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Torsten Wolf

Die Linke 16.07.2020 Sitzungen 7/20

b) Weitere Stärkung und Entwicklung der Digitalisierung des Thüringer Schulwesens

Herr Präsident, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen hier noch zu dieser bemerkenswert späten Stunde, wir befinden uns im 20. Jahr des 21. Jahrhunderts. Unser Alltag ist bestimmt von digitalen Endgeräten, digitalen Angeboten und digitalen Dienstleistungen. Immer mehr Lebensbereiche erfahren eine Digitalisierung. Das geht an uns Menschen nicht spurlos vorbei, vor allem nicht an den jüngsten Mitgliedern unserer Gesellschaft, unseren Kindern und Jugendlichen. Unsere Bildungseinrichtungen, vor allem aber unsere Schulen, die in unmittelbarer Verantwortung des Freistaats liegen, sind gefordert, dem Thema „Digitalisierung“ angemessen zu begegnen. Das fängt bei der Aus-, Fort- und Weiterbildung unserer Lehrkräfte an, geht weiter über die Bildungs- und Lehrpläne bis hin zu den Anforderungen an moderne Lehr- und Lernmittel. Zudem gibt es viele Voraussetzungen und Rahmenbedingungen in unseren Schulen zu schaffen, aber auch darüber hinaus externe Unterstützung zu organisieren. Die Landesregierung hat in allen Bereichen gute Grundlagen für digitales Lernen und Lehren geschaffen. Auf dem Weg zu idealen Bedingungen für alle ist uns die Corona-Pandemie aber dazwischengekommen. Sie zeigt uns wie ein Indikator die Entwicklungsstände, aber auch offene Baustellen auf. Schulen, die bereits digitalisiert arbeiten und im höheren Maße offene Lernformate eingesetzt hatten, waren besser auf das häusliche Lernen vorbereitet. Ich habe vorhin schon zitiert. Daher gilt es, Prozesse zu beschleunigen, Maßnahmen anzupassen, aber auch neue Ideen und Ansätze zu entwickeln. Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, unsere Lehrkräfte führen die Kinder und Jugendlichen an das digitale Lernen heran. Sie greifen die unterschiedlichen Erfahrungsstände und Möglichkeiten der Schüler/-innen auf und binden sie pädagogisch aufbereitet in den Unterricht und Lernprozesse darüber hinaus ein. Dafür müssen sie fit sein und sich mit ihrer Rolle als Begleiter des Lernens auseinandersetzen. Die Digitalisierung ermöglicht und erfordert, noch mehr Lernprozesse individuell und selbstbestimmt zu gestalten. Lehrer/-innen – und das ist das Wesentliche – haben nicht mehr das Wissensmonopol im digitalisierten Klassenraum. Das TMBJS hat mit seiner Digitalstrategie Thüringer Schule von 2018 darauf reagiert. In allen Phasen der Lehrer/-innenbildung sollen Inhalte und Anlässe verankert werden. Mit Mitteln des Wissenschaftsministeriums im Rahmen der Digitalstrategie wurden digitale Projekte an den Unis in Erfurt und Jena ermöglicht, zum Beispiel durch digitale Lernplattformen zur Inklusion und Interkulturalität für ein Curriculum der Zukunft. Wir möchten hier ansetzen und Inhalte verbinden und in den Curricula festschreiben. In weiten Teilen der Ausbildungscurricula der Vorbereitungsdienste ist das bereits 2019 passiert, so im allgemeinen Seminar für alle Lehrämter, auch in dem Fachseminar bei Grund- und Regelschulen sowie Gymnasien. Im Bereich Deutsch als Zweitsprache/Förderpädagogik und in beruflichen Fachrichtungen steht die Implementierung jedoch noch aus. Ebenso verhält es sich mit den Fort- und Weiterbildungen. Einige Angebote gibt es bereits, andere fehlen. Da wollen wir gemeinsam im Ausschuss schauen, wo wir zum Beispiel bei der Nutzungsquote stehen und was hier noch zu tun ist. Eine flächendeckende Verankerung ist dabei unser Anliegen. Wir möchten zur Fortbildung im digitalen Lernen verpflichten, den Lehrerinnen und Lehrern aber auch ein Zeitbudget zur Verfügung stellen, um alle Fortbildungen auch tatsächlich wahrnehmen zu können. Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, der Thüringer Bildungsplan bis 18 Jahre bildet die Grundlage für die schulische Arbeit. Er stellt einen Rahmen über Schulart und Fächergrenzen hinaus dar. In einem eigenen Kapitel befasst er sich mit der Medienbildung. Ebenso sieht die Digitalstrategie Thüringer Schule eine Verankerung von Leitgedanken der digitalen Bildung in den Lehrplänen vor. Abgeleitet daraus möchten wir wissen, wie weit die Landesregierung mit den Vorbereitungen zur Erstellung der neuen Lehrpläne ist. Zudem regen wir an, nach dem Vorbild anderer Bundesländer die Medienkompetenz flächendeckend einzubinden und auch Empfehlungen zu geben, um Leistungen einschätzen und bewerten zu können, die im digitalen Unterricht entstanden sind. Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, die Krise hat gezeigt, dass nicht allen Kindern und Jugendlichen zu Hause digitale Endgeräte in ausreichender Form zur Verfügung stehen. Mit dem Digitalpakt II wurden kurzfristig Gelder dafür mobilisiert und Schülerinnen und Schüler können das Gerät ab dem nächsten Schuljahr in den Händen halten. Uns reicht das jedoch nicht aus. Daher regen wir an, eine Bundesratsinitiative zu starten, um im SGB II eine Kostenübernahme für Endgeräte bei bedürftigen Kindern und Jugendlichen zu ermöglichen. (Beifall SPD) Wir gehen aber noch weiter und sehen uns in Thüringen auch in eigener Verantwortung. Daher die Idee, ab 2021 dafür Mittel in den Landeshaushalt einzustellen und ab 2022 mit mindestens 15 Millionen Euro zu verstetigen. Darüber hinaus sollen digitale Lernmittel in den Schulbuchkatalog aufgenommen werden, aber auch vorhandene analoge Varianten auf ihre Anschlussfähigkeit zum digitalen Unterricht geprüft werden. Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, am Anfang der Arbeit in den Schulen vor Ort stehen die medienpädagogischen Konzepte, die helfen sollen, die individuellen Voraussetzungen vor Ort zu berücksichtigen und Entwicklungsbedarfe zu erkennen. Daher bilden sie die Voraussetzung für die Beantragung und Ausschüttung der Mittel aus dem Digitalpakt I. Kollegin Rothe-Beinlich ist vorhin schon darauf eingegangen: Erst 5 Prozent der Schulen haben das bisher realisiert. Wir möchten deswegen diskutieren, wie viele Schulen es aktuell schaffen, medienpädagogische Konzepte zu erstellen, und was die Hindernisse bei den anderen Schulen sind. Vor Ort sollen die nötigen Ressourcen bereitstehen, um individuelle medienpädagogische Strategien zu entwickeln und flächenübergreifend umzusetzen. Digitalisierung ist eine ähnlich herausfordernde Entwicklungsaufgabe wie Inklusion. Daher schlagen wir einen regionalen Entwicklungsplan als Vorbild vor und diesen ebenso im Bereich der digitalen Bildung einzuführen. Sie sollen den Ausstattungsgrad und Entwicklungsstand der Schulen alle fünf Jahre dokumentieren. Die medienpädagogischen Konzepte können so in einem ähnlichen Turnus an die veränderten Bedingungen angepasst werden und die Schulträger haben bei ihrer Schulnetzplanung Klarheit über den digitalen Entwicklungsstand. Dabei kann die Bereitstellung dienstlicher Endgeräte für alle Lehrer/-innen genauso eine Rolle spielen wie Daten aus einer anzuregenden bundesweiten Studie zu Erfahrungen aus dem Fernunterricht. Aber auch die Evaluation des Fernunterrichts in Thüringen bei den Eltern und Schüler/-innen sowie unseren Lehrer/-innen sollen Berücksichtigung finden. Schließlich möchten wir die Ausstattungsempfehlungen für die Thüringer Schulen aus dem Jahr 2018 unter den Eindrücken von Corona auf den Prüfstand stellen. Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, das alles funktioniert jedoch nicht, wenn unseren Schulen kein schnelleres Internet zur Verfügung steht und ihnen die Unterstützung und der technische Support vor Ort fehlen. Deshalb bitten wir die Landesregierung, den Ausbau und den Anschluss der Schulen an schnelles Internet über die Digitalstrategie hinaus zu beschleunigen, damit allen Schulen bereits ab dem Schuljahr 2021/2022 mindestens DSL 16.000 zur Verfügung steht. Derzeit ist das in etwa bei der Hälfte der Schulen der Fall. Weiterhin möchten wir die kommunalen Medienzentren evaluieren: Welches Personal steht in den kommunalen Medienzentren zur Verfügung, welches Selbstbild haben sie insbesondere hinsichtlich der ihnen gestellten Aufgabe, welche Infrastruktur steht ihnen zur Verfügung und welche landesrechtlichen Vorgaben geben Leitlinien? Daraus wollen wir mit der kommunalen Familie gemeinsam einen Entwicklungsschritt hin zu modernen IT-Servicezentren gehen, die den notwendigen technischen und medienpädagogischen Support vor Ort geben können. Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, so möchten wir die Schulen für medienpädagogische Herausforderungen vorbereiten. Sexting, Cypermobbing, Fake News und vieles mehr begegnen uns alltäglich. Sowohl in der Präventionsarbeit als auch im Erkennen dieser Gefahren bei der Mediennutzung sollen unsere Schulen noch stärker unterstützt werden. Dafür möchten wir auch das Nutzungsverhalten unserer Schüler/-innen und Lehrkräfte bei den digitalen Medien als Ausgangspunkt kennen. Die wissenschaftliche Erhebung sollte alle zwei Jahr stattfinden; über die Ergebnisse sollte im Bildungsausschuss informiert werden. Zu guter Letzt wollen wir nicht im eigenen Saft schmoren. Viele Professionen und Nutzer/-innen beschäftigen sich mit der Digitalisierung von Bildung. All ihre Perspektiven in einen externen Fachbeirat einzubinden, der das TMBJS und auch uns als Parlament berät, ist eine lohnenswerte Aufgabe. Die Blickwinkel aus Wissenschaft, Gesellschaft und pädagogischen Professionen sollen hierbei ebenso einfließen wie von Gewerkschaften, Berufsverbänden und anderen Vertretungsstrukturen. Daher bitte ich Sie und beantrage, unseren Antrag ebenso wie die Anträge der CDU und der FDP, die an vielen Stellen Überschneidungen aufweisen, an den Ausschuss für Bildung, Jugend und Sport zu überweisen, dort weiter zu diskutieren und gemeinsam beste Lösungen für eine digitale Schule in Thüringen zu finden. Vielen Dank. (Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

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