Sophia Schiebe
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleg_innen! Stellen Sie sich bitte einmal Folgendes vor: Die Kita schließt um 17 Uhr; Ihre Spätschicht endet um 20 Uhr. Dazwischen liegen drei Stunden, für die Sie schlicht keine Betreuung haben. Für viele Familien ist das ein organisatorisches Problem, aber für Alleinerziehende kann das darüber entscheiden, ob Sie einen Job annehmen können, Ihre Arbeitszeit reduzieren müssen oder generell erwerbstätig sein können. Zunächst möchte ich deshalb dem SSW ausdrücklich für diesen Antrag danken. Denn er richtet den Blick auf eine Betreuungslücke, über die wir viel zu selten sprechen. (Beifall SPD, FDP und SSW) Wir haben in den vergangenen Jahren zu Recht viel über den Ausbau der Kindertagesbetreuung und über den Ganztag gesprochen. Aber die Lebensrealität von Familien hält sich nicht immer an die Öffnungszeiten unserer Betreuungseinrichtungen: Menschen arbeiten im Krankenhaus, in der Pflege, im Einzelhandel, in der Gastronomie oder allgemein im Schichtdienst. Andere wiederum haben wechselnde Arbeitszeiten, und manchmal fällt Betreuung eben auch ganz kurzfristig aus. Wer dann zu zweit Verantwortung trägt, kann solche Situationen vielleicht irgendwie auffangen. Wer alleinerziehend ist, steht schon vor einer viel größeren Herausforderung. Genau deshalb brauchen wir ergänzende und flexible Angebote. Dass solche Modelle funktionieren können, zeigen Erfahrungen aus anderen Bundesländern. Der Verband Alleinerzieher Mütter und Väter e. V. hat Modellprojekte unter anderem in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz wissenschaftlich begleiten lassen. Dort wurde ergänzende Betreuung im aushalt außerhalb regulärer Kita- und Hortbetreuungszeiten angeboten. Die Ergebnisse sind bemerkenswert. Mehr als drei Viertel der Teilnehmenden berichten von einer positiven Veränderung ihrer Erwerbs- und Ausbildungssituation. Mehr als die Hälfte konnte während des Projekts eine Erwerbstätigkeit aufnehmen. Gleichzeitig zeigte sich, dass oftmals schon wenige zusätzliche Betreuungsstunden pro Woche einen erheblichen Unterschied machen können. Es geht also nicht darum, neben unserem bestehenden Betreuungssystem ein zweites System aufzubauen. Es geht lediglich darum, gezielte Lücken zu schließen, die für einzelne Familien enorme Folgen haben. Auch Berlin zeigt, wie es funktionieren kann. Dort gibt es ergänzende Kindertagespflege, wenn Arbeits- und Wegezeiten über die regulären Betreuungszeiten hinausgehen. Zusätzlich existieren flexible Angebote für Alleinerziehende, beispielsweise eine Betreuung im eigenen Haushalt sowie Holund Bringdienste. Wir müssen dafür noch nicht nur einmal nach Berlin schauen. Auch bei uns in Schleswig-Holstein gibt es bereits Erfahrungen. Die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel erprobt in diesem Jahr gemeinsam mit dem Notmütterdienst Familien- und Seniorenhilfe e. V. flexible Kinderbetreuung für ihre Beschäftigten. Bei kurzfristigen, dienstlichen bedingten Engpässen kann Betreuung im eigenen Haushalt organisiert werden. Das zeigt, dass wir gar nicht bei null anfangen würden. Deshalb greifen wir den Vorschlag des SSW sehr gerne auf, wollen ihn aber mit unserem Alternativantrag etwas breiter aufstellen. Wir wollen es nicht heute schon auf ein einziges Modell festlegen. Wir wollen in ausgewählten Modellregionen unterschiedliche Ansätze probieren: für kurzfristige Betreuung, für Abendstunden, für Wochenenden oder für Akutsituationen. Denn Schleswig-Holstein ist vielfältig. Was in Kiel und Lübeck funktioniert, muss noch lange nicht die richtige Lösung sein für Dithmarschen, Nordfriesland oder Pinneberg. Wir (Sophia Schiebe) sollten die unterschiedlichen regionalen Voraussetzungen berücksichtigen. Zudem müssen wir genau hinschauen und eruieren, was den Familien tatsächlich hilft. Welche Angebote werden gebraucht, was funktioniert für die Eltern, was brauchen unsere Kinder? Welche Strukturen sind dafür notwendig? Wie hoch sind die Kosten, und welche Ansätze eignen sich dafür, dauerhaft und landesweit umgesetzt zu werden? Ich bin der Meinung, dass wir auch grundsätzlich umdenken müssen. Nicht jede Familie hat Großeltern um die Ecke, ein großes Netzwerk oder jemanden, der spontan einspringen kann. Staatliche Strukturen dürfen nicht voraussetzen, dass dieses private Auffangnetz schon irgendwie gegeben sein wird. Gerade Alleinerziehende brauchen Angebote, auf die sie sich verlassen können. Auch dann, wenn kein Netz da ist, das sie auffangen kann. „Du musst halt schauen, wie du das privat hinbekommst“, kann nicht die dauerhafte Antwort auf eine Betreuungslücke sein. Wir können an dieser Stelle einfach nur besser werden. Daher bitte ich um Zustimmung für unseren Antrag. – Vielen Dank. (Beifall SPD, FDP und SSW)
