Christian Tischner
Praxisintegrierte vergütete Ausbildung für Erzieherinnen und Erzieher sichern
Herr Präsident, meine sehr geehrten Damen und Herren, zunächst möchte ich ganz herzlich Danke an Herrn Reinhardt von den Linken sagen. Wirklich schade, dass Sie nicht schon in der letzten Wahlperiode hier bei uns im Landtag waren, denn – das meine ich ganz ernst – so viel Praxisnähe und Praxiserfahrung hat man von den Linken in den letzten fünf Jahren sehr selten erlebt. Also vielen Dank dafür.
(Beifall CDU)
Ich freue mich da auf den Austausch in den nächsten Jahren im Bildungsausschuss des Thüringer Landtags. Meine Damen und Herren, ein bisschen überrascht war ich von den Ausführungen von Herrn Hartung, weil wir eigentlich über das Thema, das wir heute hier verhandeln, vor eineinhalb Jahren auf Antrag der CDU-Fraktion schon mal geredet haben. Da haben Sie genau das Gegenteil erzählt. Aber es ist gut, dass Sie nach eineinhalb Jahren dann auch in unsere Richtung einschwenken. Wir begrüßen den heute hier vorliegenden Antrag und auch das klare Bekenntnis von Rot-Rot-Grün, dass man die praxisintegrierte Erzieherausbildung in Thüringen auch jenseits einer entsprechenden Förderung des Bundes nun weiterführen möchte, insbesondere – ich habe eben darauf verwiesen – weil es vor zwei Jahren eine Initiative unserer Fraktion gab, dass wir hier im Landtag mehr Praxis in diese Ausbildungsberufe bringen müssen. Damals wollte Rot-Rot-Grün das Thema nicht einmal im zuständigen Ausschuss diskutieren, lehnte den Antrag ab. Deswegen ist es gut, dass wir uns jetzt noch mal die Zeit nehmen, ein paar Punkte für unsere Erzieherinnen und Erzieher zu diskutieren. Dass die Landesregierung wenig später – also vor zwei Jahren – die praxisintegrierte Erzieherausbildung als Modellprojekt in Thüringen einführte, war ein zögerlicher Schritt, aber trotzdem ein richtiger Schritt. Wir hätten uns gewünscht, dass Rot-RotGrün die Zeit nutzt, um eine umfassende Reform der Erzieherausbildung für unseren Freistaat vorzubereiten. Stattdessen zeigen Sie jetzt deutlich oder weniger deutlich mit dem Finger auf zwei SPD-Bundesminister, nämlich auf Frau Giffey und Herrn Scholz. Meine Damen und Herren, aufgrund zahlreicher guter und langjähriger Erfahrungen aus anderen Bundesländern hätten wir uns gewünscht, die duale Ausbildung gleich als reguläre Ergänzung der vollzeitschulischen Erzieherausbildung einzuführen. Immerhin hat Baden-Württemberg diese Ausbildungsform bereits 2012 eingeführt und umfangreich mehrfach evaluiert. Die Evaluationen des Modells in Baden-Württemberg belegen, dass es mit der neuen dualen Ausbildung gelungen ist – und Herr Reinhardt hat das gerade auch an seinen Beispielen belegt –, neue Bewerberschichten für den Erzieherberuf zu erschließen und sogar mehr Männer für den Beruf zu begeistern. Bei allen Ausbildungsrunden zeigte sich in BadenWürttemberg, dass die praxisintegrierte Erzieherausbildung viele Bewerberinnen und Bewerber mit Hochschulzugangsberechtigung oder mit abgeschlossener Berufsausbildung anspricht. In allen Ausbildungsrunden hatte knapp die Hälfte der Auszubildenden Abitur oder Fachhochschulreife oder eine abgeschlossene Berufsausbildung. Man kommt also an ganz neue Schichten heran. Anfängliche Bedenken, ob die praxisintegrierte Ausbildung in der Qualität mit der vollzeitschulischen Qualifikation mithalten könne, gelten inzwischen als ausgeräumt. Meine Damen und Herren, viele Träger sehen in der dualen Ausbildung eine Möglichkeit, den Fachkräftemangel zu lindern – auch das hat Herr Reinhardt eben beschrieben. „Der Umstand, dass ein Ausbildungsvertrag über die Dauer von drei Jahren abgeschlossen wird, eröffnet den Trägern die Möglichkeit, bereits während der Ausbildung Maßnahmen der Personalbindung und Personalentwicklung einzuleiten“, heißt es im Evaluationsbericht des baden-württembergischen Ministeriums. Dass der Erzieherberuf attraktiv werden muss, ich glaube, das ist unstrittig, da sind wir uns alle einig. Der demografische Wandel führt in den nächsten Jahren zum altersbedingten Ausscheiden vieler qualifizierter Fachkräfte, auch in den Kindergärten, in den Horten, in unseren Jugendeinrichtungen, Bildungseinrichtungen. Gemeinsam mit den steigenden Geburtenzahlen und einer Erhöhung des Qualitätsstandards in den Kindergärten hat dies einen erhöhten Personalbedarf zur Folge. Die Situation in den Horten haben wir diese Woche Mittwoch schon sehr intensiv diskutiert, auch mit den Kolleginnen hier draußen vorm Landtag. Auch das wird natürlich einen Riesenbedarf nach sich ziehen. Insofern möchten wir über den vorliegenden Antrag gern noch etwas intensiver mit Ihnen im Ausschuss für Bildung, Jugend und Sport diskutieren. Es gibt zahlreiche Punkte – sie sind auch schon genannt worden –, die dringend besprochen werden sollten, worüber wir uns einmal austauschen sollten, wo wir auch mit Blick auf die kommenden Haushaltsberatungen schauen müssen, wo der Hase hier hinlaufen soll. So ist aus unserer Sicht die Abschaffung des Schulgeldes bei der vollzeitschulischen Erzieherausbildung zu klären, zu diskutieren. Wie verhalten wir uns da in Zukunft? Es ist die Frage zu diskutieren, welchen Beitrag die Träger der Kindertageseinrichtungen im Bereich der Vergütung der praxisintegrierten Ausbildung leisten können und sollen. Oder eine andere Frage, die wir mal besprechen sollten: Wie sieht es mit der Anrechnung der Azubis bei den Personalschlüsseln aus? Das sind alles zentrale Fragen, die in dem Antrag noch nicht beantwortet werden. Deshalb werben wir für die Überweisung an den Bildungsausschuss, sagen aber auch zu, dass wir relativ schnell mit dem Antrag wieder aus dem Bildungsausschuss rauskommen, um dann hier ein deutliches Zeichen zu setzen, dass die PiA weiter gewollt und weiter fortgeführt werden kann. Vielen Dank.
(Beifall CDU, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
