Laura Wahl
f) auf Antrag der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN zum Thema: „Equal Pay Day – Lohnlücken endlich schließen!“
Frau Präsidentin, meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer am Livestream! Da der Equal Pay Day dieses Jahr auf den 10. März fällt, bietet er sich doch sehr gut für eine Aktuelle Stunde an. Der unbereinigte GenderPay-Gap berechnet die Differenz zwischen dem Bruttoverdienst von Männern und Frauen. Für ganz Deutschland liegt diese Lohnlücke aktuell bei 18 Prozent. Würden Männer und Frauen denselben Lohn erhalten, dann wäre morgen gesamtgesellschaftlich gesehen also der erste Tag in diesem bereits seit einigen Wochen währenden Jahr, an dem Frauen anfingen, für ihre geleistete Arbeit auch Geld zu erhalten. Hier in Thüringen – das muss man immerhin anerkennen – hätten wir den Equal Pay Day schon am 18. Januar ausrufen können, denn hier liegt die unbereinigte Lücke bei 5 Prozent. Diese viel kleinere Lücke klingt erst mal gut.
(Zwischenruf Abg. Montag, FDP: Die ist auch
gut!) Der bittere Fakt, der hier allerdings auch dazu gehört, ist, dass das allgemein viel niedrigere Lohnniveau in Thüringen auch die Geschlechterlücke niedriger ausfallen lässt. Es gibt hier keine großen DAX-Unternehmen und weniger Produktionsstandorte, die tendenziell auch höhere Löhne zahlen. Ein ständiges Argument gegen den unbereinigten Gender-Pay-Gap, das wir vielleicht auch heute wieder zu hören bekommen, ist, dass allein der Blick auf diese eine Zahl wenig Sinn habe, da der Lohnunterschied viele Ursachen haben kann, wie das Institut der deutschen Wirtschaft zum Beispiel schreibt. Demnach wäre die Lohnlücke deutlich geringer, wenn sich Frauen und Männer unter anderem bei der Berufs- und Branchenwahl, dem Beschäftigungsumfang und der Vertretung in Führungspositionen nicht unterscheiden würden. Hier schwingt aber schon deutlich die Unterstellung mit, die Frauen sind einfach zu dumm, den richtigen und gut bezahlten Beruf zu ergreifen. Ein Blick auf den Gender-Pension-Gap zeigt, warum solche individualisierten Annahmen ungerechtfertigt sind. Der Gender-Pension-Gap ist die geschlechtsspezifische Altersvorsorgelücke oder Rentenlücke und beträgt in Gesamtdeutschland sogar ganze 46 Prozent. Das kommt daher, dass sich berufliche Auszeiten und ein niedriger Lohn auf das ganze Leben gerechnet eben noch viel erheblicher auswirken. Und nun machen wir doch mal ein Gedankenexperiment: Wir würden uns eine Gesellschaft neu ausdenken. Angenommen, man würde wirklich zwei binäre Geschlechter einführen – was zwar in der Realität so nicht existiert, aber den Vergleich erleichtert –, dann würden wir doch natürlich wollen, dass Männer und Frauen, die in ihrem ganzen Leben morgens aufgestanden sind und tagsüber etwas für die Gesellschaft geleistet haben, am Ende das Gleiche bekommen. Und es wäre eigentlich zweitrangig, ob dies Kindererziehung, Verkauf oder Handwerk wäre. Denn auch Menschen, die sich um Kindererziehung kümmern oder Angehörige pflegen, haben jede Menge Arbeit verrichtet. Allein, weil beim kapitalistischen Wirtschaftssystem bestimmte Arbeiten als wertvoll gelten, werden diese gut bezahlt, während andere, wie Haus- und CareArbeit, eben unbezahlt bleiben. Unseren Begriff von Arbeit, den wir in dieser Gesellschaft haben, halte ich daher für mindestens überdenkenswert.
(Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Meine sehr verehrten Damen und Herren, angesichts des Equal Pay Day sollten wir auch darüber nachdenken, warum das Muttersein eigentlich fast immer mit finanziellen Einbußen verbunden ist. Auf der einen Seite heißt es immer, Kinder seien für die Gesellschaft so wichtig, auf der anderen Seite werden keine Strukturen geschaffen, die berufliche Nachteile durch Schwangerschaft wirklich ausgleichen. Die Mutterrolle wird mit Lohnabschlägen bestraft. Kompetenzen, die Mütter erwerben, zählen wenig. Wenn Männer dagegen eine kleine Auszeit für die Kinderbetreuung nehmen, wirkt sich das meist positiv bei der Karriere wie beim Lohn aus. Das ist aber alles andere als gerecht.
(Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Auch beim bereinigten Gender-Pay-Gap, bei dem vergleichbare Tätigkeiten und Leistungsgruppen und äquivalente Qualifikationen herangezogen werden, und der in Thüringen 2018 5,7 Prozent betrug, wird immer angeführt, dass dieser noch geringer ausfallen würde, wenn zum Beispiel auch Auszeiten aus der Erwerbsbiografie noch mit einberechnet würden. Das wird dann aber so dargestellt, als wären Auszeiten ein legitimer Grund, dass Frauen im gesamten Erwerbsleben weniger Lohn erhalten. Allerdings offenbaren sich eben auch hier genau die strukturellen Unterschiede. Warum haben Frauen denn mehr Auszeiten? Bei Schwangerschaften lässt sich das schwierig aufteilen, aber auch die Pflege und Betreuung von Eltern fällt immer noch oft den Frauen zu. Ich finde, dass eine gleichberechtigte Gesellschaft eine wäre, in der es gesamtgesellschaftlich keine strukturellen Unterschiede in der Rente von Menschen gibt.
(Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Schwierig ist am bereinigten Gender-Pay-Gap auch, dass Betriebe mit weniger als zehn Beschäftigten hier nicht reinzählen, denn insbesondere kleine Betriebe haben oft keine Tarifbindung und das Entgelttransparenzgesetz kommt hier überhaupt nicht zum Tragen. Wir müssen also ran an faire Arbeitsbedingungen, die gerechte Verteilung von Care-Arbeit und gleichberechtigte wirtschaftliche Strukturen, und das nicht nur am Equal Pay Day. Vielen Dank.
(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN)
