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Astrid Rothe-Beinlich

GRÜNE 19.11.2021 Sitzungen 7/65

Hebammenversorgung in ganz Thüringen sicherstellen – gelingende Arbeitsbedingungen fördern

Herr Präsident, meine sehr geehrten Damen und Herren, ich darf zunächst allen die herzlichen Grüße unserer erkrankten Kollegin Babett Pfefferlein überbringen, die sich diesem Thema schon widmet, seit sie im Thüringer Landtag aktiv ist, und die dieses Thema heute auch gern selbst vertreten hätte. Ich hoffe, ich werde sie würdig vertreten. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Wir beraten heute einen Antrag der CDU zum Thema „Hebammen“. Das ist ein Thema – wie Sie auch wissen, Frau Meißner, Herr Zippel –, das uns Grünen, seit wir seit 2009 im Thüringer Landtag vertreten sind, wirklich am Herzen liegt. Wir haben beispielsweise lange darum gerungen, dass es dafür eine eigene sichtbare Haushaltsstelle gibt. Insofern freuen wir uns, dass sich etliche der auch von uns seit vielen Jahren hier vorgetragenen Ideen in Ihrem Antrag wiederfinden. Wir meinen, er ist in jedem Fall eine gute Grundlage, um darüber auch im Ausschuss zu diskutieren. Trotzdem hat der Antrag auch ein paar Punkte, die mindestens diskussionswürdig sind bzw. fehlt uns das eine oder andere, aber ich werde darauf noch eingehen. Wir allen wissen es und es ist auch schon richtig ausgeführt worden: Mit der Hebammenversorgung in Thüringen steht es in der Tat nicht zum Besten. Das ist allerdings kein spezifisch thüringisches Problem, sondern bundesweit der Fall. Die Schließungen der Geburtsstationen – ich nenne nur mal beispielhaft Schleiz, Hildburghausen und Greiz – sind Punkte, die uns die Situation noch einmal deutlich vor Augen geführt haben. Überall fehlen sie, die Ärztinnen und Ärzte, besonders in der Geburtshilfe. Und wenn es sie nicht mehr gibt, dann schließen in der Folge auch die Kreißsäle. Und wenn die Stationen geschlossen sind, auch die Kreißsäle geschlossen sind, bleiben auch die Hebammen weg. Mit dem Verlust der geburtshilflichen Abteilungen müssen Frauen längere Wege in Kauf nehmen, wenn sie ihr Kind zur Welt bringen wollen. Gerade auf dem Land kann das ein Problem sein. In der Folge – das muss man auch immer noch bedenken, es geht ja nicht nur um die Geburt an sich – fehlen dann natürlich auch die Hebammen für Vorsorgeuntersuchungen und für die Wochenbettbetreuung in der Region. Jede geschlossene Geburtsstation heißt auch – das muss man auch klar sehen – mehr Arbeitsbelastung in den Kliniken, die noch Geburtshilfe anbieten, und diese steigt vor allem für die Hebammen seit Jahren massiv an. Uns wurde berichtet, dass eine Hebamme derzeit mehr als drei Geburten gleichzeitig betreuen muss. Das bedeutet in der Praxis keine Pausen, dafür Überstunden. Unter diesen Umständen können oder wollen viele Hebammen schlichtweg nicht mehr arbeiten. Sie reduzieren ihre Arbeitszeit. Es ist hier schon ausgeführt worden, wie lange die Verweildauer in diesem eigentlich so wunderbaren Beruf ist, und das ist natürlich ein riesiges Problem. Ein Stück weit füttert das auch den Teufelskreis in den Krankenhäusern an: Wenn es kein Personal gibt, gibt es auch keine Entbindungsstationen. Man muss allerdings zugeben, dass sich diese Entwicklungen von der Landespolitik auch nur schwer beeinflussen lassen. Fakt ist: In Thüringen muss die Versorgung rund um Geburt besser und zukunftssicherer werden. Das ist auch die Überschrift eines Appells, den wir aus ganzem Herzen unterstützen können, nämlich vom Hebammenlandesverband, vom Landesfrauenrat und der Krankenkasse BARMER. Er ist zu Recht gemeinsam verabschiedet worden, weil klar sein muss, dass jedes einzelne Kind gute Startchancen ins Leben haben muss. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Wir von Bündnis 90/Die Grünen wollen – und das ist ein Aspekt, der hier noch nicht zum Tragen kam –, dass Frauen ihre Kinder selbstbestimmt auf die Welt bringen können und nicht verzweifelt nach einer Hebamme oder einem sicheren Ort für die Geburt suchen müssen, sondern – ich sage mal den Begriff – ganz entspannt und gut versorgt während der Schwangerschaft und im Wochenbett betreut werden können, und das unabhängig davon, ob sie in der Stadt oder auf dem Land leben. Dieser Start braucht eine vertrauensvolle Begleitung und dafür muss es in unserer Gesellschaft – ich sage es einfach mal – Raum, Zeit, aber auch Geld geben. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Wir als Bündnis 90/Die Grünen – das habe ich schon gesagt – kämpfen, seit wir im Thüringer Landtag sind, darum, dass Hebammen die Berücksichtigung finden, die sie verdient haben, und dass es ganz entscheidend ist, die Versorgung mit Hebammen sicherzustellen. Im Landeshaushalt steht dafür jetzt auch seit 2020 Geld zur Verfügung – lange hat es gedauert –, endlich werden die Geburtshäuser in Erfurt und Jena auch institutionell unterstützt, weitere könnten folgen. Ich sage ganz offen: Wir würden uns das sehr wünschen. Aber auch über integrierte Lösungen müssen wir reden. Das können zum Beispiel Hebammenstützpunkte in den medizinischen Versorgungszentren sein oder hebammengeführte Kreißsäle. Wir wünschen uns da auch mehr dezentrale Einrichtungen als wichtigen Bestandteil der medizinischen Grundversorgung. Für die Versorgungssicherheit und Gesundheitsprävention muss auch auf dem Land die Möglichkeit der ganzheitlichen Betreuung von Schwangeren und natürlich auch deren Familien möglich sein. Wir wünschen uns ein Modellprojekt im Freistaat. Die schwierigen Versorgungslagen in besonders von den Schließungen der Geburtsstationen betroffenen Regionen sollten Grund genug sein, ein solches zu initiieren. Allerdings – das will ich auch ganz deutlich sagen – muss das selbstverständlich gut evaluiert werden und auch durchdacht sein. Im kommenden Jahr wäre ein wichtiger erster Schritt die Beauftragung einer Bedarfsanalyse und die damit verbundene Erarbeitung eines tragfähigen Konzepts. Wir brauchen mehr freiberuflich im Land tätige Hebammen und müssen perspektivisch die Attraktivität des Berufs steigern. Dazu hatten wir schon im vergangenen Jahr eine Gründerinnenprämie für die Eröffnung von hebammengeführten Praxen zur Diskussion gestellt und die Zahlung eines Bonus für Hebammen, die freiberuflich in der Geburtshilfe in Thüringen tätig sind. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Im Landeshaushalt müssen wir dafür auch im kommenden Jahr die notwendigen Mittel einstellen. Uns geht es darum, das Ganze tatsächlich in der Gänze zu betrachten. Es geht darum, die Versorgungsketten besser und transparenter aufzubauen, auch zu kommunizieren, die Zusammenarbeit von niedergelassenen Ärztinnen, Kliniken, Hebammen und dem Rettungswesen weiterzuentwickeln, Versorgungslücken zu erkennen und die ambulanten und stationären Leistungen wieder besser miteinander zu verknüpfen. Um das möglichst ganzheitlich zu tun, ist die Wiederbelebung des Runden Tisches für Geburt und Familie sicher eine gute Idee. Thüringen kann also schon etwas tun, wenn auch nicht alles in dem Bereich, aber wichtige notwendige Verbesserungen vornehmen, auch was Betreuungsschlüssel und vernünftige Arbeitsbedingungen angeht, die allerdings endlich bundesweit geregelt werden müssen. Das ist von hier aus auch ein Appell nach Berlin.

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