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Kristina Herbst

16.09.2026 Sitzungen 20/126

Für die Landesregierung erteile ich nun der Ministerin Dr. Dorit Stenke das Wort. Dr. Dorit Stenke, Ministerin für Allgemeine und Berufliche Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur: Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Die PISA-Ergebnisse sind absolut ernst zu nehmen, und keiner hat jemals etwas anderes behauptet. (Zuruf SPD) Ich nehme sie ernst, wir nehmen sie im Bildungsministerium sehr ernst. Wir sind gerade dabei, sie noch sehr viel intensiver auszuwerten, als ich das hier in den Wortbeiträgen wahrgenommen habe. Als Erstes ist tatsächlich festzustellen, dass Deutschland weiter im OECD-Durchschnitt und leicht über dem EU-Durchschnitt liegt. Das ist auch ein Befund. Diesen Befund müssen wir wahrnehmen, auch wenn uns das natürlich überhaupt nicht zufriedenstellen kann. Deswegen stimme ich dem zu: Das war kein Schock, das war abzusehen. Denn wir wissen, dass die Zeiten, in denen wir heute leben – ich sage das noch einmal und ich betone –, komplett andere als die Zeiten sind, in denen die erste PISA-Studie stattgefunden hat. Das gilt in vielerlei Hinsicht. Es gilt im Hinblick auf die Entwicklung, die wir in unseren Gesellschaften sehen. Es gilt im Hinblick darauf, was wir bisher schon auf den Weg gebracht haben, was an verschiedenen Stellen Wirkungen entfaltet hat und dann in seinen Wirkungen auch wieder gedämpft wurde. Das gilt auch dafür, dass wir hier über eine langfristige Entwicklung sprechen müssen. Wir müssen diese Zahlen analysieren, wir müssen sie einordnen und weitere Schlüsse daraus ziehen. Zugleich sind diese Zahlen aber ein Hinweis auf Gesellschaften, die unter Druck stehen, und zwar nicht nur in Schleswig-Holstein, nicht nur in Deutschland, nicht nur in Europa, sondern OECD-weit. Die Ergebnisse, die wir sehen, sind in allen Ländern eklatant. Das haben wir hier noch viel zu wenig in den Blick genommen. Das treibt mich ehrlich gesagt am allermeisten um, denn es ist wirklich besorgniserregend. Damit müssen wir uns auseinandersetzen. Wir müssen ursächliche Faktoren dieser multiplen Krisen, die den Schulalltag prägen und die Motivation und Konzentration von Kindern und Jugendlichen massiv beeinträchtigen, analysieren und verstehen und müssen da handeln. Es tut mir wirklich leid: Ich glaube nicht, dass es darauf einfache Antworten gibt. Denn wenn es einfache Antworten gäbe, hätten wir sie längst gefunden und hätten es längst gemacht. (Beifall CDU und Uta Röpcke [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]) Ich habe schon gesagt, dass ich denke, wir haben ein Konglomerat verschiedener Entwicklungen. Das sind die Auswirkungen der Pandemie. Es sind psychische Belastungen junger Menschen, die in den vergangenen Jahren zugenommen haben. Es ist eine zunehmend heterogene Schülerschaft, weil auch die Gesellschaften sich heterogen auseinanderentwickelt haben. Es ist nicht nur ein schulisches Phänomen, es ist ein gesellschaftliches Phänomen. Wir haben eine komplett veränderte Mediennutzung. Wir haben eine Form von künstlicher Intelligenz in unsere Welt bekommen, die uns wirklich umtreibt und mit der wir umgehen müssen. Das treibt auch Kinder und Jugendliche und Schule um. Wir haben – da kann man natürlich sagen: weiterhin – ungleiche Lernbedingungen und Lernunterstützung in den Familien. – Das beschreibt die Bedingungen, unter denen Schule heute ihren Bildungsauftrag erfüllen muss. Es rechtfertigt sie nicht, und es erklärt sie auch nicht. Aber das sind die Rahmenbedingungen, unter denen Schule heute handelt. Wir haben außerdem einige Befunde, die wirklich sehr spannend sind. Dazu gehört, dass zum Beispiel Schichtzugehörigkeit weltweit eine größere Auswirkung auf die Leistungsentwicklung der Kinder und Jugendlichen als Integration hat. Dazu gehört auch, dass Migration im OECD-Vergleich eine geringere Rolle spielt und nachrangiger geworden ist. Auch das sind extrem spannende Befunde, die (Ministerin Dr. Dorit Stenke) wir uns angucken müssen und die eben nicht den Schluss zulassen: Ja, wir erklären es uns mit mehr Kindern, die nicht Deutsch sprechen, oder wir erklären es mit mehr zugewanderten Kindern. – Es ist ein extrem komplexes Geschehen, und das muss man sich sehr genau angucken, und zwar international und für Deutschland. Wir dürfen die Ergebnisse aber – ich betone es noch einmal – nicht verkennen. Ich möchte wirklich sehr deutlich sagen: Das sind keine Ausreden, das sind keine Argumente dafür, jetzt zu sagen: Wir haben nichts mehr zu tun. – Wir haben wahnsinnig viel zu tun. (Beifall CDU und Lasse Petersdotter Munstermann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]) Auch wenn wir aus PISA keine Daten zu Schleswig-Holstein haben, können wir zeigen, dass wir längst ins Handeln gekommen sind. Die Bundesbildungsministerin hat gesagt, und in dem Punkt stimme ich absolut mit ihr überein: Im Vergleich zu PISA vor 25 Jahren wissen wir heute, auf welche Maßnahmen es ankommt. – Wir sind dabei, genau diese Maßnahmen, wo wir es noch nicht getan haben, auf den Weg zu bringen oder sie weiter zu stärken und umzusetzen. Genau dafür haben wir die Maßnahmen in den vergangenen Jahren vorbereitet und umgesetzt. Ich möchte sie an dieser Stelle tatsächlich noch einmal kurz erwähnen, denn es ist schon sehr wichtig zu sehen, dass hier nicht nichts passiert ist. Es ist ein völlig falsches Bild, das hier gezeichnet wird, dass Schule sich seit PISA 2021 nicht verändert hat. Das stimmt absolut nicht. (Beate Raudies [SPD]: Das hat keiner behauptet!) – Na ja, das wird hier immer in den Raum gestellt, als wäre man hier handlungslos und wüsste nicht, was zu tun ist. Das ist überhaupt nicht wahr. Wir haben in den Schulen eine komplette Veränderung. Dazu möchte ich gleich ein paar Beispiele geben. Ein zentraler Baustein – das wissen wir datenbasiert mittlerweile sehr gut – ist die Schulund Unterrichtsentwicklung, die auf Diagnosen und Analysen basiert. Dass wir zu wenig diagnostisch basiert gehandelt haben, ist ein Problem, das wir in Deutschland tatsächlich hatten – das muss man einfach feststellen –, und das hat sich geändert. Wir haben mittlerweile 55 Prozent aller Schulleitungen, die datenbasiert arbeiten und die datenbasiert mit den Ergebnissen ihrer Schülerinnen und Schüler umgehen. Im internationalen Vergleich sind es 88 Prozent. Hier ist noch Luft nach oben, und genau da sind wir im Moment dran. Das Dashboard steht vor der Tür, und wir werden das in den kommenden Wochen umsetzen. Wir müssen früh wissen, wo ein Kind steht, damit die Unterstützung rechtzeitig beginnen kann. All diese Maßnahmen starten jetzt auch. Mit EVi stärken wir die frühe Diagnose und Förderung sprachlicher Kompetenzen. Mit LeA.SH erfassen wir die Lernstände und stellen passgenaues Förder- und Unterrichtsmaterial bereit. Durch verbindliche Leseförderung wie zum Beispiel das Leseband erhöhen wir die Lesekompetenz. Wir haben das in den Startchancen-Schulen schon komplett umgesetzt und werden das jetzt insgesamt im Land ausrollen. Zu den Stunden, die wir schon in der letzten Legislatur in die Grundschule gebracht haben, gibt es in unseren Grundschulen noch je eine weitere Unterrichtsstunde in Deutsch und Mathe, ab diesem Schuljahr in der 1. Klasse, ab kommendem Schuljahr auch in der 2. Klasse. Das stärkt den Unterricht, das stärkt die Kompetenzentwicklung, das stärkt das Lernen der Kinder und Jugendlichen, und zwar von Anfang an. Außerdem haben wir die MINT-Fächer in den höheren Klassenstufen gestärkt und Informatik für alle Schülerinnen und Schüler in der Mittelstufe eingeführt. Wir haben zudem bundesweit ein Mathematikprogramm auf den Weg gebracht, das jetzt ebenfalls seine Wirkung entfaltet, aber natürlich noch nicht bei den 15-Jährigen, die im vergangenen Jahr getestet worden sind; wir haben es eben schon gehört: Wann sind diese 15-Jährigen in die Schule gekommen? – Die haben natürlich diese Maßnahmen noch nicht erfahren können. Wir sind jetzt aber auf dem Weg, eben genau das zu machen. Mit dem Rechtsanspruch auf Ganztagsförderung werden wir mehr Zeit und mehr verlässliche Strukturen für Bildung schaffen. Ich teile nicht die Einschätzung, dass wir nicht über Qualität reden. Wir reden sehr wohl über Qualität. Wir sind im Jahr eins des Rechtsanspruchs, und wir werden das kontinuierlich in den kommenden Jahren weiterentwickeln. Last, but not least: Auch das PerspektivSchul-Programm hat schon vor acht Jahren darauf reagiert, dass wir ein Problem im Umgang mit sozial schwächeren Kindern und Jugendlichen haben, weil wir sie nicht genügend fördern, weil sie von zu Hause nicht genügend Unterstützung haben können. Das schreibe ich nicht zu, das stelle ich fest. Darauf haben wir mit Maßnahmen reagiert, von denen wir sehen, dass sie wirksam werden. Mit dem Startchan- (Ministerin Dr. Dorit Stenke) cen-Programm haben wir das bundesweit auf den Weg bringen und es für ganz Deutschland gewissermaßen weiterentwickeln und ausrollen können. Wir müssen die Qualitätsentwicklung weiter konsequent in den Mittelpunkt stellen. Deswegen werden wir die Studienergebnisse intensiv mit unseren Lehrkräften und auch mit unseren Universitäten auswerten. Denn ein Thema, mit dem wir uns noch intensiver beschäftigen müssen, ist: Wo brauchen wir vielleicht eine andere Ausbildung an der Universität, wo brauchen wir vielleicht schon in der ersten Phase der Lehrkräfteausbildung tatsächlich noch mehr Unterstützung? Ich möchte jetzt nicht noch einmal die Themen aufzählen, die wir im Zusammenhang mit Lehrkräftegewinnung auf den Markt gebracht haben. Wir sehen die Ergebnisse in diesem Schuljahr. Wir hatten schon zu Beginn des Schuljahres 99 Prozent unserer Stellen besetzt. Das zeigt sehr deutlich, dass wir es geschafft haben, aus diesem Loch der Lehrkräftegewinnung herauszukommen. Schule hat sich in einem erheblichen Ausmaß verändert, und es sind nicht nur mehr Lehrkräfte in Schule. Auch das ist ein wichtiger Punkt: Wenn wir auf die Zahlen schauen, wie sich die Lehrerzahlen entwickelt haben, dann müssen wir auch darauf schauen, wie sich das andere pädagogische Personal in Schule entwickelt hat. Wir haben nämlich Schulsozialarbeit, wir haben schulische Assistenzen in Schulen, wir haben zusätzliche Personen, die Kinder in ihren Lernprozessen unterstützen, und wir haben längst multiprofessionelle Teams, die zusammenarbeiten und miteinander Kinder und Jugendliche begleiten. Auch das zeigen unsere Ergebnisse. Bei aller Klarheit über die Ergebnisse dürfen wir nicht vergessen, welche wertvollen Ressourcen unsere jungen Menschen ebenfalls mitbringen. Denn drei von vier Jugendlichen in Deutschland fühlen sich ihrer Schule zugehörig. Sie fühlen sich in der Schule angenommen, und das heißt, sie haben gute Lernbedingungen. Das ist gut, denn Wohlbefinden ist die Voraussetzung, damit Lernen überhaupt gelingen kann. Weiterhin ist positiv, dass die Freude und das Interesse an Naturwissenschaften gestiegen sind. Deutschland ist relativ stark – relativ stark! – in den Ergebnissen, was die Naturwissenschaften angeht. Wir haben gesehen, dass es eine Generation gibt, die sich gerade mit diesem wichtigen Bereich auseinandersetzt, der die ganzen letzten Jahrzehnte wenig Beachtung gefunden hatte, die lernen möchte, die sich für naturwissenschaftliche Fragen interessiert und dafür, welchen Beitrag die Wissenschaft zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen leisten kann. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, denn daran knüpfen wir weiter an und können diese Kompetenzen in Interesse übersetzen. Ich möchte betonen: Bildung ist die Hauptaufgabe von Schule. Aber sie ist nicht die Aufgabe von Schule allein, sondern es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Wir haben gerade schon über den Begriff der Bildungsaspiration gesprochen. Der meint natürlich nichts anderes, als dass Eltern nach guten Abschlüssen für ihre Kinder streben, dass sie bemüht sind, ihre Kinder zu unterstützen und die Abschlüsse für ihre Kinder eben auch zu realisieren, dass sie aber auch Leistung fordern und Leistung erwarten. Das gilt nicht nur für Eltern, das gilt auch für die Gesellschaft, und das gilt auch für die Schule. Genau das müssen wir tun: Wir müssen Bildung in den Fokus unseres Handelns stellen. Wir müssen Leistungserwartungen in den Fokus unseres Handelns stellen. Das können wir nur gemeinsam tun, indem Kitas, Schulen, Jugendhilfe, Gesundheitsversorgung und die anderen Unterstützungssysteme enger zusammenarbeiten und die zukunftsfähigen Rahmenbedingungen schaffen, die es Lehrkräften ermöglichen werden, sich wieder auf den Unterricht zu konzentrieren und es den anderen Professionen ermöglichen, Lehrkräfte und Kinder und Jugendliche dabei zu unterstützen. Diesen Weg haben wir beschritten, und diesen Weg werden wir weitergehen. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

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