Malte Krüger
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Frau Riecke, im vergangenen Plenum baten Sie darum, dass wir eine sachlichere Debatte führen. Ich finde, Ihr Antrag ist perfekt für eine sachliche Debatte geeignet, zumal ich, was die Forderungen angeht, in vielen Punkten mit Ihnen übereinstimme. Die FDP stellt richtig fest, dass Hausaufgaben keine verdeckte Verlagerung schulischer Verantwortung in die Familien bewirken dürfen. Wir wissen: Wenn der Lernerfolg davon abhängt, ob Eltern zu Hause fachliche Hilfestellung leisten können oder Zeit und Ruhe für eine Begleitung haben, dann produzieren wir eben keine Bildungschancen, sondern zementieren soziale Ungleichheit. Hausaufgaben werden – da brauchen wir uns doch nichts vorzumachen – oft von den Eltern erledigt. Ich würde gern einmal im Hause Balasus zuschauen, um festzustellen, wie es dort läuft (Beifall SSW) und ob das eine oder andere Mal ein Elternteil unterstützt oder vielleicht sogar die Hausaufgaben macht. Darauf, dass es in Moorrege noch etwas anders läuft, komme ich später noch zu sprechen. Wir brauchen uns also nichts vorzumachen. Zu wichtig ist es einigen Eltern, dass die Kinder gute Noten erhalten. Dann werden die Hausaufgaben eben von den Eltern erledigt. Die Kinder stellen das Ergebnis dann in der Schule vor und erhalten prompt eine gute mündliche Note. Das gibt es, und jeder, der einmal an einer Schule unterrichtet hat, wird das kennen. Bildungsgerechtigkeit bedeutet für uns auch, dass die Schule der Ort sein muss, an dem alle Kinder die gleichen Unterstützungsmöglichkeiten erhalten, und das unabhängig vom Elternhaus. Wir begrüßen deshalb Ansätze, die von einem pauschalen Festhalten an klassischen Hausaufgaben weggehen. Wir alle kennen Fälle, dass sozusagen falsche Hausaufgaben gegeben werden. Wir alle sehen auch, was gerade mit KI passiert. Wenn man heutzutage Hausaufgaben gibt, die man vielleicht noch vor 10, 15 Jahren gegeben hat, dann sind sie teilweise nicht mehr State of the Art; man kann sie einfach mit KI erledigen. Die FDP hat durchaus einen Punkt, wenn sie darauf hinweist, dass sich da etwas entwickelt hat. Deswegen ist es gut, dass wir über dieses Thema diskutieren. Wir unterstützen also die Forderung der FDP, Lernzeiten qualitativ neu auszugestalten. Sie merken schon: Ich habe damit wirklich intensiv fachlich auseinandergesetzt. (Vereinzelter Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und CDU) Es ist auch der richtige Weg, rhythmisierte Lern‑, Übungs- und Vertiefungszeiten direkt in den Unterricht und den Ganztag zu integrieren. Klar, wenn wir den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung haben, dann bietet er nun einmal eine sehr gute Chance für uns, Kindern mehr Unterstützung am Nachmittag zukommen zu lassen. Ich finde es auch richtig, dass der FDP-Antrag sogar auf die Verzahnung des Vormittags mit dem Nachmittag eingeht. Nur wenn diese Zeiten durch qualifiziertes pädagogisches Personal begleitet werden, können wir sicherstellen, dass Kinder wirklich lernen und nicht frustriert an ihren Aufgaben scheitern. Dafür kommt es auch darauf an, welche Qualität die Hausaufgaben haben. Darauf hat Kollege Balasus schon hingewiesen; Frau Riecke, Sie haben es auch getan. In dem Antrag der FDP werden, wie ich finde, gute Kriterien genannt: Lernziele, Altersangemessenheit, Differenzierung, Zeitumfang, selbstständige Bearbeitbarkeit, Bezug zum Unterricht, transparente Regeln für digitale Hilfsmittel und KI sowie eine verlässliche Information der Eltern über Lernstand und Lernfortschritt. Ich finde, das alles sind sinnvolle Kriterien. Kollege Balasus hat recht, wenn er darauf (Malte Krüger) hinweist, dass man bereits in der Lehramtsausbildung lernt, dass diese Kriterien zu berücksichtigt sind. Solche Qualitätsstandards sind also schon Bestandteil der Lehramtsausbildung. Ich habe trotzdem noch eine Anmerkung zu dem Antrag: Sie erwähnen dort ganz zu Beginn: „Die durchschnittlichen Effekte von Hausaufgaben fallen in der Grundschule geringer aus als in der Sekundarstufe …“ In Ihrem Antrag differenzieren sie dann aber nur ein bisschen zwischen Grundschule und Ganztag. Eine zentrale Frage beantworten Sie meiner Meinung nach nicht: Sind durch den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung und bei einer optimalen Umsetzung des pädagogischen Rahmenkonzeptes Hausaufgaben noch zeitgemäß? – Ich habe es schon oft gesagt und wiederhole hier, dass ich ein großer Fan des pädagogischen Rahmenkonzepts bin, weil es wirklich sehr gut geworden ist. – Die Voraussetzung habe ich also in dieser Frage benannt. Vielleicht kommt man einmal dazu, dass die herkömmliche Unterscheidung zwischen Vormittag und Nachmittag im Ganztag nicht mehr erfolgt, sondern dass beides fließend ineinander übergeht. Sind dann also Hausaufgaben an einer Grundschule noch zeitgemäß? Ich finde, hier lohnt sich ein Blick auf die Alemannenschule und an die Schule in Moorrege. Die Alemannenschule will die Funktion von Hausaufgaben in den schulischen Lernprozess integrieren. Üben und selbstständiges Arbeiten sollen stattfinden, aber innerhalb einer Schule, die dafür Zeit, Räume und Lernbegleitung bereitstellt. Ich zitiere aus dem wirklich guten pädagogischen Rahmenkonzept. Darin wird ein Kind erwähnt, das sagt: Dass viele Freunde dabei sind und dass wir dann nicht Hausaufgaben zu Hause machen müssen. Und dass man uns bei den Hausaufgaben hilft. – Das sagt ein Kind über die Wunschvorstellung zum Ganztag. Das finde ich sehr interessant, denn was den Wunsch des Kindes angeht, so wird das Hausaufgaben am Nachmittag machen oft als Nachsitzen wahrgenommen.
