Denny Jankowski
Keine Experimente mit unseren Kindern – Lernmethode „Lesen durch Schreiben“ abschaffen!
Sehr geehrte Präsidentin, sehr geehrte Abgeordnete, werte Gäste! Herr Wolf, ich habe mich explizit in meiner Einbringungsrede auf die Bonner Studie bezogen. Und die Bonner Studie, die an der Universität an 3.000 Kindern getestet wurde und die Ergebnisse evaluiert, das mit Dr. Google zu bezeichnen, das finde ich schon mehr als dreist, selbst für Ihre Verhältnisse.
(Beifall AfD)
(Zwischenruf Abg. Baum, FDP: Es gibt aber
auch andere Studien!) Darauf können wir gleich eingehen und dass 2015 hier diskutiert wurde. Die Studie ist von 2018. Natürlich geben gerade die Ergebnisse sehr zu bedenken. Deswegen muss man das Thema noch mal aufmachen.
(Beifall AfD)
Ich will jetzt nicht weiter auf Sie eingehen. Der nächste Tagesordnungspunkt beschäftigt sich mit dem Wolf in Thüringen. Vielleicht sollten wir auch noch den Punkt „Die Auswirkung des Wolfs auf das Bildungssystem“ aufnehmen. Vielleicht ist das besser geeignet.
(Zwischenruf Abg. Wolf, DIE LINKE: Sie sind
witzig!)
(Beifall AfD)
Nun kommen wir mal zum Punkt, zur eigentlichen Lehrmethode zurück, um das ganze Thema wieder zurückzurollen. Die Lehrmethode „Lesen durch Schreiben“ wurde von Jürgen Reich in den 70er-/ 80er-Jahren entwickelt. Im Gegensatz zur Fibelmethode übt man mit den Kindern nicht strukturiert zuerst einzelne Buchstaben, dann weiter einfache Wörter bis hin zu ganzen Texten, stattdessen kommt bei Lesen durch Schreiben eine Anlauttabelle zum Einsatz. Mithilfe von Lautierungsübungen sollen die Kinder lernen, das gesprochene Wort in Einzellaute zu zerlegen, den einzelnen Lauten dann Bilder einer Anlauttabelle zuzuordnen und damit den nebenstehenden Buchstaben zu finden. Die Kinder werden angeregt, möglichst viel zu schreiben, wobei zunächst die Rechtschreibung nicht korrigiert wird. Der Ansatz von Jürgen Reich folgt dem Credo: Je weniger ein Kind belehrt wird, umso mehr lernt es. Und, Frau Baum, ich möchte zu Ihnen nur sagen, die Methode legt eben genau nicht den Fokus auf das Lesen. Der Methodenname „Lesen durch Schreiben“ entstand aus der Annahme, dass das Lesen nicht explizit gelernt werden muss, sondern aus dem Schriftspracherwerb wie selbstverständlich nebenbei mit abfällt. Es gibt für die Lehrmethode viele Befürworter, das stimmt, allerdings wurden die Praxistauglichkeit und vor allem die Auswirkungen auf die Rechtschreibleistung bei den Schülern in den letzten Jahrzehnten kaum mit wissenschaftlich gesicherten Methoden untersucht. Man sollte aber eigentlich meinen, dass es eine Grundvoraussetzung sein sollte für den weiteren Einsatz einer Lehrmethode gerade bei so einem wichtigen Thema wie Lesen und Schreiben.
(Zwischenruf Abg. Wolf, DIE LINKE: Das for-
dern Sie aber nicht, Sie wollen es verbieten!) Dazu komme ich gleich. Wir haben ja jetzt die Studie, da brauche ich nicht mehr darauf einzugehen. Die Argumente der Befürworter verfallen vor allem wie bei Ihnen, Herr Wolf, auf theoretischem Bereich, obwohl die Risiken für die Kinder rein praktischer Natur sind. Dass der Einsatz der Methode problematisch sein kann, dafür gab es schon vor der Veröffentlichung der Bonner Studie genug Hinweise. So veröffentlichte Prof. Reinold Funke von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg bereits 2014 die Ergebnisse einer Meta-Studie. Darin legt er dar, dass signifikant Kinder aus sozial schwächeren und bildungsfernen Bevölkerungsgruppen, aber auch mit Migrantenhintergrund oder aber auch mit starkem Dialekt deutliche Nachteile durch „Lesen durch Schreiben“ und verwandte Methoden erleiden würden. Doch die Landesregierung hat diese Ergebnisse der früheren Studie bisher gekonnt ignoriert. Die Landesregierung gab bei Beantwortungen zu Anfragen und auch zu parlamentarischen Initiativen immer wieder an, auf die Stellungnahme der Mercator-Stiftung zu orientieren. Aber selbst diese legt im Faktencheck das Für und Wider der verschiedenen Methoden dar und – ich darf sogar zitieren –: „Schwächere Kinder hingegen können sich im lernkraftzentrierten Fibelunterricht deutlich in ihrer Lesekompetenz steigern.“ Die Ende September 2018 veröffentlichte Bonner Studie bestätigt die Aussage in eindrucksvoller Weise, und dies vor allem in einer bisher nie dagewesenen empirischen Datenbasis. Das Ergebnis der Studie ist nicht nur, dass am Ende der 4. Klasse die nach der Methode „Lesen durch Schreiben“ unterrichteten Kinder im Schnitt 55 Prozent mehr Rechtschreibfehler machen im Vergleich zu Kindern, die nach der Fibelmethode unterrichtet wurden, sondern die Studie stellt vor allem auch die Bildungsgerechtigkeit gesondert heraus. Besonders signifikant sind die erzielten Differenzen der Rechtschreibleistung innerhalb von verschiedenen Schülergruppen, die mit der jeweiligen Lernmethode erzielt wurden. So waren die Leistungsdifferenzen innerhalb der Fibelgruppe deutlich am kleinsten. So zählten bei der Fibelgruppe am Ende der 4. Klasse 42 Prozent zum leistungsstärksten Bereich und 47 Prozent erreichten mittlere Rechtschreibleistungen und 10 Prozent erreichten schlechte Ergebnisse; bei der Methode „Lesen durch Schreiben“ haben hingegen nur 26 Prozent eine Rechtschreibleistung im leistungsstarken Bereich erreicht, 53 Prozent lagen im mittleren Bereich und ganze 20 Prozent erzielten nur schlechte Ergebnisse. Diese Ergebnisse zeigen eindeutig, dass die Fibelmethode im Schnitt zu deutlich besseren Rechtschreibleistungen kommt. Ich darf an dieser Stelle auch die Studie explizit noch mal zitieren: „Die Ergebnisse von Längs- und Querschnittstudie sprechen eindeutig für die Überlegenheit des Unterrichts mit einem Fibel-Ansatz. [...] Zudem waren die Leistungsdifferenzen innerhalb der Fibel-Gruppe deutlich kleiner. Die ganz überwiegende Mehrzahl dieser Kinder konnte demnach von dieser Lehrmethode profitieren“.
(Beifall AfD)
Den Befürwortern der Lernmethode „Lesen durch Schreiben“ geht es nicht allein um die Ergebnisse der Schreibleistung, sondern auch um die Motivation und die Gefühle der Kinder, zumindest scheinbar. Die Befürworter bringen immer wieder an, dass ein frühes Korrigieren von Rechtschreibfehlern dazu führen würde, dass die Kinder demotiviert werden, dass sie deswegen weniger schreiben und auch weniger lesen. Und auch diesen Mythos widerlegt die Bonner Studie, denn sie kommt zu dem Ergebnis, dass die intrinsische Lese- und auch Schreibmotivation bei allen untersuchten Lernmethoden gleich hoch war. Die Methode führt nicht zu höherer Motivation und weniger Frustration, sondern sie verschiebt das Problem lediglich und dadurch verschärft sie es auch noch. Das erste Lernen, welches sich am besten verfestigt und die Grundlage bildet, ist fehlerhaft und es wird einfach zur Gewohnheit. Später werden dann die eigentlichen Fehler mühsam wieder korrigiert. Die beim Schreibenlernen angebliche Frustration wird dann wirklich zu einer. Denn die Kinder sollen Antrainiertes ablegen und dieses Vorgehen ist kognitiv wie emotional anstrengender als das Erlernen und Einüben gleich des Richtigen. Die Grundannahme der Methode ist zu stark vereinfacht. Lesen ist nicht einfach nur die Umkehr des Schreibens und kommt auch nicht von allein. Und auch die Annahme, dass man Wörter einfach nur Laut um Laut auseinandernehmen muss, diesen Laut dann einzelnen Buchstaben zuordnet und diese zu einem Wort zusammensetzt, ist schlichtweg nicht tragbar. Bei zwei Dritteln aller Buchstaben und Laute gibt es im Deutschen nicht diese Eins-zuEins-Beziehung. Laute und Buchstaben passen im Deutschen häufig nicht hörbar zueinander. Das können Sie sich auch verdeutlichen. Nehmen Sie doch einfach mal den Laut „K“. Ob Kiste, Fuchs, Computer, Quelle, Acker oder auch Chor – durch die strikte Verwendung der Anlauttabelle würde das alles mit „K“ geschrieben werden. Auch Orthographeme wie das „ph“ finden sich in den Anlauttabellen überhaupt nicht. Dann viel Spaß, Herr Wolf, beim Schreiben von Physik und Philosophie. Diese Ausnahmeschreibweisen müssen dann später wieder umständlich umgelernt werden. Es ist eine Grundsatzfrage, ob man Kinder bestimmten Risiken in der Schule aussetzen will oder nicht, und der Staat trägt aber eine Verantwortung und darf nicht wegen einer netten Idee Kinder einfach unnötigen Risiken aussetzen. Und wenn unausgegorene Methoden eingesetzt werden, ist das den Kindern gegenüber verantwortungslos. Man muss immer bedenken, welcher Schaden dadurch entsteht, durch unausgegorene Methoden. Die Schäden, die dadurch entstehen, können unter Umständen erst sehr spät erkannt werden. Wird der Schaden erkannt, kann er bei den Kindern, die davon betroffen sind, auch nicht mehr korrigiert werden. Deswegen muss vor dem Einsatz einer neuen Lernmethode diese mit größter Vorsicht und Sorgfalt ausgewählt werden und nicht durch irgendwelches willkürliches Rumexperimentieren, und vor allem darf man nicht jedem Trend hinterherlaufen. Der Einsatz der Lernmethode „Lesen durch Schreiben“ war ein Experiment am offenen Herzen unseres Bildungssystems, und wie die Studie eindeutig belegt, ist dieses Experiment gescheitert. Die Lernmethode „Lesen durch Schreiben“ muss deswegen zum Wohl der Thüringer Kinder aus den Thüringer Grundschulen herausgenommen werden.
(Beifall AfD)
Ich muss zum Abschluss noch sagen: Es mag ja grüne Ministerpräsidenten geben, die meinen, dass die Rechtschreibung heute nicht mehr so wichtig ist, da wir ja kluge Maschinen haben, die das alles schon korrigieren können. Aber diese Aussage zeigt eigentlich nur die Gefahr der voranschreitenden Digitalisierung. Richtig Lesen und Schreiben zu lernen, ist eine wichtige Kulturtechnik. Und gerade in diesen technischen Zeiten ist es deswegen wichtig, diese zu bewahren, um weiterhin auch ein selbstbestimmtes Leben führen zu können und nicht auf irgendwelche klugen Maschinen angewiesen zu sein. Vielen Dank.
(Beifall AfD)
