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Dr. Wolfgang Lauerwald

AfD 06.03.2020 Sitzungen 7/10

Die Situation der Apotheken in Thüringen – Apothekensterben im ländlichen Raum verhindern

Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Kollegen Abgeordnete, es ist unverkennbar, dass die Anzahl der Apotheken in Deutschland signifikant rückläufig ist. Es gibt deutlich mehr Schließungen als Neueröffnungen. Der Negativtrend hält an. (Zwischenruf Abg. Schubert, DIE LINKE: Und in Thüringen!?) Die Apothekendichte liegt im EU-Durchschnitt bei 31 Standorten pro 100.000 Einwohner. In Deutschland liegen wir deutlich darunter, nämlich bei 23 Apotheken pro 100.000 Einwohner. Zum Vergleich: In Griechenland versorgen 88 Apotheken 100.000 Einwohner. (Zwischenruf Abg. Dr. Lukin, DIE LINKE: Können wir auch über Thüringen reden?) Was aber ist zumutbar? Welche Entfernungen zur nächsten Apotheke können wir den Menschen hier in Thüringen aufbürden? Darüber müssen wir uns Gedanken machen. Dabei gilt es, zu bedenken, dass die Bevölkerung in Thüringen zunehmend immer älter wird. Können wir es Oma Erna tatsächlich abverlangen, 20 bis 30 Kilometer vom Heimatdorf entfernt einen Apothekennotdienst aufzusuchen, wenn vielleicht zweimal am Tag ein Bus fährt, der Gehweg glatt und der Weg zur Bushaltestelle aufgrund der Gebrechen ohnehin beschwerlich ist? Der eine oder andere von Ihnen mag jetzt sagen: Na, dann soll sich Oma Erna doch die Medikamente im Internet bestellen, das ist bequem, das ist modern, das ist ohnehin die Zukunft und Oma Erna muss nicht weg von ihrem warmen Kachelofen. Man könnte an dieser Stelle wunderbar eine Debatte über den Stand des Breitbandausbaus in Thüringen einflechten, insbesondere wenn man bedenkt, dass man schon vom 5G-Netzausbau träumt. Für viele Thüringer im ländlichen Raum ist das übliche Hochgeschwindigkeitsinternet jedoch nach wie vor ein Wunschtraum. (Beifall AfD) Aber wir wollen uns ja dem eigentlichen Thema widmen und so kommen wir wieder zurück zur Sache und lassen das an dieser Stelle einmal beiseite. Selbst wenn Oma Erna zu denjenigen glücklichen Thüringern gehört, die in einem Dorf mit einer verlässlichen Internetanbindung wohnen, stellt sich mir sodann die Frage, wie sie nun wohl dazu kommen wird, ihr Rezept, welches sie bei dem einen der seltenen Landärzte ergattert hat, bei DocMorris einzulösen. Natürlich kann man Glück haben und das Enkelkind kommt nach der Schule samt iPad zum Mittagessen vorbei und erledigt das mit dem Rezept eben mal fix für die Oma, während sie die Suppe aufwärmt. Aber seien wir doch mal ehrlich und setzen wir die rosarote Brille (Zwischenruf Abg. Plötner, DIE LINKE: Ab!) ab. Danke. (Heiterkeit und Beifall AfD) Sie sind sehr konstruktiv. Danke schön noch mal. Das mag in Einzelfällen sicher so oder so ähnlich funktionieren, aber für die breite Masse wird das wohl kaum gelten. Daher lassen sie uns der Realität ohne rosa Brille ins Gesicht sehen. Onlineapotheken können nicht die Lösung sein. Die deutschen Apotheken machen über 80 Prozent ihres Umsatzes mit Rezepten, die allerdings zunehmend anstatt zu den Präsenzapotheken zu den Versandapotheken wandern. Dieser Konkurrenz werden viele Apotheken auf Dauer nicht mehr standhalten können. Diese Rahmenbedingungen und die damit verbundenen, derzeit schwer abzuschätzenden wirtschaftlichen Perspektiven wirken sich auch negativ auf die Nachwuchsgewinnung aus. Es ist ohnehin schon nicht einfach, junge Menschen zur Übernahme von Landapotheken mit nicht allzu üppigem Umsatz zu überzeugen. Jungen Approbierten erscheint die Übernahme einer Hausapotheke oft als ein wirtschaftlich zu hohes Risiko. Einen Kredit von mehreren Hunderttausend Euro, dazu eine 50- bis 60-Stunden-Woche und nächtlicher Notdienst – demgegenüber lockt die Industrie mit familienfreundlichen Arbeitszeiten, lukrativerem Verdienst und deutlich weniger Verantwortung auf den Schultern. Wenn wir in Thüringen eine flächendeckende Versorgung mit Apotheken sicherstellen wollen, müssen wir entsprechende Anreize schaffen, um junge Menschen zur Übernahme einer Apotheke zu bewegen. Es braucht hierfür geeignete, passgenaue Förderprogramme. Diese müssen wir dringend auflegen. Da hilft kein allgemeines Geplänkel zum Fachkräftemangel im Gesundheitsbereich; es braucht zielgruppenspezifische Angebote, die mit Kontinuität versehen sind und dafür Sorge tragen, dass die in Thüringen bestens ausgebildeten Fachkräfte nach Abschluss ihrer Ausbildung nicht in benachbarte Bundesländer oder ins Ausland abwandern. (Beifall AfD) Thüringen muss für junge Approbierte samt ihren Familien attraktiver werden, meine sehr verehrten Damen und Herren. Wie in so vielen anderen Berufsgruppen, so auch bei den Apothekern, werden viele in den nächsten Jahren das Rentenalter erreichen. Neben den studierten Pharmazeuten braucht es in einer Apotheke aber auch Mitarbeiter. Hier liegt ein weiteres Problem. Auch ausgebildetes Fachpersonal wie Pharmazeutisch-technische Angestellte oder Pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte rücken zu wenig nach. Ebenfalls werden in absehbarer Zeit die letzten Pharmazieingenieure aus dem Berufsleben ausscheiden. Nach Angaben der Landesapothekenkammer arbeiten derzeit noch gut 700 Pharmazi e ingenieure in Thüringen, mehr als die Hälfte ist zwischen 56 und 65 Jahren alt. Um sie zu ersetzen, brauchte es mehr Apotheker oder aber, so wie wir es in unserem Antrag anregen, ein Wiederbeleben dieser Ausbildungsform. Ich sage noch mal dazu, dass man Pharmazieingenieure nicht mit Pharmazeutisch-technischen Assistenten vergleichen kann, weil die Pharmazieingenieure ganz andere Kompetenzen besitzen gegenüber dieser anderen Berufsgruppe, denn Pharmazieingenieure entlasten auch die Apotheke. Insbesondere im Osten werden die Apotheker große Lücken hinterlassen, denn sie haben weitaus mehr Kompetenzen als Pharmazeutisch-technische Angestellte und Pharmazeutischkaufmännische Angestellte. Pharmazieingenieure dürfen neben der Anfertigung von Medikamenten, der Beratung von Kunden und der Abgabe von Medikamenten auch den Notdienst in einer Apotheke übernehmen und die Inhaber bis zu vier Wochen vertreten, wozu sonst nur approbierte Apotheker berechtigt sind. Die ohnehin schon rar werdenden Mitarbeiter sehen sich dann auch noch mit einem stagnierenden Gehaltsniveau konfrontiert. In fast allen Bundesländern verdienen die Angestellten über Tarif, nur in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt liegt das durchschnittliche Gehalt unter Tarif. Das trägt natürlich nicht zur Attraktivität des Standorts Thüringen im Allgemeinen und insbesondere zur Fachkräftesicherung im ländlichen Raum bei. Und da liegt der Hase im Pfeffer: Ohne eine ausreichende Anzahl von Mitarbeitern können auch keine Apothekenzweigstellen gegründet werden. Das ist insbesondere im ländlichen Raum eine Frage der Wirtschaftlichkeit, denn es braucht für die Filialleitung einen approbierten Apotheker und zusätzliches pharmazeutisches Personal. Deswegen fordern wir, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen, um auch den Botenservice in Thüringen auszubauen. In zahlreichen kleinen Gemeinden in Thüringen ersetzen Rezeptsammelstellen schon heute die fehlende Apotheke vor Ort. Die Angestellten von Apotheken größerer Orte leeren die Briefkästen täglich, prüfen die Rezepte und liefern die Medikamente in der Regel noch am selben Tag bei dem Patienten ab. Ein Glücksfall für viele ältere, weniger mobile Menschen oder Alleinlebende, so wie Oma Erna. Dann möchte ich noch ergänzen, dass wir keine Panikmache bezwecken. Wir betreiben keine effekthaschende Polemik, wie es hier geäußert worden ist, sondern wir schauen nur voraus, weil wir die bisherige Entwicklung analysiert haben. (Beifall AfD) Noch eine Bemerkung zu Ihnen, Herr Plötner: Wenn Sie hier sachliche Diskussionsbeiträge verknüpfen wollen mit einer Bemerkung, dass wir eine offen rassistische Partei sind – ich weiß nicht, warum das hier zu diesem Thema gehören muss. Das können Sie auf der Straße bei Ihren Demonstrationen loswerden. Dann scheinen Sie sich auch noch als Traumdeuter zu beschäftigen – denn wie wollen Sie wissen, was mir im Traum einfällt oder nicht einfällt? Also ich bitte zukünftig, dass wir auf der fachlichen Ebene bleiben können und die Ideologie draußen lassen. Ich danke für die Aufmerksamkeit. (Beifall AfD) Wir beantragen die Überweisung an den Ausschuss für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung. Vielen Dank. (Beifall AfD)

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