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Franziska Baum

FDP 02.02.2023 Sitzungen 7/101

b) Integration von Seiteneinsteigern ins Thüringer Schulsystem verbessern, Unterrichtsausfall vermeiden

Vielen Dank, Frau Präsidentin. Einen wunderschönen guten Morgen hier im Hause, Schülerinnen und Schülern, begleitenden Lehrern, lieben Kolleginnen und Kollegen! Lassen Sie mich ganz kurz, bevor ich einsteige, noch mal unsere grundsätzliche Haltung zu dem Thema „Seiteneinsteiger“ darstellen, weil das – glaube ich – an manchen Stellen auch unser Verhalten bezüglich der Anträge erklärt. Ja, grundsätzlich sind Menschen, die momentan den Seiteneinstieg in den Lehrerberuf wählen, für uns im Bildungswesen ein Instrument zur Lösung der Probleme des Lehrermangels. Das ist richtig. Ich sehe es aber nicht so, wie Herr Jankowski das ausgeführt hat, dass das kurz- oder mittelfristig eine Sache ist, die wir uns anschauen sollen. Sondern Seiteneinstieg ist grundsätzlich eine Chance – einmal für diejenigen, die als neue Lehrer in den Schuldienst einsteigen wollen und im Rahmen von lebenslangem Lernen einfach eine neue Karriere aufmachen, es ist aber auch gleichermaßen eine Chance für Schule an sich. (Beifall Gruppe der FDP) Denn diese Menschen bringen einen neuen Blickwinkel mit, neue Perspektiven, eigene Erfahrungen. Und wenn die als Stärkung begriffen werden, dann ist das eine Bereicherung für das Schulwesen und für jedes Klassenzimmer und für jedes Lehrerzimmer. (Beifall Gruppe der FDP) Wir teilen ganz ausdrücklich die Haltung nicht, dass ein guter Lehrer nur ein Lehrer ist, der mit 18 schon wusste, dass er Lehrer werden möchte. (Beifall Gruppe der FDP) Das trifft auch auf die Lehrerin zu. Sondern für uns bedeutet lebenslanges Lernen auf der einen Seite, dass man als Lehrer oder Lehrerin im Laufe seines Lebens auch mal noch was anders machen darf, und genauso umgekehrt man sich dann mit 40 vielleicht besinnt, dass die Eltern vielleicht doch recht hatten, man wäre ein guter Lehrer oder eine gute Lehrerin geworden. Was allerdings wichtig ist – und da sind wir uns, glaube ich, auch mit den Kollegen der CDU sehr einig: Wir müssen Seiteneinsteigende auf den Lehrerberuf vorbereiten, nicht nur um der Schüler willen, damit es einen guten Unterricht gibt, sondern auch um der Seiteneinsteigenden selber willen. Lehrer sein, unterrichten, junge Menschen bilden, zu mündigen Bürgern heranziehen – das ist mental und physisch eine Riesenherausforderung. Das wissen Lehrkräfte, die daran jeden Tag arbeiten und darauf muss man vorbereitet werden. Lassen Sie mich kurz auf ein paar Punkte eingehen, die wir für wichtig halten in der aktuellen Situation, dass da rangegangen wird. Das eine ist: Wir brauchen klarere und vor allem nachvollziehbare Vorgaben dazu, wie man denn jetzt eigentlich ein Seiteneinstiegslehrer wird. Und mit „nachvollziehbar“ meine ich nicht, nachvollziehbar aus Sicht des Besoldungsrechts, sondern vielleicht auch nachvollziehbar für den gesunden Menschenverstand. Mir erklärt es sich an mancher Stelle nicht, (Beifall CDU, Gruppe der FDP) warum es einen anderen Nachqualifizierungsprozess braucht für jemanden, der Physik studiert hat, als für jemanden, der angewandte Physik studiert hat. Da muss ein klarer, transparenter Prozess rein, mit dem frühzeitig für jeden, der das angehen möchte, deutlich wird: Auf was lasse ich mich denn da ein? Das Zweite ist, wir müssen die Systeme, die funktionieren, für den Seiteneinstieg umbauen und so nutzen, dass wir erstens Synergien bündeln können, weil wir die Kräfte dort haben, und zweitens die Qualität in der Fläche sicherstellen können. Da sind wir beim Thema „Studienseminare“. Wir bilden an den Studienseminaren mit den Fachleitern unsere Lehramtsanwärter aus. Warum bauen wir dieses Studienseminar nicht so auf, dass der Referendardienst – das wäre dann Anwärterdienst, Vorbereitungsdienst –, modular auch für Seiteneinsteigende möglich ist, damit man auf unterschiedlichen Qualifikationsstufen einsteigen kann? Ein wichtiger Aspekt, und der kommt mir und uns als Freien Demokraten gerade unter dem Aspekt des lebenslangen Lernens in dieser ganzen Diskussion zu kurz: Wir reden hier nicht über Leute, die die letzten 20 Jahre möglicherweise nichts gemacht haben, sondern wir sprechen über Menschen, die Lebenserfahrung mitbringen, die in den meisten Fällen eine Familie haben und die auf Berufsperspektiven und Berufserfahrung zurückblicken können, die durchaus wertvoll für die Schule sind. (Beifall Gruppe der FDP) Das heißt aber auch, dass wir das berücksichtigen müssen bei der Frage: Wie werde ich denn jetzt als Fachchemiker, als – you name it – Anwalt ein Lehrer? Da kann nicht die Antwort sein: Da fangen Sie einfach noch mal mit den 20-Jährigen mit dem Studium an der Universität Erfurt an. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Gruppe der FDP) Da muss es eine Alternative geben. Ich finde die Idee, die Herr Holter mal geäußert hat im Zusammenhang mit dem dualen Studium, für den Seiteneinstieg eigentlich ganz charmant. Das ist genau der Punkt, zu sagen: Wir fangen mit einer Hochschulphase an, in der Theorie vermittelt wird, und dann wird im Wechsel zwischen Praxis und Theorie der Seiteneinstieg weitergetragen. Also, es gibt viele Ideen, wir sollten da frei sein. Vor allem sollte dann aber auch Berücksichtigung finden, wie sich derjenige denn im Unterricht macht. Und da muss eine Schulleitung enger mit eingebunden werden. Wir können nicht alle auf ein lebenslanges Beamtentum vorbereiten, die momentan möglicherweise einen Einstieg in den Schuldienst probieren, sondern es muss einen Moment geben, an dem man sagt: Mensch, die Idee war gut, der Wille war da, aber es funktioniert vielleicht einfach nicht für die Person und für Schule an sich. Geben Sie mir grundsätzlich noch die Möglichkeit, einen Punkt anzusprechen, der jetzt weniger mit dem Seiteneinstieg zu tun hat, aber mit der Frage: Wie flexibel sind wir in Schule überhaupt, wenn es darum geht, Personal einzubinden? Wenn ich an die Fächer denke, die momentan extrem Mangelware sind, dann reden wir über Physik, da reden wir über Informatik, da reden wir über diesen ganzen MINT-Bereich. Da werden wir in der Kürze der Zeit auch nicht ganz viele Seiteneinsteigende qualifiziert finden, sondern da wird sich die Frage stellen: Wie können wir über projektorientierte Phasen im Unterricht ermöglichen, dass der Lehrstoff eingebunden wird? Dafür brauchen Schulen vor Ort den Freiraum, das mit denjenigen umsetzen zu können, die sie in ihrem Umfeld haben. Denn ein gut bezahlter Informatiker ist vielleicht bereit, mal acht Wochen für ein Projekt „Programmierung“ an eine Schule zu kommen, wenn er von seinem Unternehmen freigestellt wird. Aber er ist sicher nicht bereit, diesen gut dotieren Informatikjob aufzugeben für eine schlecht eingestufte Qualifizierung als Informatiklehrer. (Beifall Gruppe der FDP) Lassen Sie uns da der Realität ins Auge sehen und uns darum kümmern, dass wir die besten Köpfe in den Schulen haben. Wenn wir uns die Personallandschaft des Thüringer Bildungswesens für die nächsten 10, 20 oder auch 30 Jahre vorstellen, dann wird uns das Thema „Seiteneinstieg“ sicher noch lange begleiten. Denn die Lebensläufe werden flexibler, auch die von Lehrkräften. Unsere Aufgabe ist es jetzt, die Weichen zu stellen, damit Lehrersein auch einfach wieder einer der anerkanntesten und erstrebenswertesten Berufe ist. Das ist er in ganz vielen Ländern sehr deutlich. Das schaffen wir, indem wir Leistung belohnen und Chancen ermöglichen. In diesem Sinne freuen wir uns auf die Diskussion zu dem Antrag der CDU im Ausschuss. Vielen Dank. (Beifall CDU, Gruppe der FDP)

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