Christian Tischner
b) Integration von Seiteneinsteigern ins Thüringer Schulsystem verbessern, Unterrichtsausfall vermeiden
Frau Präsidentin, meine sehr geehrten Damen und Herren, wir haben nun schon einiges zur Problematik und zur Unverzichtbarkeit von Quer- und Seiteneinsteigern gehört. Da nehme ich auch eine große Übereinstimmung oder sogar Einstimmigkeit hier im Hause wahr. Was wir nicht gehört haben, sind die Seiteneinsteiger selbst. Die Zeit sollten wir uns aber dann in den Ausschüssen wirklich auch nehmen, um mit den Betroffenen ins Gespräch zu kommen. Ich möchte gern heute schon kurz drei Beispiele erwähnen, die uns schlicht zeigen, dass es dringenden Handlungsbedarf gibt. Da gibt es beispielsweise eine Seiteneinsteigerin, die ist seit zwei Jahren im Schuldienst befristet als Schwangerschaftsvertretung tätig, anschließend soll sie den Schuldienst verlassen, weil gerade mal wieder keine Stelle frei wäre. Dieser Fall, muss man dazusagen, konnte Gott sei Dank mit Einsatz der Eltern über das Ministerium gelöst werden. Dann gibt es einen Seiteneinsteiger im Mangelfach Musik. Der Kollege ist seit über einem Jahr im Schuldienst tätig, eine Option auf Entfristung bekommt er allerdings nicht, schlicht weil die passenden Weiterbildungsangebote für die Nachqualifizierung nicht angeboten werden. Ein drittes Beispiel: Da sucht eine Regelschule händeringend einen Lehrer für Wirtschaft/Recht und Wirtschaft/Technik. Eine Interessentin, die seit Jahren bei einem freien Träger als Wirtschaftslehrerin unterrichtet, hat großes Interesse, an die Regelschule zu wechseln. Aber unsere Schulaufsicht sagt, sie könne als Lehrerin für Wirtschaft und Recht an einem Gymnasium und an einer Gemeinschaftsschule arbeiten, an die Regelschule darf sie aber nicht. Warum? Weil zwischen Wirtschaft/Recht und Wirtschaft/Technik große Differenzen aufgemacht werden, Differenzen, die es früher, als die Lehrer mit dem Fach in den 1990er-/2000er-Jahren begonnen haben – jedenfalls bei mir an der Regelschule, wo ich war –, nie gegeben hat. Meine Damen und Herren, die CDU-Fraktion ist davon überzeugt, dieses juristische Luxusdenken können wir uns schlicht nicht mehr leisten. Wenn rechtliche Hürden hier im Weg stehen, dann müssen sie schnellstmöglich weggeräumt werden. Wir müssen jeden dieser Fälle ernst nehmen und eine Chance auf unterstützende Qualifizierung auch zügig eröffnen. Angesichts des großen Mangels an Lehrern, den wir überall erleben, wird sich der Markt an Seiteneinsteigern auch bald reduzieren. Im Freistaat Sachsen, der uns mit der Seiteneinsteigerproblematik drei Jahre voraus ist, weil sie drei Jahre eher angefangen haben, ist dieser Rückwärtsgang bereits zu beobachten. Wir stehen nicht nur im Wettbewerb um Lehrer, nein, wir stehen auch im Wettbewerb um motivierte Seiteneinsteiger.
(Beifall CDU, Gruppe der FDP)
Meine Damen und Herren, zur mittel- und langfristigen Sicherstellung von bestmöglichen Rahmenbedingungen und hohen Qualitätsstandards an unseren Schulen bedarf es ausreichender und gut ausgebildeter Pädagogen. Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger in den Lehramtsberuf spielen dabei eine immer wichtigere Rolle. Ihre Erfahrungen aus nicht lehramtsbezogenen schulischen Dingen und ihre praktische Berufserfahrung können und stellen einen Mehrwert für die Bildungsvielfalt an unseren Schulen dar. Seiteneinsteiger leisten einen unverzichtbaren Beitrag, fehlendes Lehrpersonal und Fachkräfte an unseren Schulen auszugleichen. Bis 2030 wird sich der Anteil der Seiteneinsteiger in unseren Schulen deutlich erhöhen. Es ist daher mehr denn je geboten, serviceorientierte Beratungsangebote, gezielte Qualifizierungsstrukturen und optimale Unterstützungssysteme für motivierte Seiteneinsteiger in den Lehrberufen zu entwickeln und dann auch zügig umzusetzen. In diesem Sinne fordert unsere Fraktion in ihrem Antrag in über 19 Punkten verschiedene Veränderungen und Wege für unsere Bildungslandschaft, insbesondere für die Bereiche „Hochschule“, „Schulaufsicht“ und „Studienseminare“. Ich möchte es gleich an der Stelle sagen, Frau Präsidentin, wir möchten deswegen nicht nur den Bildungsausschuss mit der Thematik befassen, sondern unbedingt auch den Wissenschaftsausschuss. Was fordern wir für den Bereich der Hochschulen? Es braucht eine an den kommenden Bedarfen orientierte Vereinbarung hinsichtlich der Ausbildungsplätze für die berufsbegleitende wissenschaftliche Ausbildung an unseren Hochschulen auch für Seiteneinsteiger. Es braucht eine auf Seiteneinsteiger zugeschnittene Studien- und Berufsberatung auch an den Hochschulen und es braucht eine Verbesserung bei der Anerkennung von Studien- und Prüfungsleistungen sowie Teilleistungen, um Doppelstudien von Fachinhalten – so, wie es Franziska Baum gerade erläutert hat – zu vermeiden. In Thüringer Universitäten, Fachhochschulen und dualen Hochschulen – so haben wir vorgeschlagen – soll die Möglichkeit eröffnet werden, spezielle Lehramtsmasterstudiengänge zu entwickeln. Andere Länder gehen hier beispielsweise schon den Weg für sogenannte pädagogische Quereinsteigermaster. Für den Bereich der Schulaufsicht fordern wir, dass die Anerkennungsverfahren von Berufs- und Hochschulabschlüssen zügig und vor allem pragmatisch anzupassen sind, zu beschleunigen sind; sie müssen effizienter werden. Wir fordern eine Vereinfachung der Anerkennungsverfahren von ausländischen Abschlüssen und von ausländischen Lehramtsabsolventen. Vielleicht haben die einen oder anderen vor 14 Tagen die Sendung „Fakt ist!“ gesehen. Da haben wir ja gehört, dass ein kanadischer Lehrer gern bei uns arbeiten will, aber als kanadischer Lehrer geht das nun leider nicht. Ein flächendeckendes Beratungs- und Unterstützungssystem braucht es ebenso für die Seiteneinsteiger in allen Schulamtsbereichen, um diese frühzeitig zu beraten, zu unterstützen, gerade in der Berufseinstiegsphase. Für den Bereich der Studienseminare ist es aus unserer Sicht dringend notwendig, dass, bevor ein Seiteneinsteiger in den Unterricht startet, er eine dreimonatige Einstiegsfortbildung bekommt. Diese Einstiegsfortbildung ist zu etablieren und so zu gestalten, dass die Kolleginnen und Kollegen tatsächlich rechtzeitig zum 1. Februar oder zum 1. August starten können. Bisher ist es so, dass die einen vierwöchigen Schnellkurs bekommen. Das ist eindeutig zu wenig. Und wenn uns das Ministerium im Ausschuss sagt: Aber die drei Monate, das kostet uns dann ja Geld, und die unterrichten noch nicht. Ja, das soll uns auch Geld kosten, das soll es uns wert sein, eine fünfjährige Ausbildung an der Universität fällt schließlich auch nicht vom Himmel.
(Beifall CDU)
Diese Einstiegsfortbildung vor dem Beginn des Unterrichtens muss pädagogische, psychologische, rechtliche und vor allem fachdidaktische Ausbildungsinhalte beinhalten und sie soll begleitende Hospitationen haben. Das heißt, dass der Lehrer zunächst begleitet von einem anderen Kollegen in den Unterricht hineingeht und sich so ein paar grundlegende Dinge anschauen und abschauen kann und diese dann reflektiert werden. Es ist ganz wichtig aus unserer Sicht, dass auch Rahmenbedingungen geschaffen werden, um Seiteneinsteiger vor der eigenverantwortlichen Übernahme von Unterricht zu schulen. Dazu ist aus unserer Sicht das Mittel der schulpraktischen Übungen ein sehr wichtiges. Das heißt, dass der Kollege angeleitet durch einen anderen Kollegen, der hinten im Raum sitzt, den Unterricht vorbereitet, dass der Unterricht natürlich begleitet wird, aber vor allem dann mit dem erfahrenen Kollegen reflektiert wird. Schließlich ist es so, dass ein Meister seinen Gesellen ja auch zeigt, wie man die Schrauben richtig in das Auto schraubt, und sie nicht einfach draufloswurschteln lässt. Es geht hier um unsere Kinder und Jugendlichen.
(Beifall CDU)
Wir fordern den Ausbau der individuellen pädagogischen und didaktischen Betreuung von Seiteneinsteigern durch Mentoren und wir fordern, dass es regelmäßige Feedbackrunden für die Fachlehrerinnen und Fachlehrer gibt. Und ja, jetzt kommt sicherlich gerade bei den Lehrerinnen und Lehrern, die uns zuhören bzw. auch am Livestream verfolgen, die Frage auf: Wie sollen wir das alles noch nebenbei machen? Das ist in der Tat ein Problem. Deshalb glauben wir als Fraktion, dass es dringend notwendig ist, das Programm „Grau macht schlau“ weiterzuentwickeln. Das Programm „Grau macht schlau“ zielt ja darauf ab, dass Kolleginnen und Kollegen als Pensionäre auch weiter unterrichten. Wir wissen selbst, das Programm – das stand auch diese Woche in der Zeitung – wird zwar angenommen, aber nicht zu sehr. Wir sind davon überzeugt, dass, wenn man auf die Kolleginnen und Kollegen zugeht und sie bittet, sich vielleicht in der Seiteneinsteigerqualifizierung ein-, zweimal in der Woche hinten in den Unterricht reinzusetzen und dann hinterher eine Auswertung mit dem jungen Mann zu machen, das Interesse gerade von den pensionierten Kolleginnen und Kollegen sehr hoch sein wird. Ja, auch das wird uns ein bisschen Geld kosten, aber bei 80 Millionen Euro, die das Bildungsministerium jedes Jahr übrig hat, müsste das doch drin sein.
(Beifall CDU)
Meine Damen und Herren, wir brauchen attraktive Rahmenbedingungen und Perspektiven für die Qualifizierung im Schuldienst. Auch dann, wenn der Kollege bereits im Einsatz ist, müssen durch das ThILLM stetig ordentliche und gezielte Weiterbildungsangebote angeboten werden. Und wir brauchen – das ist ganz wichtig – auch die Chance und die Perspektive, dass Seiteneinsteiger in der Laufbahn aufsteigen können. Klar, E11, A11 sind interessant, aber wenn die Kolleginnen und Kollegen ihr ganzes berufliches Leben dann auch in dieser Gruppe allein bleiben würden, genauso wie es für die E13, A13 gilt, das wäre verkehrt. Sprich: Wir brauchen einen Laufbahnaufstieg. Und letzte Forderung von einer Auswahl: Wir fordern die Landesregierung auf, den Bildungsminister, dass er sich bei der Konferenz der Kultusminister dafür einsetzt, dass es mit Blick auf die Seiteneinsteiger endlich wirklich pragmatische Standards gibt, die bei der Zulassung und Qualifizierung von Seiteneinsteigern dann auch helfen. Meine Damen und Herren, kurz zum Antrag der AfD, der offensichtlich durch unseren Antrag und unsere Vorschläge motiviert ist – aber sei es drum. Die AfD möchte Seiteneinsteigern mit überschaubaren Forderungen und ziemlich allgemeinen Maßnahmen den Einstieg erleichtern. Das ist nicht abzulehnen. Die einzelnen Ansätze sind allerdings sehr vage. Zum Beispiel fordern Sie die Entlastung von Schulleitungen bei administrativen Aufgaben durch Schulverwaltungsassistenten. Das ist nett, darüber diskutieren wir ja auch hier im Haus. Was das jetzt unmittelbar mit Seiteneinsteigern zu tun hat, erschließt sich mir nicht. Sie fordern auch Kapazitäten für die Vorbereitungskurse und die Betreuung durch die Mentoren, bleiben aber insgesamt in dem Antrag doch sehr unkonkret und vage. Meine sehr geehrten Damen und Herren, wir bitten, wie gesagt, um Überweisung an den Ausschuss für Bildung, Jugend und Sport und an den Ausschuss für Wirtschaft und Wissenschaft. Und ich werbe schon jetzt für eine mündliche Anhörung im Bildungsausschuss – klar, mit den Verbänden, aber dieses Mal vor allem auch mit den betroffenen Seiteneinsteigern. Anhand dieser Erfahrungen, die uns dann die Betroffenen schildern werden, sollten wir weitere Konsequenzen und Forderungen ableiten, die dann hoffentlich sehr zügig vom Bildungsministerium angegangen werden. Am liebsten wäre mir, wenn das Bildungsministerium schon jetzt den notwendigen und dringenden Handlungsbedarf erkennt und aktiv wird. Zum Schluss vor allem ein Dank – ein Dank an alle Seiteneinsteiger, die sich in den Lehrerberuf aufgemacht haben. Es ist der schönste Beruf, den man haben kann, wenn man Netzwerke knüpft und wenn man Unterstützung hat. Und ich möchte mich für meine Fraktion an dieser Stelle herzlich bei all den Kolleginnen und Kollegen bedanken, die die Seiteneinsteiger begleiten und unterstützen. Es ist eine unheimlich wichtige Aufgabe, der wir mit größter Dankbarkeit verpflichtet sind. Vielen Dank.
(Beifall CDU)
