Dr. Heesen
Keine Experimente mit unseren Kindern – Lernmethode „Lesen durch Schreiben“ abschaffen!
Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Abgeordnete, als kleine Erinnerung an die AfD-Fraktion – meine Vorrederinnen haben das auch schon in Erinnerung gebracht –: Sie haben in der letzten Legislaturperiode zwei Anträge und eine Kleine Anfrage zu diesem Thema gestellt. Einer von beiden Anträgen war sogar in der Bezeichnung fast identisch mit dem heutigen. Wir haben uns also bereits mehrfach zu diesem Thema ausgetauscht. Es scheint für mich nicht sehr sinnvoll, regelmäßig dasselbe Thema immer wieder mit fast identischen Anträgen aufzurufen.
(Zwischenruf Abg. Höcke, AfD: Das ist in der
Pädagogik sehr sinnvoll!) Natürlich streben wir alle an, dass alle Kinder gut lesen und schreiben können. Darüber müssen wir, glaube ich, nicht streiten, dass gute Rechtschreibung, gutes Lesen und Schreiben eine Grundvoraussetzung für ein selbstbestimmtes, erfolgreiches Leben sind. Um es aber hier gleich vorweg zu sagen: Es gibt keine ministerielle Vorgabe von Schreiblernmethoden. Das widerspräche auch der gesetzlich vorgesehenen Freiheit der Lehrperson bei der Wahl der Unterrichtsmethoden. Und wir haben nicht die Absicht, uns gesetzeswidrig zu verhalten. Es gibt eine Vielzahl von Schreiblernmethoden. Keine einzelne wird wissenschaftlich als die Beste bewertet. Das ist auch der Grund dafür, warum die Lehrerinnen und Lehrer in Thüringen eine Vielzahl unterschiedlicher Methoden zur Vermittlung des Lesens und Schreibens verwenden. Oftmals werden diese Methoden auch nicht in ihrer rein konzeptionellen Form angewandt, sondern durch Elemente anderer Methoden ergänzt. Es gibt also in der Praxis einen Methodenmix. Über die Auswahl der Methode oder Methoden entscheiden die Lehrerinnen und Lehrer eigenverantwortlich im Rahmen ihrer Unterrichtsvorbereitung und Unterrichtsgestaltung. Dazu sind unsere Lehrerinnen und Lehrer auch sehr gut in der Lage. Das Bildungsministerium, das Thüringer Institut für Lehrerfortbildung wirken über die Fachaufsicht und über das Unterstützungssystem darauf hin, dass die Lehrkräfte Unterrichtsmaterialien verwenden, die geeignet sind, die Vorgaben der Thüringer Lehrpläne umzusetzen. Damit wird Experimenten wirkungsvoll begegnet. Kein Kind in Thüringen wird einem Experiment ausgesetzt, kein Kind wird einem Risiko ausgesetzt. Zu den verwendeten Methoden im Einzelnen: Aus einer Befragung an die Schulleitungen in Thüringen, die Ende Januar 2018 erfolgte, wissen wir, dass viele Lehrpersonen dieselben Lehrwerke wählen. Die Auswahl fällt in Thüringen sehr deutlich auf Erstleselehrwerke, die nach der analytisch-synthetischen oder nach silbenanalytischen Methoden konzipiert sind. Die Werke der analytisch-synthetischen Methode nehmen den höchsten Anteil ein. Hierbei werden einerseits Wörter in ihre Bestandteile zerlegt – das ist der Analyseteil – und andererseits werden Buchstaben zu Wörtern zusammengezogen, das ist dann die Synthese. Hoch ist in Thüringen auch der Anteil an Lehrwerken, die nach der silbenanalytischen Methode ausgerichtet sind. Im Mittelpunkt dieser Methode steht nicht der einzelne Buchstabe, sondern die Verbindung der Buchstaben in einer Silbe. Frau Abgeordnete Rothe-Beinlich und Herr Abgeordneter Hartung hatten bereits darauf hingewiesen, dass die von Ihnen kritisierte Methode mitnichten die am Weitesten verbreitete oder gar die allein angewandte Methode an den Thüringer Schulen ist. Was die Lehrpläne angeht: Das Erlernen der Rechtschreibung im Rahmen des Schriftspracherwerbs findet in den Thüringer Lehrplänen in allen Jahrgängen kontinuierliche und konkrete Beachtung, insbesondere natürlich in den Fachlehrplänen für das Fach Deutsch. Im Kontext des Lernkompetenzmodells der Thüringer Lehrpläne hat der Schriftspracherwerb auch deshalb besondere Bedeutung, weil die deutsche Sprache Medium, Gegenstand und Unterrichtsprinzip zugleich ist. Der Thüringer Lehrplan für die Grundschulen für das Fach Deutsch legt fest, dass beim Schreiben bereits in der Schuleingangsphase Rechtschreibmuster wie Groß- und Kleinschreibung genutzt, verschiedene Wortarten kennengelernt und die Satzzeichen angewendet werden. Viele wichtige Regeln und Arbeitstechniken kommen bis zum Ende der Klassenstufe 4 hinzu, die in den Lehrplänen konkret aufgezeigt werden. Auf dieser Basis lernen die Kinder bis dahin sowohl Rechtschreibbewusstsein und Fehlersensibilität als auch grundlegende Lese- und Schreibfähigkeiten. Sehr geehrte Abgeordnete, es gibt aus unserer Sicht keinen Grund, den Lehrerinnen und Lehrern bei der Lehrmittelauswahl zu misstrauen. Ganz im Gegenteil. Sie, die Lehrerinnen und Lehrer, sind es, die wissen, welche methodische Vorgehensweise für ihre Schülerinnen und Schüler am besten geeignet ist, weil sie, die Lehrerinnen und Lehrer, die notwendige Kompetenz dafür haben.
(Beifall DIE LINKE)
Sie sind im Rahmen ihrer eigenen Ausbildung und durch Fortbildungen gut darauf vorbereitet, die Entwicklungsstufen von Kindern beim Schriftsprachenerwerb zu beurteilen. Sie kennen besser die besonderen Voraussetzungen und Bedürfnisse jedes einzelnen Schülers, jeder einzelnen Schülerin in einer heterogenen Schülerschaft. Für unterschiedliche Kinder eignen sich unterschiedliche Methoden. Vertrauen wir also den Lehrkräften in unserem Land bei der konkreten Umsetzung des Rechts auf individuelle Förderung und stärken ihnen den Rücken für ihre tägliche Arbeit. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
(Beifall DIE LINKE, CDU, SPD, BÜNDNIS
90/DIE GRÜNEN)
