Holter
Ursachen für fehlende Rechtschreibkompetenzen erkennen – Schul- und Unterrichtsentwicklung in der Primarstufe nachhaltig stärken
Herr Präsident, meine Damen und Herren, ich danke den Koalitionsfraktionen für die bereits im vergangenen Jahr erfolgte Einbringung dieses Antrags, der uns einmal mehr intensiver den Blick auf die Primarstufe lenken lässt. Ich möchte gleich zu Beginn meiner Ausführungen den Thüringer Pädagoginnen und Pädagogen, die im Primarbereich tätig sind, für ihre engagierte Arbeit danken, dies sowohl vor als auch während der Corona-Pandemie.
(Beifall CDU, FDP)
Sie sind immer bemüht, ihren Schülerinnen und Schülern einen guten Start in ihre Bildungsbiografie zu ermöglichen. Vieles ist in den vergangenen Jahren bereits erreicht, manches ist angestoßen worden, anderes steht noch auf unserer Agenda. Meine Damen und Herren, Sie haben alle Bezug genommen auf den IQB-Bildungstrend 2016 und natürlich hat dieser zu Recht eine Qualitätsdebatte über einen guten Anfangsunterricht in Gang gesetzt, welcher vom Bildungsministerium befördert und vom Thüringer Institut für Lehrerfortbildung und Lehrplanentwicklung und Medien mit professionellen Inhalten gefüllt wird. Auch in Zukunft brauchen wir diese Debatte. Unser Ziel ist es, dass sich an dieser Debatte möglichst viele Pädagoginnen und Pädagogen beteiligen und einerseits die Diskussionsschwerpunkte und andererseits mögliche neu gewonnene Erkenntnisse in die Schulen tragen. Und bereits im November 2017 hat mein Haus das ThILLM beauftragt, eine Serie von Fachtagungen unter Einbeziehung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu den drei inhaltlichen Schwerpunkten Schriftspracherwerb in Deutsch, Orthographie in Deutsch und Geometrie im Fach Mathematik zu organisieren und durchzuführen. Dieser Auftrag wurde sogar noch dahin gehend erweitert, dass bei allen Veranstaltungen die Heterogenität der Schülerschaft und die damit verbundene professionelle Differenzierung in der Unterrichtsgestaltung in den Blick zu nehmen sind. Eine erste Veranstaltung dieser Art konkret mit dem Themenschwerpunkt „Schriftspracherwerb und Orthographie“ fand am 8. August 2018 an der Friedrich Schiller-Universität in Jena statt. In einer weite‑ ren Fachtagung für Mathematik in der Grundschule mit dem Thema „Mathematik braucht Geometrie und Größen“ am 14. August 2019 haben wir bei etwa 120 Teilnehmerinnen und Teilnehmern Interesse geweckt. Ein dritter Fachtag für den Primarbereich zum Thema „Schule gestalten im digitalen Wandel“ war ursprünglich für den 26. August 2020 an der Universität Erfurt geplant, musste jedoch wegen der Corona Pandemie leider verschoben werden. ‑ Zusätzlich zu den einmal im Jahr stattfindenden Fachtagungen wurde eine Fortbildungsreihe über einen Zeitraum von zwei Jahren zum Schriftspracherwerb im Rahmen der Praxisreihe Deutsch, beginnend im August 2019, neu aufgelegt. Ergänzend dazu haben wir zwei schulaufsichtliche Analysen durchgeführt. So wurden zunächst im November 2017 die im Rahmen des Schriftspracherwerbs im ersten Schulbesuchsjahr 2017/2018 verwendeten Lehrwerke überprüft. Es folgte im November des Folgejahrs eine Analyse der Verfahren der Erarbeitung der Druck- und Handschrift auf der Grundlage der Vorgaben des Thüringer Lehrplans durch Grundschüler. Die Auswertung der Verfahrensumsetzung zur Erarbeitung einer Druck- und Handschrift wurde für alle Klassen bzw. Stammgruppen im ersten Schulbesuchsjahr vorgenommen. Im Ergebnis haben wir festgestellt, dass in fast allen Klassen eine verbundene Schrift vermittelt wird. Meine Damen und Herren, unbestritten ist – das ist ja auch kein Geheimnis –, dass wir in Thüringen auch jenseits von Corona noch immer Probleme im Schriftspracherwerb haben, die Rednerinnen und Redner der Fraktionen sind darauf eingegangen. Die Ursachen hierzu sind vielfältig. Wir sind dabei, diese zu identifizieren. Die Durchführung einer entsprechenden wissenschaftlichen Untersuchung wäre demzufolge durchaus zielführend und könnte gleichzeitig zur Versachlichung der Diskussion beitragen. Grundsätzlich möchte ich jedoch hierbei Folgendes zu bedenken geben: Die eine Methode, mit der alle Schülerinnen und Schüler ohne Probleme Lesen und Schreiben lernen und die alle Lehrkräfte problemlos anwenden können, gibt es nicht.
(Beifall DIE LINKE)
Viel wichtiger ist es, dass Lehrkräfte ihren Unterricht auf die Schülerinnen und Schüler abstimmen, Kinder lernen nun mal unterschiedlich. Die Lehrkräfte müssen daher individuell schauen, wie ein Kind am besten lernt. Des Weiteren ist es wichtig, dass die Konzepte und Methoden auch zu den Fähigkeiten der jeweiligen Lehrkraft passen. Warum? Ganz einfach: Die Lehrkraft muss sich bei der Anwendung der Methode sicher fühlen und diese muss dem persönlichen Unterrichtsstil ebenfalls entsprechen. Aber zurück zur möglichen Studie: Im Rahmen der am 15. Oktober 2020 getroffenen Ländervereinbarung über die gemeinsame Grundstruktur des Schulwesens und die gesamtstaatliche Verantwortung der Länder in zentralpolitischen Fragen wurde von der Kultusministerkonferenz der folgende Beschluss hinsichtlich der Rahmenvorgaben für die Grundschule gefasst, der insbesondere auch die Gesamtproblematik der Entwicklung von Rechtschreibkompetenz umfasst. Ich darf zitieren: „Die Kultusministerkonferenz überarbeitet im Lichte der Ergebnisse der einschlägigen Schulleistungsvergleiche die ‚Empfehlungen zur Arbeit in der Grundschule‘ bis zum Jahr 2022. Dabei verständigt sie sich auch auf einen Gesamtstundenrahmen und einen Mindeststundenumfang in den Fächern Deutsch, Mathematik und Sachunterricht sowie die Vermittlung einer verbundenen Handschrift, der ein normiertes, schreibmotorisches Konzept zugrunde liegt, und einen einheitlichen Rechtschreibrahmen.“ Die Ergebnisse zu diesem Themenschwerpunkt werden auch die weitere Arbeit in Thüringen beeinflussen. Daher halte ich es für angeraten, eine entsprechende Studie erst nach dem Vorliegen der Ergebnisse der Arbeitsgruppen der Kultusministerkonferenz zu initiieren. Hinsichtlich der erbetenen Validierung der zugelassenen und verwendeten Lehrmaterialien, meine Damen und Herren, möchte ich kurz auf Folgendes hinweisen: Im neuen Schulgesetz – § 43 – wurde das bisherige Genehmigungsverfahren durch ein Anzeigeverfahren ersetzt. Daher halte ich es für angebracht, bei den Schulleiterinnen und Schulleitern und bei den Lehrerinnen und Lehrern vorrangig durch Fortbildung noch mehr Bewusstsein und Sensibilität für diese Problematik zu entwickeln. Ziel muss es sein, dass die Lehrkräfte die Lern- und Lehrmittel sowie ihre Methoden professionell anwenden. Meine Damen und Herren, im Antrag wird angeregt, im Zusammenhang mit den Thüringer Hochschulen den Schriftspracherwerb als verpflichtenden Teil in das Curriculum der Ausbildung bzw. des Studiums zur Grundschullehrerin bzw. zum Grundschullehrer aufzunehmen. Aus meiner Sicht befürworte ich das ganz ausdrücklich und trotzdem: Die Zuständigkeit liegt bei der zuständigen Hochschule. Dass hier diskutiert wurde, kann ich Ihnen bestätigen und auch, dass im Curriculum der Universität Erfurt für das Studium zum Grundschullehramt der Schriftspracherwerb bereits seit Längerem als verpflichtendes Element fest verankert ist. Ein weiteres Element ist die Weiterentwicklung der Fachberatung. Aus Sicht meines Hauses ist die Stärkung des Unterstützungssystems für die Fachbereiche der Grundschule eine ganz wichtige Maßnahme. Es ist geplant, dass das Fachberatersystem im Grundschulbereich wieder verstärkt wird. Wir arbeiten daran, Fachberaterinnen und Fachberater für die genannten Fächer aus jedem Schulamtsbereich zu gewinnen, um damit eine regional verortete Arbeit mit den Schulen noch besser zu ermöglichen. Meine Damen und Herren, abschließend möchte ich feststellen, dass der Schriftspracherwerb in der Primarstufe eine ganz entscheidende Grundlage für jede Schülerin und jeden Schüler ist, um im Rahmen der vor ihr oder vor ihm liegenden Schullaufbahn optimal auf die Zukunft vorbereitet sein zu können. Deshalb ist es vollkommen richtig, dass die Koalitionsfraktionen dieses Augenmerk auf dieses besondere Thema lenken. Es wird Sie auch nicht verwundern, dass ich vehement dafür eintrete, dafür geeignete Maßnahmen der Unterrichts- und Schulentwicklung zu prüfen und umzusetzen. Das betrifft im Rahmen der Möglichkeiten auch die Stärkung personeller Ressourcen. Der Thüringer Landesregierung ist es im besonderen Maße bewusst, dass Investitionen in die Zukunft gleichbedeutend sind mit Investitionen in die Zukunft unseres Landes. Ich darf Ihnen jetzt für Ihre Aufmerksamkeit danken. Herzlichen Dank.
(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN)
