Astrid Rothe-Beinlich
Pandemiebewältigung in der Bildung – chancengerechten Zugang zu außerschulischen Lern- und Förderangeboten ermöglichen
Herr Präsident, meine sehr geehrten Damen und Herren, wir sind ja schon mittendrin in der Debatte zu dem FDP-Antrag, der heute hier auf dem Tisch liegt. Es ist in der Tat ein Thema, was uns alle schon lange beschäftigt: Wie können wir die Lernstände der Schülerinnen und Schüler adäquat erfassen? Wie stellen wir fest, welche Defizite und welche Nachholbedarfe bestehen? Vor allem aber: Wie kommen wir dazu, den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeiten tatsächlich auch zu eröffnen, den versäumten Stoff nachzuholen? Ich will es ganz deutlich sagen und schließe da sehr dicht an meine Vorredner, Herrn Dr. Hartung und auch Herrn Tischner, an: Das System Schule ist leider in dem Antrag überhaupt nicht betrachtet worden. Schulentwicklung beispielsweise kommt darin ebenfalls nicht vor. Ich fürchte auch, dass dieses Setzen auf, ich nenne es mal so, Privatisierung von Verantwortung der tatsächlichen Lebensrealität nicht gerecht wird.
(Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Es ist auch in dem Sinne nicht gerecht, weil wir beispielsweise mancherorts gar keine Nachhilfeinstitute haben. Der Glaube, dass sich allein mit Geld und über einen Gutschein sozusagen die verpassten Lerninhalte mal eben erkauft werden können, ist eben auch maximal nur ein Glaube. Fakt ist, es ist richtig und wichtig, dass wir jetzt tatsächlich Strategien entwickeln – das müssen wir eigentlich schon seit Wochen und Monaten –, wie wir zielgenau in die Förderung der Schülerinnen und Schüler eintreten können. Da passt es sehr gut, dass gerade gestern das Bundesprogramm verabschiedet wurde, Thomas Hartung hat es erwähnt. Das beinhaltet einmal 1 Milliarde deutschlandweit für den Bereich der Nachhilfe und für Förderprogramme, aber eben auch 1 Milliarde für zusätzliche Investitionen in Schulsozialarbeit, beispielsweise in Sprach-Kitas, in Ferienfreizeiten und auch in Leistungen für Bildung und Teilhabe. Was uns wichtig ist, ist, dass diese Gelder tatsächlich zielgenau eingesetzt werden. Es ist zu wenig, zu glauben, man könne sich – in Anführungszeichen – über ein gutes Nachhilfeinstitut das erkaufen, was in den letzten Monaten – es sind ja eigentlich nicht nur Monate, ich habe es hier schon mal gesagt, das ist das dritte Schulhalbjahr, das nicht regulär stattfindet – so nicht erlernt werden konnte, sondern es sind eben auch soziale, emotionale Kompetenzen, die noch viel stärker auf der Strecke geblieben sind. Deswegen ist es mir wichtig – auch weil ich immer mal wieder Kritik für den Vorschlag bekommen habe, dass wir sowohl in der Schule als auch bei außerschulischen Partnern, aber eben auch beispielsweise in den Ferien Angebote schaffen müssen –, dass ich noch mal klarstelle, dass es nicht darum geht, den Schülerinnen und Schülern die nötigen Ferien zu nehmen. Nein, darum geht es nicht, sondern es geht um Angebote. Es geht um Angebote, die wir auch längerfristig denken müssen, und es geht um Lernangebote, die auch Spaß machen können und dazu einladen können, sich mit Themen zu beschäftigen, die vielleicht im klassischen Umfeld Schule oft ein Stück weit nicht so zu der Geltung kommen, wie wir uns das wünschen. Ich selbst erinnere mich gut an Ferienfreizeiten – ich nenne es mal so, das hieß früher anders –, wo zum Beispiel Russisch-Camps oder Mathematik-Camps stattgefunden haben. Das war kein Zwingen in starre Lernformen, sondern es gab die Möglichkeit, mit anderen Schülerinnen, anderen Kindern, die die gleichen Interessen hatten, gemeinsam eben jenseits vom Lernort Schule auch noch etwas – in Anführungszeichen – dazuzulernen. Das können aber immer nur ergänzende Angebote sein, das ist uns, glaube ich, auch allen klar. Fakt ist, dass Kinder individuelle Förderangebote brauchen, passend zu den jeweiligen Lernständen. Ich sage bewusst „Lernstände“, nicht „Lernrückstände“, weil das immer so defizitorientiert klingt. Unsere Kinder und Jugendlichen haben ganz viel gelernt während der Pandemie. Wer hätte geglaubt, dass Grundschülerinnen und Grundschüler inzwischen selbstverständlich PowerPoint-Präsentationen erarbeiten können? Wer hätte gedacht, dass sich Kinder so früh mit der digitalen Welt auseinandersetzen, manchmal sehr viel schneller als die Schulcloud hinterhergekommen ist – das muss man selbstkritisch einräumen? Wer hätte gedacht, dass Kinder lernen müssen, ganz anders zu lernen, nämlich nicht so, wie sie es gewohnt sind, vielleicht mit der besten Freundin oder dem Freund zu Hause zusammenzusitzen und gemeinsam an einer Hausarbeit zu arbeiten, sondern nur virtuell miteinander kommunizieren zu können? Wer hätte gedacht, dass Kinder lernen müssen, ganz neu Kontakte aufzunehmen zu ihren Lehrerinnen, zu ihren Schulsozialarbeiterinnen, aber auch zu ihren Eltern, die sie plötzlich auch als Lernpartnerinnen und Lernpartner kennenlernen mussten? Insofern glaube ich, dass wir tatsächlich einen ganzheitlicheren Blick auf die Situation von Kindern und Jugendlichen brauchen, die in der Tat schwierig ist. Die Zahl ist vorhin schon genannt worden: Mehr als ein Viertel von unseren Kindern und Jugendlichen hat tatsächlich Nachholbedarfe. Hier gilt es, Angebote zu machen. Die fallen nicht vom Himmel, das muss klar sein. Dazu braucht es zusätzlich Ressourcen, dazu braucht es zusätzliches Personal. Da sind private Nachhilfeinstitute sicherlich ein geeigneter Partner zur Ansprache, aber bei Weitem nicht allein. Ich glaube, dass es sehr viel wichtiger ist, auch und gerade auf den sozialen Bereich zu schauen, beispielsweise Schulsozialarbeit flächendeckend auszubauen. Schulsozialarbeiter/-innen sind ganz wichtige Ansprechpartner/-innen für Schülerinnen und Schüler, mit denen sie andere Problemlagen diskutieren können, die sie beispielsweise aufgrund der Pandemie umtreiben. Wir brauchen aber auch das Heranziehen von beispielsweise Lehramtsstudierenden, die uns immer wieder deutlich machen, sie stehen gern bereit. Sie wollen sich einbringen, ihre Expertise gern mit Schülerinnen und Schülern teilen, sie wollen an dieser Stelle helfen, auch ehemalige Lehrerinnen und Lehrer, die sagen, wir würden gern noch einmal aktiv werden und unser Wissen weitergeben. Aber klar ist, dass kurzfristige Maßnahmen allein nicht helfen.
