thueringer-landtag.de ↗

Prof. Dr. Speitkamp

02.02.2023 Sitzungen 7/101

b) Integration von Seiteneinsteigern ins Thüringer Schulsystem verbessern, Unterrichtsausfall vermeiden

Frau Präsidentin, sehr geehrte Abgeordnete, liebe Schülerinnen und Schüler, wir haben heute wieder gesehen: Keines der öffentlich diskutierten Themen ist so aufregend wie der Lehrermangel, der Mangel an Lehrerinnen und Lehrern. Keines regt so sehr zur Diskussion an und erfährt so viel Beteiligung. Das gilt übrigens nicht nur für Thüringen, das gilt für Deutschland, das gilt für Europa derzeit schlechthin. Deswegen ist in dem Feld auch außerordentlich viel Bewegung. Die Ständige Wissenschaftliche Kommission hat gerade ihr Gutachten vorgelegt. Streng genommen ist es kein Gutachten, sondern eine Reihe von möglichen Maßnahmen, die man ergreifen könnte und die man kritisch betrachten sollte. Wir haben unsererseits versucht, einerseits Ressourcen zu erschließen, andererseits auch die Rahmenbedingungen zu verbessern. Das eben angesprochene Programm der Verwaltungsassistenzen und der pädagogischen Assistenzen zielt darauf. Aber auch wenn es schön wäre, kann man jetzt dazu noch nichts sagen. Man kann nur sagen: Es hat großes Interesse und auch große Begeisterung geweckt und ist entsprechend sehr stark angenommen worden. Der erste Einführungskurs am ThILLM für pädagogische Assistenzen ist gerade gelaufen. Was den Seiteneinstieg angeht, so wird in der öffentlichen Diskussion sehr gern und viel berichtet, aber häufig über Einzelfälle – über Einzelfälle, bei denen etwas schiefgegangen ist. Das ist sehr ärgerlich. Jeder einzelne Fall, der schiefgeht, ist ärgerlich. Nicht jeder ist in der genaueren Betrachtung genauso zu bewerten, wie er vielleicht in der öffentlichen Wahrnehmung erscheinen mag. Aber wie gesagt: Jeder einzelne Fall, der schiefgeht, ist ärgerlich. Aber die große Mehrzahl der Fälle läuft sehr gut und sehr erfolgreich. Es vergeht kein Tag, an dem die Kolleginnen und Kollegen in den Schulämtern, aber auch in der Lehrergewinnungskampagne bei uns keine Beratungen von Interessierten durchführen, die den Seiteneinstiegsweg wählen wollen, die vor der Entscheidung stehen, in den Beruf einer Lehrkraft zu wechseln, mit Kindern und in der Bildung im Freistaat Thüringen zu arbeiten. Das Interesse ist riesig. Insofern sind wir auch jedem dankbar, der dieses Interesse äußert und hier mit uns ins Gespräch kommt. Sehr geehrte Abgeordnete, ich möchte jetzt nicht auf Details der Anträge eingehen. Die Vorschläge und Forderungen, die dort enthalten sind, können gegebenenfalls dann, wenn Sie es so beschließen, im Ausschuss näher diskutiert werden. Stattdessen möchte ich verdeutlichen, welche Bedeutung die Landesregierung dem Seiteneinstieg für den Beruf der Lehrerinnen und Lehrer beimisst. Wir werden immer wieder sagen – und es ist auch hier schon angesprochen worden –, man soll nicht in die Geschichte zurückblicken, aber wir haben jetzt zwei Generationen von Lehrkräften in diesem Land zu ersetzen. Es sind nicht nur die, die jetzt in den Ruhestand gehen, die Boomer-Generation, die groß, aber dennoch schwer zu ersetzen ist. Wir müssen eben doch auch die Generation ersetzen, die in Thüringen, die in allen ostdeutschen Bundesländern in den 1990er- und 2000er-Jahren nicht eingestellt worden ist. Diese verlorene Lehrergeneration ist eine bildungspolitische Hypothek und es ist diese Landesregierung, die als erste versucht, diese Hypothek abzutragen. Wir versuchen, Menschen auch aus diesen verlorenen Generationen wieder für den Lehrerberuf zu gewinnen und sie in den Lehrerberuf hineinzuführen. Das ist sozusagen das Modell des Seiteneinstiegs, bei dem in den letzten Jahren enorm viel passiert ist. Thüringen hat sich seit 2017/2018 zum ersten Mal auf diesen Weg begeben, Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger aufzunehmen. Viele sehen das kritisch, das ist uns bewusst. Zwei Dinge dazu auch an die Lehrerinnen und Lehrer gerichtet, die womöglich Vorbehalte haben, was die Kompetenz von Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteigern anbelangt: Jeder Seiteneinsteiger, jede Seiteneinsteigerin, die wir gewinnen können und die wir für den Unterricht fit machen, entlastet die Lehrkräfte, die da sind, entlastet die Schulen. Bitte betrachten Sie diese Seiteneinsteigenden auch als Gewinn, als Bereicherung. Denn es handelt sich um Menschen, die bereits Erfahrung haben, die Berufserfahrung haben, die Lebenserfahrung haben, die praktische Kenntnisse haben. Sie können in die Schulen neue und möglicherweise einzigartige Erfahrungen mitbringen und eine Vielfalt an Erfahrungen aus verschiedenen Lebensetappen repräsentieren und vermitteln. Das ist aus unserer Sicht tatsächlich ein Gewinn und keineswegs nur eine vorübergehende Lösung. Insgesamt gehen wir davon aus, dass dieses Modell auch den Lehrerberuf positiv verändern wird. Es gibt eben nicht mehr den einen Berufsweg, den man von Mitte 20 bis Mitte 60 durchhält. Man ist nicht mehr 40 Jahre am Fließband, in der Bank, im Unternehmen. Immer mehr Menschen wollen auch auf Zeit verschiedene Berufe wählen oder müssen das, und wollen neue Ideen umsetzen, neue Kompetenzen einsetzen und entwickeln. Es gehört dazu, dass auch das Bildungswesen davon profitieren kann. Wir müssen unsererseits noch offener dafür werden. Minister Helmut Holter und auch ich haben in den letzten Wochen und Monaten viele gute Gespräche mit den Hochschulen geführt, mit den Fachhochschulen, unter anderem mit der Uni Erfurt, und hier neue Modelle diskutiert und angestoßen – auch von den Universitäten und Hochschulen stark gefördert und gefordert. Und es wird keineswegs fünf Jahre dauern, wie eben angesprochen, bis diese Innovationen auf dem Weg sind und neue Lehrkräfte in das System gelangen. Das viel besprochene Modell des lebenslangen Lernens muss selbstverständlich auch für den zweiten, dritten Weg in den Lehrerberuf gelten. Wenn wir über Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger sprechen, dann haben diese neuen Kolleginnen und Kollegen den größten Anspruch darauf, auch eine gute Ausbildung zu bekommen. Dazu haben wir Intensivkurse eingerichtet, die aus meiner Sicht ein wenig schlechtgeredet worden sind. Die sind sehr gut, sie sind tatsächlich sehr intensiv und sehr professionell. Wir arbeiten am Mentoring und wir stellen jetzt die Studienseminare neu auf. Wir werden in all diesen Bereichen weiterarbeiten, das System dort verbessern, wo wir noch nicht perfekt waren. Wenn wir über Seiteneinsteigerinnen sprechen und sie fördern, heißt das nicht, dass wir nicht auch jede Lehramtsanwärterin, jeden Lehramtsanwärter weiterhin an unseren Schulen fördern, begrüßen und motivieren wollen. Wir wertschätzen das Referendariat und die sogenannte reguläre Ausbildung genauso wie bislang, wie jetzt auch den Seiteneinstieg. Unser Ziel ist, dass sich möglichst viele Menschen tatsächlich auch für das reguläre Lehramtsstudium entscheiden, dass sie es erfolgreich bei uns absolvieren können und ihnen dann alle Wege im Schuldienst offenstehen. Zum Abschluss noch einige Worte zur Statistik zur Verdeutlichung der großen Schritte, die wir in den letzten fünf Jahren gemacht haben. Einige Zahlen: 2017/2018 wurde die Einstellungsrichtlinie für den Seiteneinstieg geöffnet. Damals gab es knapp 30 Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger in einem Schuljahr. 2021/2022, im letzten Schuljahr, haben die Schulämter 240 Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger eingestellt. Statistisch betrachtet ist in Thüringen ungefähr an jedem Arbeitstag ein Seiteneinsteiger oder eine Seiteneinsteigerin eingestellt worden. Das ist bei 1.021 Einstellungen – die Zahl ist eben schon mal gefallen – im vergangenen Schuljahr insgesamt fast jeder Vierte, 23,5 Prozent der Neueingestellten in einem Jahr. Thüringen stellt also pro Arbeitstag statistisch betrachtet vier Lehrkräfte ein. Daran sehen Sie, meine Damen und Herren, wir sprechen schon lange nicht mehr über das Ob, wir sind auf dem Weg. Wir sprechen über das Wie, wie es gelingt, die besten Voraussetzungen zu schaffen. Daran arbeiten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im ThILLM, in den Schulämtern und an den Studienseminaren und auch im Ministerium. Wir alle arbeiten daran, dass die Geschichte des Seiteneinstiegs in Thüringen eine Erfolgsgeschichte wird. Vielen Dank. (Beifall DIE LINKE)

Protokoll ↗