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Cornelia Klisch

SPD 29.01.2020 Sitzungen 7/4

d) Aktuelle Stunde auf Antrag der Fraktion der SPD zum Thema: „Nationale Demenzstrategie – Initiativen Thüringens im Bereich der Pflege und der Unterstützung pflegender Angehöriger“

Meine sehr geehrten Damen und Herren, sehr geehrter Herr Vizepräsident Worm, lassen Sie mich zunächst meiner Fraktion danken, dass sie dieses wichtige, aber sicherlich für viele eher unbekannte Thema heute als Inhalt einer Aktuellen Stunde gewählt hat. Der Kommentar meines Fraktionsvorsitzenden war zu Beginn auch, dass ich doch jetzt endlich mal ein bisschen Praxis in die Politik bringen soll, da ich mich in der Tat in den vergangenen Jahren beruflich mit diesem Thema „Demenz“ sehr viel auseinandergesetzt habe. Doch nicht nur Ärzte und Pflegekräfte, sondern auch betroffene Angehörige und Patienten wissen, dass Demenz nicht nur die Erkrankten selbst verändert, sondern dass sie gerade uns als Gesellschaft auch vor ungewohnte Herausforderungen stellt. Hier erleben wir leider noch zu oft – meistens wahrscheinlich aufgrund von Unwissenheit – Ausgrenzung, Stigmatisierung und nicht zuletzt so manches Mal auch ein versagtes Altern in Würde. In Thüringen gehen wir aktuell von ca. 40.000 bis 50.000 Erkrankten aus. 50.000 Menschen, die tagtäglich Hilfe bei den einfachsten Dingen des Lebens benötigen. Diese Hilfe leisten in der Regel die Angehörigen, denn ca. 70 Prozent der Betroffenen werden zu Hause gepflegt. Das bedeutet wiederum bei 50.000 Erkrankten mindestens 100.000, wenn nicht sogar 200.000 betroffene Helfer. Ich denke, das ist auf jeden Fall keine kleine Anzahl. Oftmals sind dies Frauen. Doch ich möchte da jetzt nicht irgendeine Wichtung vornehmen. Ich habe in meinem bisherigen beruflichen Leben auch oft so manchen Ehemann erlebt, der auf seine alten Tage dann doch noch das Waschen, Kochen und sonstige Haushaltsleistungen lernen musste, die vorher die nun erkrankte Ehefrau gemacht hat. In guten wie in schlechten Zeiten, heißt es dann oft. Ministerpräsident Ramelow hatte vor einer Woche auf dem Empfang des VDK gesagt: Eine Gesellschaft hat die Verpflichtung, sozial zu sein. Doch was bedeutet das? In jedem Fall sollte es eigentlich bedeuten, dass wir füreinander da sind und die Starken die Schwachen stützen, dass wir uns gemeinsam helfen, und das mit Respekt. Doch tun wir das wirklich immer? Ich glaube, da sind sicherlich Zweifel angebracht, denn ich erlebe leider zu oft, dass wir die Angehörigen mit der alltäglichen pflegerischen Versorgung alleinlassen, dass wir sie mit ihren Unsicherheiten und Ängsten alleinlassen. Aber was kann Politik da tun? Ich denke, zum einen sollten wir den Fokus auf die Unterstützung flexibler Pflegeleistungen in der Fläche legen – und zwar ohne weiße Flecken – und vor allen Dingen auch auf eine effiziente Vernetzung von Beratungs- und Unterstützungsangeboten im Alltag richten. Außerdem ist sicher auch bei der Anzahl der Kurzzeitpflegeplätze oder bei der Umsetzung der Handlungsempfehlungen des 2. Thüringer Seniorenberichts noch ein bisschen Luft nach oben. Ich freue mich hingegen sehr, dass in den kommenden Monaten und Jahren das Projekt „AgaThe“, eine Thüringer Initiative gegen Einsamkeit im Alter, auf den Weg gebracht werden soll. Seit gestern wissen wir es auch: Bei der finanziellen Unterstützung der Familien wird Thüringen als Mitantragsteller der Bundesratsinitiative zur Einführung eines Familienpflegegelds aktiv mit unterstützen. Ich denke, das ist gut und überfällig. (Beifall DIE LINKE, SPD) Das ist auch einen Applaus wert. Deshalb ist die Nationale Demenzstrategie in Kooperation mit Bund, Ländern und Kommunen auch ein wichtiges Signal. Aber hier geht es nicht nur um Dinge, die auf dem Papier stehen, sondern es geht um Dinge des real existierenden Alltags. Es geht um Förderung von lokalen Ideen und Initiativen zum Thema „Demenz“, auch hier in Thüringen. Davon haben wir eine ganze Menge und ich denke, das macht auch wirklich Mut. Deshalb möchte ich an dieser Stelle allen ehrenamtlichen Helfern – und ich möchte jetzt stellvertretend ein paar nennen – in der Alzheimer Gesellschaft Thüringen, dem Mehrgenerationenhaus in Apolda, der Kunstschule in Gera, auch dem Osterländer Musikbund Altenburg und auch dem Verein Tausend Taten in Jena oder auch den zahlreichen lokalen Selbsthilfegruppen danken. Ich glaube, ohne dieses ehrenamtliche Engagement wäre der Alltag der betroffenen Demenzerkrankten manchmal sicher weniger froh. Meine Damen und Herren, Demenz, Pflegebedürftigkeit und unser aller Umgang mit diesen Fragen ist sicherlich vielschichtig. Lassen Sie uns deshalb als verantwortliche Politiker zusammen für mehr Gemeinschaft einstehen, denn letztendlich geht es um Achtung und tatkräftige Unterstützung der Menschen, die tagtäglich dafür sorgen, dass sich niemand in Thüringen hilflos oder überfordert fühlen muss. Und es geht um Respekt, wie ich sagte, Respekt vor Älteren, auch wenn sie sich vielleicht manchmal ein bisschen seltsam benehmen. In diesem Sinne: Packen wir es gemeinsam an! Vielen Dank. (Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

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