auseinandersetzen, beispielsweise einen Sozialindex zur Ressourcensteuerung verwenden und ein durchgängiges Bildungsmonitoring durchführen, deutlich bessere Ergebnisse erzielen. Das sieht man schön am Beispiel Hamburg. Die Ständige Wissenschaftliche Kommission der KMK hat zudem kürzlich Empfehlungen für den Grundschulbereich vorgelegt und deutlich gemacht, dass Diagnose und Förderung grundlegender sprachlicher und mathematischer Kompetenzen als die zentrale Herausforderung in den Mittelpunkt bildungspolitischer Herausforderungen zur Grundschule gestellt werden müssen, da auf ihnen die weiteren Bildungsverläufe aufbauen. Abschließend kann ich sagen, dass wir diese Erkenntnisse auch in Thüringen nutzen werden und es deswegen auch viel Reformbedarf gibt, der aber bereits in der Bearbeitung ist, und wir weiter konsequent vor allem am Abbau von Bildungsbarrieren arbeiten sollten. Das tun wir übrigens auch, wenn wir über das Kindergartengesetz sprechen, beim Zentrum für frühe Bildung, bei der Sprachförderung von Anfang an, beim Ausbau des Ganztags, beim längeren gemeinsamen Lernen und vielen mehr. Vielen herzlichen Dank.
(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN)
