Dirk Bergner
b) auf Antrag der Fraktion der FDP zum Thema: „Schicksalstag der Deutschen – Der 9. November im Lichte der Bürgerrechte aus der Sicht Thüringens“
Vielen Dank. Frau Präsidentin, meine sehr verehrten Damen und Herren, der 9. November ist in der deutschen Geschichte ein Tag, an dem Freud und Leid so dicht beieinanderliegen wie kaum an einem anderen. Lassen Sie mich mit Blick auf die knappe Zeit einer Aktuellen Stunde den Bogen über nur reichlich 100 Jahre spannen. So brachten die Abdankung Wilhelms II. und die Ausrufung der Republik 1918 das Ende der Monarchie und die erste parlamentarische Demokratie, 1923 scheiterte – Gott sei Dank noch – der Hitlerputsch. Für mich auch persönlich wesentlich bedeutender ist jedoch ein anderes, ein bedrückendes und beschämendes Ereignis, dem ich mich auf eine ganz eigene Art nähere. Im Gedenken an die furchtbaren Pogrome 1938 nahm ich am 9. November 1981 in Leipzig an einem ökumenischen Gottesdienst in der Leipziger Thomaskirche teil, den Juden und Christen gemeinsam feierten. Wenige Meter von der Stelle entfernt, an der fanatische Nazis die ehrwürdige Leipziger Synagoge besudelten, ausplünderten und zerstörten, predigte ein jüdischer Rabbiner in einem gemeinsamen Gottesdienst von Juden und Christen – was für eine Stärke, was für eine Gnade, meine Damen und Herren.
(Beifall FDP)
Ging es doch um nichts weniger, als die Verbrechen, die der von Nazis pervertierte deutsche Staat und der indoktrinierte, verblendete, zum Hass aufgestachelte Pöbel den Angehörigen der jüdischen Religion und damit einem großen Teil unserer Bevölkerung antat und die mit diesen November-Pogromen erst richtig furchtbare Fahrt aufnahmen, um sich über nahezu ganz Europa zu ergießen sowie in den Vernichtungslagern der Nazis im deutschen Namen kulminierten. Auschwitz, Majdanek, Treblinka stehen ebenso wie die November-Pogrome stellvertretend für das, was Menschen anderen Menschen anzutun vermögen, wenn sie sich von Fanatikern durch Fremdenhass, vom Hass auf Menschen, die anders denken, glauben, reden oder aussehen, anstecken und verleiten lassen.
(Beifall CDU, FDP)
Was für ein Geschenk, an diese Verbrechen gemeinsam mit jüdischen Menschen erinnern zu können im Wissen um unsere gar nicht so ferne Geschichte und um die Verantwortung unseres Volkes. Was für ein Geschenk, meine Damen und Herren, gemeinsam gedenken zu können, ohne Hass in Versöhnung und mit dem festen Willen, so etwas nie wieder geschehen zu lassen.
(Beifall CDU, FDP)
Diesen Gottesdienst besuchte ich gemeinsam mit einem Mädchen aus der Jungen Gemeinde, das ich an jenem Abend das erste Mal nach Hause brachte und das heute meine Frau ist.
(Beifall CDU, FDP)
Und so wollte es der Zufall, dass wir wiederum am 9. November, nämlich 1989, gemeinsam während des Ingenieurpraktikums in Gera als Studenten an der Demonstration teilnahmen – die waren dort in Gera donnerstags – und uns wegen dieses privaten Datums aber etwas zeitiger abseilten, um dort einen der knappen Plätze im Ratskeller zu ergattern. Sie erinnern sich: „Bitte warten, Sie werden platziert.“ Dort erfuhren wir von einem weiteren Gast, dem aber niemand an dem Tag glaubte, das Unglaubliche, nämlich von dem Fall der Berliner Mauer. An jenem Schicksalstag unseres Volkes entstanden millionenfache Bilder der Freude, Bilder von Menschen, die fassungslos und mit Freudentränen die unmittelbar zuvor noch todbringende Grenze passierten, die die Fülle der Gefühle an jenem Tag in das millionenfach ausgesprochene Wort „Wahnsinn“ pressten und die ihre neu gewonnene Freiheit feierten. Himmelhoch jauchzend sahen wir den Dammbruch, der im Ergebnis der friedlichen Revolution die zweite deutsche Diktatur hinwegspülte. Meine Damen und Herren, wenig später erlebte ich jedoch auf der Montagsdemo in Leipzig, wie andere versuchten, auf diesem Freudenfeuer ihr Süppchen zu kochen. Es standen NPD-Leute aus der Bundesrepublik Alt an der Oper und hielten ihre Transparente hoch. Ich war stolz auf die Teilnehmer unserer Demonstration, die sich spontan den Eindringlingen zuwandten, sich ihre/unsere Intention nicht wegnehmen ließen und den NPD-Leuten zugewandt skandierten: Ihr seid das Letzte. Kurz nach dem 9. November ließen sich die Demonstranten in Leipzig diesen so unterschiedlich belegten Tag nicht erneut besudeln. Heute wissen wir, dass das in der Folge nicht immer so funktioniert hat. – Und ich sehe, Frau Präsidentin, dass ich etwas einkürzen muss. – Ich erinnere an die pogromartigen Übergriffe, an Morde und daran, dass wir gemeinsam Wege finden müssen, es nicht den falschen Menschen wieder zukommen zu lassen. Noch haben wir es in der Hand, dafür zu sorgen, dass der 9. November nie wieder etwas anderes als ein Tag der Freude in der deutschen Geschichte werden kann. Noch haben wir die Chance, die Verantwortung gemeinsam zu tragen. Frau Präsidentin, ich danke Ihnen.
(Beifall CDU, FDP)
