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Hoffmann

AfD 16.07.2020 Sitzungen 7/20

b) Weitere Stärkung und Entwicklung der Digitalisierung des Thüringer Schulwesens

Sehr geehrte Kollegen Abgeordnete, liebe Zuschauer, Schüler, Lehrer und Eltern mussten sich durch die Schulschließungen während der CoronaKrise von jetzt auf gleich auf eine andere Form des Unterrichts einstellen, vom Präsenzunterricht auf den Distanzunterricht. Das war für alle Beteiligten eine große Herausforderung und hat ihnen in den vergangenen Wochen viel abverlangt. Die CoronaBeschränkungen haben dabei verdeutlicht, dass Thüringen im Bereich der Digitalisierung Nachholbedarf hat und bei der Vermittlung der wichtiger gewordenen Medienkompetenz anderen Ländern hinterherhinkt. Sie haben aber auch verdeutlicht, welche Wirklichkeit neben Infrastruktur und Technik besteht, nämlich dass Präsenzunterricht nicht einfach ersetzt werden kann und auch nicht ersetzt werden sollte. (Beifall AfD) Im Auftrag des Bildungsministeriums wurde eine Onlineumfrage zum häuslichen Lernen – also zu den Erfahrungen mit dem digitalen Distanzunterricht – während der Corona-Krise durch das ThILLM durchgeführt. Sie erfolgte vom 3. bis zum 24. Juni und es nahmen etwa 5.700 Eltern und etwa 13.200 Schülerinnen und Schüler teil. Die Ergebnisse aus Elternsicht: Häusliches Lernen funktioniert für knapp 40 Prozent mittelmäßig, die Mehrheit der Eltern hatte den Eindruck, dass sich die Lehrer nur teilweise oder gar nicht über Umfang und Inhalt des Lernstoffs untereinander absprechen und 60 Prozent der Eltern gaben an, dass für Nachfragen durch das Kind an den Lehrer keine festen Zeiten vereinbart wurden. Die Ergebnisse aus Kindersicht: Für knapp 60 Prozent war ungestörtes Lernen zu Hause möglich, fast 65 Prozent der Schüler gaben an, zu Hause weniger als in der Schule gelernt zu haben und sie sehen den Lernerfolg eher in der Schule als beim Distanzlernen. Für mehr als die Hälfte waren Arbeitsaufwand und Unterstützungsbedarf beim Distanzunterricht größer als beim Präsenzunterricht. Mit Erlaubnis des Präsidenten zitiere ich aus der Stellungnahme von Minister Holter hierzu auf der Internetseite des Ministeriums für Bildung, Jugend und Sport: „Wir werden daraus viele Schlussfolgerungen für die Zukunft ziehen. Einige gibt es aber schon jetzt: Das Lernen in den Schulen ist durch nichts vollständig zu ersetzen und unverzichtbar für Lernerfolg und Chancengerechtigkeit.“ Jedem Schüler einfach ein Endgerät in die Hand zu drücken, den Internetanschluss als Lerngarant zu sehen und zu meinen, man könne Digitalisierung nach Schablone einfach auf jeden Lebensbereich anwenden, ist jedenfalls ein Irrglaube und missachtet sträflich den bisherigen Unterricht in seiner Ausgestaltung und Notwendigkeit für die Kindesentwicklung. (Beifall AfD) Vor allem sehen wir den Digital- und Distanzunterricht für Grundschüler mehr als kritisch. Die vorliegenden Anträge der FDP, der CDU und der regierungstragenden Fraktionen zielen nun alle in eine Richtung: den digitalen Distanzunterricht auszubauen. Vorab: Auch wir sehen Handlungsbedarf darin, Infrastrukturen zu verbessern, einheitliche Qualitätsstandards festzulegen, Ergebnisse zu evaluieren, Medienkompetenz zu vermitteln und Fortbildungsangebote für Lehrkräfte zu schaffen. Jedoch geben die Anträge einerseits vieles wieder, was bereits im Ausschuss für Bildung, Jugend und Sport besprochen wurde und wird, beispielsweise der Dialog mit den Schulträgern, eine Positivliste von Materialien und die Geräteverteilung im Rahmen des Sofortausstattungsprogramms. Der Digitalpakt wurde ebenfalls ausführlich besprochen. Andererseits bleiben Sie unklar darin, was nun eigentlich durch mehr Digitalunterricht bezweckt werden soll. Heimunterricht, Medienpädagogik, iPadKlassen, digitale Hausmeister, Onlineprüfungen, der Laptop als Lehrerersatz – und wenn ja, warum und auf Basis welcher Daten? Außerdem: Wie die Landesregierung mehrfach ausgeführt hat, muss erst der nötige Breitbandausbau vorliegen, dann erfolgt die technische Ausrüstung der Schulen und als letzte Maßnahme wird in Endgeräte investiert. Ich darf an die Zuschrift vom 3. März erinnern, aus der hervorgeht, dass erst 426 Schulen einen Anschluss mit einer Übertragungsgeschwindigkeit von mehr als 16 Megabit pro Sekunde für den Unterricht haben und damit über die Voraussetzungen für den Austausch von Multimediadaten verfügen. Folgende Fragen gilt es erst zu klären: Sind die Beteiligten gewillt, weiter und mehr digital zu lernen? Wie wirkt sich Distanzunterricht auf die Leistungen der Schüler im Vergleich zum Präsenzunterricht aus? Wie gestalten wir Digitalisierung so, dass sie nicht kurzsichtig Lehrpersonal einspart? Inwieweit muss eine verstärkte Betreuung der Kinder beim Distanzunterricht durch Eltern erfolgen und können gerade berufstätige Eltern dies überhaupt leisten und wollen sie das? Wann stößt die Digitalisierung von Prüfungen und Verwaltung an Grenzen? Für welche Klassenstufen machen Digital- und Distanzunterricht Sinn, für welche nicht? Wie wirkt sich der vermehrte optische Einfluss durch digitales Lernen auf Augengesundheit und die Gedächtnisleistung aus und wird der Lerninhalt eher konsumiert als gelernt? Gibt es Auswirkungen auf das Erlernen der Handschrift, vor allem im Hinblick auf den Einsatz von Tablets und Co. an Grundschulen? Wie ist das Nutzungsverhalten der Beteiligten in der Schulcloud, setzt man nun auf Heimunterricht? Nutzt die Digitalisierung bestimmten Konzernen? Gibt es womöglich eine Steigerung der Internetabhängigkeit? Werden Grenzwerte für Mediennutzung gesetzt und, wenn ja, von wem und auf welcher Grundlage? Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat am Ende des letzten Jahres eine Empfehlung zum digitalen Medienkonsum veröffentlicht. Für Grundschulkinder empfiehlt sie täglich 45 bis 60 Minuten. Wie stellt man sich die Umsetzung also vor? Ein Ersatz des Präsenzunterrichts würde doch die Empfehlung sprengen und gesundheitliche Schäden provozieren. Ebenso muss hier die BLIKK-Studie erwähnt werden. Bei den 8- bis 13-Jährigen besagt die Studie einen Zusammenhang von motorischer Hyperaktivität und Konzentrationsschwäche durch eine erhöhte Nutzungsdauer digitaler Medien von mehr als 60 Minuten täglich. Tägliche digitale Bildschirmnutzung steht der Studie zufolge in Verbindung mit erhöhtem Genuss von Süßgetränken und Süßigkeiten. Soll der Digitalunterricht also wirklich auch an der Grundschule einen größeren Platz einnehmen? Wir sagen: nein. (Beifall AfD) Weitere Fragen stellen sich im Zusammenhang mit der Hardware und der Software der Endgeräte: Was ist mit den Folgekosten für Administratoren, was ist mit Datenschutz, Updates und Wartung und daraus möglicherweise resultierenden zusätzlichen Stunden? Wer kontrolliert den korrekten Gebrauch? Wer stellt Kinder- und Jugendschutz sicher und sorgt dafür, dass die Kinder, wenn sie zu Hause mit dem Endgerät lernen, auf sicheren Seiten unterwegs sind? – Fragen, die bei der digitalen Transformation untergehen. Wir sagen: Bildung ist ein viel zu sensibles Thema, um sie dem Digitalwahn zu opfern. (Beifall AfD) Digitalisierung sollte kein reiner Selbstzweck sein, sondern dem Ziel der Vermittlung des Umgangs mit digitalen Medien, also dem Erwerb der digitalen Kompetenz und der Bereitstellung von Inhalt und Zusatzinformationen, dienen. Wir sagen: Medienkompetenz für Schülerinnen und Schüler durch Unterricht mit digitalen Medien – ja, Fortbildung für Lehrkräfte – ja, Endgeräte für die Schulen – ja, Thüringer Schulcloud – ja, Evaluieren der Ergebnisse – unbedingt, aber keine Digitalisierung als Selbstzweck. (Beifall AfD) Die zwischenmenschliche Kommunikation in der Schule und die dort stattfindenden sozialen Kontakte sind schließlich nicht ersetzbar – Kinder brauchen Kinder. (Beifall AfD) Ein übereilter Ausbau der Digitalisierung unseres Bildungssystems schafft mehr Probleme, als dadurch gelöst werden. Insbesondere gehen elementare Fragen unter: Welche Gewichtung sollen Digital- und Distanzunterricht warum haben? Was ist mit den Stundenkontingenten, dem Nutzungsverhalten und den Folgekosten? Für welche Klassenstufen eignen sich Digital- und Distanzunterricht, für welche nicht? Welchen Einfluss haben sie auf die Leistung der Schüler? Um diese offenen Fragen zu klären und weil wir die Etablierung einheitlicher Standards, die Evaluierung und den Vorschlag der Fortbildung begrüßen, stimmen wir dem CDU-Antrag zu und damit einer Überweisung an den Ausschuss für Bildung, Jugend und Sport. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall AfD)

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