Dr. Wolfgang Lauerwald
Krankhaftes Übergewicht bei Heranwachsenden – Präventi ons maßnahmen ausbauen und die Anzahl adipöser Kinder und Jugendlicher durch wirksame Maßnahmen reduzieren
Sehr geehrter Herr Präsident, werte Kollegen Abgeordnete und Zuhörer am Livestream, meine Vorredner haben letztlich bestätigt, wie wichtig das Thema ist und dass die Situation verbesserungswürdig ist. Wir haben die Entwicklung – das hatte ich vorhin erwähnt – seit 2003, dass es nicht gleich geblieben, besser erst recht nicht, sondern immer schlimmer geworden ist. Wir müssen alle Möglichkeiten nutzen, damit wir diese Entwicklung stoppen können, weil das wirklich ein gravierendes Gesundheitsproblem für die Zukunft unserer Kinder und Jugendlichen sein wird. Ich denke, wir müssen unbedingt die Prävention weiter stärken, wir müssen aufklären über Ernährung und auch über den Bewegungsmangel. Mehr Bewegung, gesünder essen – die Mittel gegen Fettleibigkeit im Kindesalter klingen simpel. Trotzdem hat die Zahl übergewichtiger und extrem übergewichtiger Kinder in den vergangenen Jahrzehnten weltweit drastisch zugenommen. 124 Millionen der 5- bis 19-Jährigen sind adipös, also fettleibig, weitere 213 Millionen übergewichtig, so die Schätzung der Wissenschaftler der Weltgesundheitsorganisation und des Imperial College London. Damit hat sich die Zahl der Kinder, die viel zu schwer für ihre Körpergröße sind, in den letzten 40 Jahren weltweit mehr als verzehnfacht. Im Freistaat sind laut dem Zweiten Thüringer Sozialstrukturatlas 12 Prozent aller Kinder übergewichtig oder adipös. Adipositas gehört zu den größten Risikofaktoren für Gesundheit und seelisches Wohlergehen der Menschen im 21. Jahrhundert. Die WHO spricht von einer „Adipositas-Epidemie“ in Europa. Die Frage, ob Adipositas eine eigenständige Krankheit oder allein als Risikofaktor für Folgeerkrankungen zu werten ist, ist umstritten. Adipositas ist daher im deutschen Gesundheitssystem nicht als Krankheit anerkannt, allerdings können auch ohne Folgeerkrankungen bereits erhebliche Einschränkungen im Alltag und starker subjektiver Leidensdruck entstehen. Daher wird Adipositas von vielen Institutionen mittlerweile als Krankheit gesehen. Die WHO charakterisiert in ihrem Grundsatzpapier aus dem Jahr 2000 die Adipositas als Krankheit, das Bundessozialgericht sprach in einem Urteil vom 19.02.2003 vom Vorliegen einer Krankheit im krankenversicherungsrechtlichen Sinne, und das Europäische Parlament hat in einer Resolution vom Februar 2006 die Mitgliedstaaten aufgefordert, Fettleibigkeit offiziell als chronische Krankheit anzuerkennen. Zu den viel diskutierten Risiken für Übergewicht und Adipositas gehören neben dem Sozialstatus auch elterliches Übergewicht, ein hohes Geburtsgewicht, die hohe Gewichtszunahme der Mutter während der Schwangerschaft, das Rauchen der Mutter während der Schwangerschaft, Flaschennahrung statt Stillen, fehlende Betreuung nach der Schule, niedriger familiärer Zusammenhalt usw. Gesundheitsförderung und vorbeugung müssen so früh ‑ wie möglich im Leben ansetzen und die Kinder und Jugendlichen in ihren Lebenswelten erreichen, denn ein in jungen Jahren erworbenes höheres Körpergewicht bleibt häufig bis ins Jugendalter bestehen. Nur die Hälfte der Kinder schafft es, einmal erworbenes Übergewicht wieder loszuwerden. Damit sind sowohl Kindergärten als auch Schulen in der Pflicht, ihren Beitrag zu leisten, um der Entstehung von Adipositas vorzubeugen.
(Beifall AfD)
Die Zahlen sprechen für sich. Wir haben es hier mit einem gewichtigen Problem zu tun. Schade nur, dass die Politik hier noch viel zu zögerlich agiert. Für das gesunde Aufwachsen unserer Kinder sind tiefgreifende Änderungen erforderlich. Die derzeitigen Maßnahmen, mit denen Übergewicht und Adipositas auf Bevölkerungsebene begegnet wird, sind noch unzureichend und zum Teil inadäquat. Für eine erfolgreiche Prävention der Adipositas sind vor allem verhaltenspräventive Maßnahmen erforderlich, die durch Gesellschaft und Politik initiiert werden müssen.
(Beifall AfD)
Therapieangebote müssen sich an die ganze Familie richten, denn, wie schon gesagt, das Problem fängt vielmals bereits bei den Eltern und im Vorfeld der Schwangerschaft an. Die Anleitung und Schulung der betroffenen Kinder und Jugendlichen kann nicht losgelöst von ihren Familien erfolgen. Die Therapieeffekte sind deutlicher höher – das bestätigen verschiedene Studien –, wenn die Eltern mit einbezogen werden. Zudem profitieren Kinder und Jugendliche Experten zufolge am ehesten von ambulanten Angeboten. Für die Adipositastherapie gilt ganz klar die Empfehlung: ambulant vor stationär. Es gibt allerdings zu wenig Plätze für diese Konzepte, mit denen das Kind inmitten vom Familie, Schule und Freundeskreis betreut wird. Hier sind die Krankenkassen in der Pflicht. Ambulante Angebote müssen durch die Krankenkassen stärker unterstützt werden, insbesondere dann, wenn Eltern keine Vorbilder in Sachen Ernährung sind oder einfach das Geld, die Zeit oder das Wissen zum Zubereiten frischer Mahlzeiten fehlt. Gerade hier ist umso wichtiger, dass Schulen ihrer Verantwortung nachkommen und das Thema „Ernährung und Bewegung“ ausreichend Platz im Stundenplan findet. Immer mehr Schüler verbringen durch die steigende Anzahl von Ganztagsschulen und langem Unterricht die Mittagspausen in den Schulmensen. An dieser Stelle müssen wir die Potenziale unserer schönen Thüringer Heimat besser ausschöpfen.
(Beifall AfD)
Regionale und saisonale Angebote müssen in Kindertageseinrichtungen und Schulen noch deutlich stärker Eingang in den Speiseplan finden. Sie sehen also, es gibt noch viel mehr zu tun, als bisher geschehen ist. Vielen Dank.
(Beifall AfD)
