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Astrid Rothe-Beinlich

GRÜNE 30.09.2020 Sitzungen 7/24

d) auf Antrag der Fraktion der CDU zum Thema: „30 Jahre deutsche Einheit und Neugründung Thüringens – Deutschlands Zukunft gemeinsam gewinnen“

Frau Präsidentin, meine sehr geehrten Damen und Herren, wir haben ja hier schon einiges gehört, da es zu diesem Thema im Prinzip zwei Aktuelle Stunden, wenn auch unter sehr unterschiedlichen Überschriften, gab. Ich glaube, dass diese Überschriften auch ein Stück weit die Ambivalenz darstellen, die Ambivalenz dessen, was Menschen erlebt haben, die Ambivalenz dessen, wie Menschen empfunden haben, und die Ambivalenz dessen, wie 30 Jahre vielleicht auch gewirkt haben und sicher auch die Zeit davor. Auch ich will noch einmal auf ein paar Punkte eingehen. Ich habe es ja vorhin schon deutlich gemacht, ich bin, wie gesagt, wirklich erschrocken, als Herr Heym hier von nationaler Revolution sprach, und war sehr froh, dass Herr Voigt das jetzt nicht noch mal wiederholt hat, denn es ging tatsächlich um etwas anderes in der friedlichen Revolution. Es bedeutete viel Mut, im Herbst 89 auf die Straßen zu gehen, viel Mut sicherlich auch unterstützt durch Perestroika und Glasnost, auch das ist schon angesprochen worden, denn ohne diese, dank Gorbatschow, hätte es sicherlich diesen Herbst genauso wenig gegeben wie ohne die Bewegung von Solidarność beispielsweise in Polen, der wir unheimlich viel zu verdanken haben. Ich will trotzdem noch einmal beschreiben, was diese Ambivalenz auch mit sich gebracht hat, auch in unseren Familien und auch im Umfeld, weil sich das viele gerade auch in den Westbundesländern bis heute nicht vorstellen können. Ich sagte es vorhin schon, mein Vater war Jugendpfarrer hier in Erfurt und hat die evangelische Erwachsenenbildung über viele Jahre aufgebaut. In den 90er-Jahren hat er sich überlegt, dass es doch spannend wäre, genau zu diesem Thema, zur evangelischen Erwachsenenbildung in der DDR, zu promovieren, und musste dann feststellen, dass dies erst mal nicht möglich war, weil zum Theologiestudium in der DDR keine Pädagogik gehörte. Also ging auch er noch einmal zur Universität, in die Friedrich-Schiller-Uni, fand das auch ganz spannend, dort noch mal einige Semester Pädagogik nachzuholen und schließlich seine Doktorarbeit zu schreiben. Warum erzähle ich diese kleine Geschichte? Weil sie in dem Fall etwas war, was tatsächlich auch noch mal bereichernde Erfahrungen gebracht hat, aber weil sie sinnbildlich dafür steht, was mit Biografien in der ehemaligen DDR teilweise passierte. Es wurden Biografien nicht anerkannt, obwohl in bestimmten Bereichen längst gearbeitet wurde, über viele Jahre auch in verantwortungsvollen Positionen, weil bestimmte Abschlüsse eben nicht kompatibel mit denen der Bundesrepublik Deutschland waren. Es mussten sich Menschen gefühlt neu beweisen, sie schieden aus dem Erwerbsleben aus. Ich habe noch mal nachgeschaut, etwa 40 Prozent der DDR-Bürgerinnen haben plötzlich teilweise lange Phasen von Arbeitslosigkeit erleben müssen, waren draußen. Ja, das ist etwas, was bis heute bei vielen nachwirkt. Nichtsdestotrotz habe ich es vorhin auch schon gesagt, bei aller Ambivalenz, auch so ambivalent, wie ich die Wiedervereinigung erlebte – wie gesagt, „wieder“ war für mich schon fremd, denn schon als Nachkriegsgeneration der eigenen Eltern konnte ich mir das gar nicht so richtig vorstellen, auch das Davor so nicht kannte und sich tatsächlich zwei sehr fremde Länder quasi aufeinander zubewegen sollten –, war es auch für mich so, dass ich mich manchmal gefragt habe, warum nicht auf die friedliche Revolution im Osten zumindest auch Bewegung im Westen erfolgte. Die blieb leider aus – mit vielen Folgen: Beispielhaft ist eben die Problematik der geschiedenen Ostfrauen angesprochen worden. Es ist vorhin schon die Lohndifferenz angesprochen worden, die wir heute noch haben, vor allem aber ist es, glaube ich, das Gefühl – das Gefühl des Nicht-ernst-genommen-Werdens, das Gefühl derer, die sich fragen mussten: Sind meine Abschlüsse, ist meine Lebensleistung – in Anführungszeichen – etwas wert? Das wirkt bis heute nach und das ist prägend. Das wirkt viel stärker als manche Fakten, die wir alle sicherlich gern zur Kenntnis nehmen. Fakt ist: Ja, wir können endlich reisen. Ja, wir leben in Frieden. Ja, uns geht es auch im Vergleich zu vielen anderen verhältnismäßig gut. Trotzdem haben viele Menschen gefühlt Einschnitte erfahren oder sich auch von diesen Umbrüchen bis heute nicht wieder erholt. Ich sage auch, es ärgert mich heute, dass es eben im Westen keine Bereitschaft zur Bewegung an Stellen gab, wo ich mir gewünscht hätte, vielleicht darüber nachzudenken, ob das System West nicht auch an der einen oder anderen Stelle reformbedürftig gewesen wäre. Man war dann sehr schnell damit, alles einfach – in Anführungszeichen – auf den Osten überzubügeln. Das ist eine Erfahrung, über die auch zu lange nicht gesprochen wurde. In diesem Sinne, glaube ich, trotzdem ist es richtig, zu feiern. Wir haben das Grüne Band, vom Todesstreifen zur Lebenslinie, hier vorhin schon erwähnt, das uns heute verbindet, wo ich froh bin, dass ich da jedes Jahr mit einer Grenzradtour mit dem Fahrrad heute entlangfahren kann. Aber es gilt vor allem, noch viele Mauern in den Köpfen zu überwinden, und das auch heute, 30 Jahre später. Damit sollten wir anfangen. Danke schön. (Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

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