Astrid Rothe-Beinlich
b) Integration von Seiteneinsteigern ins Thüringer Schulsystem verbessern, Unterrichtsausfall vermeiden
Sehr geehrte Damen und Herren, Frau Präsidentin, liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Lehrerinnen und Lehrer, liebe Interessierte natürlich auch an den Bildschirmen, es ist jetzt schon sehr viel zum Thema „Seiteneinsteigerinnen“ gesagt worden. Das diese in dem Lehrerinnen- und Lehrerberuf immer wichtiger werden, ist, glaube ich, allen klar. Das liegt aber auch daran, dass es bundesweit – und darauf ist auch schon verwiesen worden – schlichtweg zu wenig grundständig ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer gibt. Die Kultusministerkonferenz prognostiziert dazu, dass bundesweit bis 2025 ungefähr 25.000 Lehrkräfte fehlen. Andere Prognosen gehen da sogar noch höher. So heißt es zum Beispiel in einer Klemm-Studie, dass 40.000 Lehrerinnen und Lehrer bis zum Jahr 2025 bzw. sogar 85.000 bis 2035 fehlen, in der Geis-Thöne-Studie geht man sogar von noch mehr fehlenden Lehrkräften aus. Natürlich ist das einer der Gründe, warum auch wir heute hier – übrigens nicht das erste Mal, das haben wir ja schon häufiger getan, Frau Baum hat das eingangs auch sehr treffend schon formuliert – immer stärker in Richtung Quer- und Seiteneinstiege diskutieren, weil wir einfach viele andere Möglichkeiten brauchen, um dem Lehrerinnen- und Lehrermangel in irgendeiner Form zu begegnen, und andere Möglichkeiten aber teilweise auch auf große Ablehnung stoßen. Das muss man einfach auch mal ehrlich sagen. Ich will beispielsweise an die CDU adressieren: Warum versperren Sie sich denn so gegen unseren Vorschlag, die Lehrerinnen- und Lehrerausbildung schulstufenbezogen vorzunehmen? Das würde einen viel einfacheren und flexibleren Lehrerinnen- und Lehrereinsatz ermöglichen. Sie wollen das partout …
(Zwischenruf Abg. Tischner, CDU: Das ist
Quatsch!) Ja, das ist immer alles Quatsch, ist klar, sagt Herr Tischner, süffisant ins Handy lächelnd.
(Zwischenruf Abg. Tischner, CDU: Das habe
ich Ihnen doch schon so oft erklärt, dass Sie damit die Schularten abschaffen wollen!) Entschuldigen Sie bitte, wir machen nicht die Schularten kaputt, sondern wir erkennen Lebensrealitäten an und ermöglichen, dass eben Lehrerinnen und Lehrer in unterschiedlichsten Schularten breit eingesetzt werden können.
(Beifall DIE LINKE)
(Zwischenruf Abg. Tischner, CDU)
Ich habe Sie jetzt leider nicht verstanden, aber Sie können bestimmt noch mal nach vorn gehen und Ihre Ablehnung deutlich machen. Aber vielleicht wäre es auch ganz gut, wenn Sie einfach mal bereit wären, über die unterschiedlichen Möglichkeiten zu sprechen. Wenn es Ihnen nur darum geht, stur durchzuboxen, was Sie in Ihrem Antrag stehen haben, wird es immer schwer mit der Kompromissfindung. Ich habe hier heute schon konstruktive Beiträge erlebt, für die ich sehr dankbar bin. Danke noch mal an Frau Baum ganz dezidiert an dieser Stelle. Die Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz hat übrigens eine Reihe von zeitlich befristeten Maßnahmen zur Erschließung von Beschäftigungsreserven qualifizierter Lehrkräfte vorgeschlagen, gegen die sind allerdings die Lehrerinnen- und Lehrerverbände unisono Sturm gelaufen. Ich will die Vorschläge der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission mal kurz vortragen. Es sind nicht meine, ich sage das vorweg, sondern die der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission. Das ist erstens: Beschäftigungsreserven erschließen, zum Beispiel durch weniger Teilzeit, eine höhere Unterrichtsverpflichtung und einen späteren Eintritt in den Ruhestand. Ich sage ganz offen – das hat ja auch der Rechnungshof beanstandet –, dass wir in Thüringen hier aus Sicht des Rechnungshofs zu kulante Regelungen haben. Ich weiß um die Belastungen und die vielfältigen Aufgaben im Lehrerinnen- und Lehrerberuf. Das ist sicherlich ein sehr schwieriger Punkt. Da muss man sehr genau hinschauen, ob und wo und wie Änderungen realistisch wären. Der zweite Punkt, der vorgeschlagen wird, ist, Lehrkräfte für eine andere Schulart oder für ein Mangelfach weiterzuqualifizieren. Das sehen wir durchaus positiv. Wie gesagt, deswegen setzen wir auch beispielsweise auf eine schulstufenbezogene Ausbildung. Das passiert auch an der einen oder anderen Stelle schon. Der dritte Vorschlag lautet: Lehrkräfte durch Studierende und andere Personen entlasten. Auch das ist ein Vorschlag, der aus unserer Sicht durchaus praxistauglich ist, der teilweise auch umgesetzt wird. Es darf aber natürlich nicht dazu kommen, dass quasi Studierende Lehrkräfte ersetzen müssen, weil sie einfach im wahrsten Sinne des Wortes noch viel zu lernen haben. Der vierte Vorschlag lautet: Flexibilisierung durch Hybridunterricht, mehr Selbstlernzeiten und größere Klassen. Darüber muss man diskutieren. Das sind sehr unterschiedliche Punkte. Das eine oder andere haben auch wir im Schulgesetz mit vorgeschlagen. Es kann aber nicht darum gehen – das will ich gleich vorwegsagen, weil der Vorwurf gern kommt, dass der reguläre Unterricht durch hybrides Lernen gänzlich ersetzt wird. Das kann nicht das Ziel sein und das wird es auch nicht bringen. Fünfter Punkt, ganz wichtig: Gesundheitsförderung stärken. Da sind wir uns, glaube ich, alle einig. Wir wissen um die hohen Krankheitszahlen, gerade die Langzeiterkrankungen unter Lehrerinnen und Lehrern. Da muss etwas passieren, völlig richtig. Sechstens, dann sind wir bei dem, was wir heute hier diskutieren: Modelle des Quereinstiegs weiterentwickeln. Darüber müssen wir auch für Thüringen sprechen, wo und wie das praxistauglich ist. Wie gesagt, einige der Vorschläge haben wir auch mit dem Schulgesetzentwurf bereits aufgegriffen, zum Beispiel die Schaffung von Entlastungen durch Schulverwaltungs- oder auch pädagogische Assistenzen. Das wird auch gerade in zwei Landkreisen erprobt. Da bin ich sehr gespannt, wie die Ergebnisse aussehen. Ich weiß nicht, ob Sie dazu schon etwas sagen können, Herr Prof. Speitkamp. Das läuft ja erst relativ kurz, muss man zugeben, im Kyffhäuserkreis und in Schmalkalden-Meiningen. Dann haben wir beispielsweise die Abschaffung der Besonderen Leistungsfeststellung vorgeschlagen – sehr umstritten, Herr Tischner wird gleich wieder schreien –, die es im Übrigen in 14 Bundesländern so auch nicht gibt. Da ist es ganz normal, dass man mit erfolgreicher Versetzung in die Klassenstufe 11 am Gymnasium den Schulabschluss verliehen bekommt. Das ist auch kein Quasi-Geschenk, sondern das setzt die erfolgreiche Versetzung voraus. Auch das werden wir diskutieren, und auch den Hybridunterricht, ob und wie wir den im Schulgesetz aufnehmen. Auch das ist in der Diskussion. Am 3. März 2023 wird es dazu die große Anhörung im Bildungsausschuss geben. Klar ist aber auch, dass wir in Thüringen den Seiten- und Quereinstieg in den Lehrerberuf weiterentwickeln müssen. Da bin ich sehr bei Frau Baum, auch wenn sie gerade nicht mehr hier ist. Sie hat dafür geworben, die Lebensrealitäten sehr viel stärker mit anzuerkennen und zu berücksichtigen. Denn es sind oft Menschen, die schon viele Jahre in anderen Berufen gearbeitet haben und genau diese Erfahrung in den Lehrerinnen- und Lehrerberuf mitbringen. Das, finde ich, ist durchaus etwas, das wir uns zu Herzen nehmen müssen. Wir alle kennen das Beispiel von dem kanadischen Lehrer, das vorhin schon erwähnt wurde, aber auch viele andere Beispiele, wo es gilt, die Hürden abzusenken. Aber Fakt ist auch, dass gerade die didaktische Qualifikation und die Methodik etc. gelernt und auch gelehrt werden müssen und vermittelt werden müssen. Deswegen müssen wir uns genau überlegen, wie das gelingen kann und wie wir das denjenigen Menschen schnell mit an die Seite geben, die bereit sind, als Quereinsteigerinnen in unsere Schulen zu gehen. Vielleicht noch mal zu den Zahlen: In Thüringen stellen wir seit dem Schuljahr 2017/2018 Seiteneinsteigerinnen ein. Fast jede vierte Einstellung in den Schuldienst ist mittlerweile ein Seiteneinstieg. Nur mal kurz zu dem Schuljahr 2021/2022, weil das die aktuellsten Zahlen sind: Da sind 1.021 Einstellungen vorgenommen worden, davon 240 Seiteneinsteigerinnen. Insgesamt gibt es seit 2017/2018 etwa 670 Seiteneinsteigerinnen in den Beruf der Lehrerinnen und Lehrer. Als Rot-Rot-Grün haben wir mit der Drucksache 7/6304 bereits zahlreiche Vorschläge zur Reform der Lehrerbildung vorgelegt, insbesondere zur ersten und zweiten Phase. Auch das sollten wir dann übrigens ehrlicherweise gemeinsam mit dem Antrag der CDU diskutieren, wenn dieser dann an den Ausschuss überwiesen wird. Neben Vorschlägen zur Erneuerung der Struktur in der Lehrerbildung, Schaffung eines Zentrums für Schulqualität und Verbesserung der Einstellungspraxis haben wir auch eine Reihe von Vorschlägen für die Weiterentwicklung des Seiteneinstiegs benannt. Die betreffen zum Beispiel die Neuordnung – das war hier auch schon Thema – der Nachqualifizierungslehrgänge, auch die Verlängerung der Ausbildung für ein Fach von 12 auf 16 Monate, verringerte Deputatsvorgaben während der Nachqualifizierung sowie ein verstärktes Mentoring – das ist ganz wichtig. Das wird übrigens von Seiteneinsteigerinnen immer wieder beklagt, dass sie natürlich dringend jemanden an ihrer Seite wissen müssen, der sie gut begleitet. Die von der CDU vorgelegten Vorschläge umfassen durchaus eine Fülle von unterschiedlichen Ansätzen, die sicherlich allesamt diskutabel sind. So schlägt die CDU zum Beispiel auch die Schaffung eines lehramtsbezogenen Masterstudienangebots vor, also quasi – ich nenne es jetzt mal – einen Master für pädagogische Quereinsteiger. Auch darüber können wir gern sprechen. Da müssen wir allerdings auch Gespräche mit den Hochschulen führen, denn die Hochschulautonomie gilt auch hier; der Wissenschaftsminister ist auch da. Insofern fände ich es auch sinnvoll, den Antrag sowohl an den Bildungs- als auch an den Wissenschaftsausschuss zu überweisen. Wenn es dort eine Anhörung geben soll, wäre es sicherlich sinnvoll, auch unseren Antrag mit anzuhören, vor allem aber auch eine gemeinsame Anhörung vorzunehmen, um Wissenschaft und Bildung gleichermaßen zu beteiligen. Auch der Vorschlag, dass alle Seiteneinsteigerinnen, bevor sie in den Beruf einsteigen, einen dreimonatigen Intensivkurs bzw. eine längere Einstiegsfortbildung erhalten sollen, ist zu begrüßen. Es beinhaltet aber auch wieder Ressourcenfragen, die haushaltsrelevant sind und natürlich auch ein eingestelltes Qualifizierungs- und Unterstützungssystem benötigen. Wie gesagt, wir können das gern alles weiterdiskutieren. Ich will allerdings auch noch ein, zwei Sätze zu dem Antrag der AfD sagen. Der scheint mir auch recht schnell zusammengeschrieben, um dem Vorwurf zu begegnen, dass Sie sich dazu gar nicht geäußert haben – wie gestern in allen Bildungsfragen, wo Sie zwar viel geredet, aber nichts vorgelegt haben. Allerdings muss ich auf einen Vorschlag schon noch mal eingehen. Wenn hier vom Pult geäußert wird, man könnte Erzieherinnen und Erzieher beispielsweise nachqualifizieren und als Lehrerinnen und Lehrer nutzen, dann kann ich sagen: Das mag zwar auch ein Angebot sein, reißt aber wiederum eine Lücke im frühkindlichen Bereich oder im gesamten Bereich „Erziehung“. Das ist nicht wirklich durchdacht, muss man ehrlich sagen, denn Erzieherinnen und Erzieher fehlen uns auch an allen Ecken und Enden. Deswegen ist das vielleicht nicht so der – in Anführungszeichen – zielführendste Vorschlag, wenn wir das Bildungssystem insgesamt betrachten, denn das reicht bei uns von der frühkindlichen Bildung bis zum lebenslangen Lernen. Erzieherinnen und Erzieher finden sich in unseren Schulen und in vielen schulbegleitenden Einrichtungen wieder. Deshalb tut es mir leid, wir werden den Antrag der AfD nicht an den Ausschuss überweisen, wohl aber den von der CDU, und hoffen da auf gute und sachliche Beratung, auch gemeinsam mit der von mir benannten Drucksache 7/6304. Wir hoffen darauf, dass wir hier auch zu guten Lösungen finden, und zwar gemeinsam. Besten Dank.
(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN)
