thueringer-landtag.de ↗

Christian Tischner

CDU 06.05.2021 Sitzungen 7/45

Pandemiebewältigung in der Bildung – chancengerechten Zugang zu außerschulischen Lern- und Förderangeboten ermöglichen

Herr Präsident, meine sehr geehrten Damen und Herren, Thüringen ist seit Monaten traurige Spitze bei den Inzidenzen und die Thüringer Schülerinnen und Schüler sind die Schüler in Deutschland, die am längsten keinen Unterricht in der Schule erhalten haben. Wir alle kennen die Sorgen von Eltern, von Schülern, von Lehrern, wie geht es weiter mit dem Präsenzunterricht, und wir kennen die Frage: Wie werden die Kompetenzrückstände aufgeholt? Diese Frage treibt uns alle um, auch die FDP – ja. Aber, liebe Kollegen von der FDP, eines gleich vorweg: Es wäre bei vielen Ihrer Plenaranträge in dieser Sitzung besser gewesen, Sie hätten mehr Klasse statt Masse geliefert. (Beifall DIE LINKE, CDU) (Zwischenruf Abg. Montag, FDP: Das ist frech, Herr Tischner! Da kommen wir dann noch dazu!) Meine Damen und Herren, dieser Antrag hat weder Klasse, noch hat er Masse. Ich möchte auch deswegen nur kurz auf den Antrag der Fraktion der FDP eingehen. Der Ansatz der FDP ist richtig, dass man Schülerinnen und Schülern zügig außerschulische Unterstützungsleistungen anbieten sollte, um die Lernrückstände aufzuholen. Auch dass dafür notwendige Mittel durch die öffentliche Hand zur Verfügung gestellt werden, ist richtig; das wird derzeit auch von der Bundesregierung mit dem Programm auf den Weg gebracht. Aber, um es klar zu sagen, wir erwarten, dass die Landesregierung auch hier ein eigenes Landesprogramm auflegt, und wir erwarten, dass die Landesregierung diese Mittel des Bundes verdoppelt. Meine Damen und Herren, die im FDP-Antrag dargelegte Überlegung der Deckung der Unterstützungsleistungen von maximal 500 Euro bzw. maximal 50 Stunden für Förderangebote greift aus unserer Sicht viel zu kurz. Bildungsgutscheine für externe Bildungsträger an Eltern gehen ein gutes Stück voran, aber sie sind auszubauen. Meine Damen und Herren, Ziel kann es nicht sein, dass Eltern und Familien mit den Herausforderungen und den Folgen der Schulschließungen und von Homeschooling weiter alleingelassen werden. Das Aufholen der individuellen Lernrückstände bei den Schülerinnen und Schülern mit Bildungsgutscheinen wird ohne fachlich begleitete Expertise durch die Lehrer und Pädagogen in keinem ordentlichen Ausmaß zu leisten sein. Das hat Kollege Hartung eben schon beschrieben. Im Mittelpunkt muss die Schule stehen. Für meine Fraktion ist der Dreh- und Angelpunkt die Kompetenz unserer Lehrerinnen und Lehrer und es sind die Rahmenbedingungen für größtmögliche eigenverantwortliche Unterrichtsentwicklung. Beides fehlt dem vorliegenden Papier völlig. Diese Verantwortung, die entstandenen Bildungsnachteile auszugleichen und entsprechende Bildungsanbieter herauszusuchen, darf nicht allein auf die Familien und Eltern abgeschoben werden. Es darf auch nicht sein, dass man die Kinder mit Bildungsangeboten überschüttet und jeder Träger ohne Rücksprache mit der Schule daherkommt und hofft, seine Seminarplätze auffüllen zu können. (Beifall DIE LINKE) Priorität muss der Schüler, muss die Schülerin sein. Für mich steht fest, wir brauchen ein breites Angebot an Instrumenten und an Maßnahmen, das unseren Schülerinnen und Schülern hilft, und die Schülerinnen und Schüler müssen im Mittelpunkt stehen. Ein Angebot, das nicht belastet, sondern zuvorderst als Mehrwert von Schülern, Eltern und Lehrern anerkannt wird, muss der Mittelpunkt bei allen Überlegungen sein. Sinnvoller wäre es, einen ganzheitlichen, integralen Ansatz zu wählen. Beispielsweise könnten Schulen für ihre Schüler schulische und außerschulische Bildungsangebote eröffnen und damit gezielt anhand der individuellen Lernfortschritte der Schüler auch die Unterrichtskonzepte bereichern. Aber wir sind fest davon überzeugt, dass allein die Klassenkonferenz hier entscheiden kann, welche Bildungsangebote eröffnet werden sollen, denn nur die jeweiligen Fachlehrer wissen genau, wo die Lücken in den einzelnen Schulen entstanden sind, denn das ist im Grunde nicht thüringenweit vergleichbar, das ist im Grunde in jeder Schule individuell zu betrachten. Darüber hinaus – und darüber sollten wir uns alle im Klaren sein – wird es in den kommenden Monaten eine Mammutaufgabe werden, den entstandenen Rückstand bei den Kindern und Jugendlichen zu mindern. Ressourcen müssen bereitgestellt werden, da sind wir uns wahrscheinlich alle einig, und wir müssen damit die Lerndefizite aufholen, um die Schulabbrecherquote nicht noch höher werden zu lassen. Dies kann aus unserer Sicht mittelfristig nur erreicht werden und gelingen, wenn innerhalb der Schul- und Bildungslandschaft schwerpunktmäßig vier Punkte in den Mittelpunkt gestellt werden: Der erste Punkt ist eine temporäre Anpassung von Lernzeiten und Lerninhalten. Da zählen alle Fragen des Lehrplans, der Prüfungsanforderungen, der Stundentafel, zusätzlicher Förderunterrichtsangebote, die aus der Stundentafel herausgeschwitzt werden müssen, hinein. Das ist für uns Punkt 1. Punkt 2 ist der Aufbau von Unterrichts- und Unterstützungsnetzwerken an jeder Schule. Das ist das, worüber ich eben gesprochen habe. Drittens ist es wichtig, dass wir die Netzwerke zwischen Elternhäusern und Schulen deutlich intensivieren. Die Gespräche zwischen Elternhaus und Schule müssen gerade in den nächsten Wochen und Monaten sehr intensiv und regelmäßig gepflegt werden und – das haben wir alle gelernt – wir müssen weiter ganz stark an der Digitalisierung auch im Einklang mit dem Datenschutz arbeiten. Auf diese und viele weitere Punkte geht der vorliegende Antrag der FDP-Fraktion leider nur unzureichend oder gar nicht ein. Daher können wir auch diesem Antrag leider nicht zustimmen. Danke schön. (Beifall DIE LINKE, CDU, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Alle Reden von Christian Tischner Protokoll ↗