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Kristina Herbst

16.09.2026 Sitzungen 20/126

Für die Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN hat der Abgeordnete Lasse Petersdotter Munstermann das Wort. Lasse Petersdotter Munstermann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Vielen Dank. – Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Abgeordnete! Es ist einmal wieder PISA-Schock. Alle drei Jahre erleben wir es, dass PISA und die Ergebnisse, die PISA hervorgebracht hat, breit diskutiert werden, ehrlicherweise auch in Deutschland ziemlich breit; da konnte ich die Einschätzung von Herrn Habersaat nicht ganz teilen, dass das jetzt enorm abgenommen hätte. In anderen Ländern wird PISA sehr viel weniger diskutiert. Aber erinnern wir uns an das Jahr 2000/2001 zurück. 2001 wurden die Ergebnisse der ersten PISAStudie veröffentlicht. Was war los? Wir alle waren schockiert darüber, oft allerdings eher darüber, dass man Deutschland für besser gehalten hat, als es tatsächlich war. Auch das ist Teil der Analyse. Auch dass man die anderen Länder für schlechter gehalten hat, als sie tatsächlich waren, war Teil der Erkenntnis, die wir damals aber gar nicht so breit diskutiert haben. Ich bin 2001 nach der Grundschule in die Realschule umgeschult worden und war damit sofort (Lasse Petersdotter Munstermann) Spielball dieser Debatte. Es ging sofort darum: „Ihr seid alle ein Happen doof. Warum seid ihr nicht so schlau, wie wir früher waren?“, obwohl unsere Elterngeneration früher nie gemessen wurde. Dann ist es immer leicht, gute Ergebnisse zu erzielen. (Zurufe) 2002, 2003, in den Folgejahren, wurden die Ergebnisse besser, weil wir uns alle ganz enorm bemüht haben und die PISA-Ergebnisse als Ziel hatten. Richtig schlechter wurde es gar nicht 2015, auch wenn die Debatte teilweise so geführt wurde. Schlechter wurden die Ergebnisse in PISA 2012. Das ist, finde ich, eine wichtige Differenzierung. Dafür gibt es diverse Gründe: Da spielen Sprachkenntnisse eine Rolle; da spielt das Internet eine Rolle; da spielt auch die Tatsache, dass Smartphones immer stärker verbreitet waren, eine Rolle, weil man weniger gelesen hat, weil man seine Freizeit anders verbracht hat. Damals, 2012, bin ich gerade mit dem Abitur fertig geworden. Wir erleben jetzt, 2026, den nächsten Schock, weil wir als Deutschland zwar immer noch im OECDDurchschnitt liegen, aber schlechter sind als im Jahr 2000. Deswegen haben wir erneut diese breite Debatte. Die breite Debatte wird aber teilweise nicht ins richtige Verhältnis gesetzt. Das möchte ich an drei Stellen deutlich machen, die bestimmt sehr kontrovers sind. Das Erste ist, dass gesagt wird: Es wird zu wenig Geld für Bildung ausgegeben. – Das stimmt, weil man nie genug Geld für Bildung ausgeben kann. Nichtsdestotrotz scheint, so zeigt zumindest die PISA-Studie, Geld allein das Problem nicht lösen zu können. Deutschland liegt bei den Ausgaben je Schülerin oder Schüler mit 14.000 Dollar auf Platz 12. Luxemburg liegt mit 28.000 Dollar je Schülerin oder Schüler auf Platz 1, ist im Ranking allerdings deutlich hinter Deutschland. Jetzt kann man sagen, das Leben in Luxemburg ist auch teurer. Aber man kann es trotzdem ins Verhältnis setzen und sagen, dass nicht jeder Euro sofort zu einer Verbesserung führt. Es kommt eben auch darauf an, wie das Geld ausgegeben wird. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und vereinzelt CDU) Das andere ist, dass die PISA-Ergebnisse auf kurzfristige bildungspolitische Entscheidungen zurückgeführt werden. Das hat auch der Kollege Habersaat ein bisschen getan, indem er die Regierung – die aktuell regierende Regierung – dafür kritisiert hat, wie die Ergebnisse sind. Ich möchte einmal auf die Bildungsbiografie einer Person blicken, die bei PISA geprüft wurde. Sie wurde 2009 geboren. Damals hat CDU/FDP regiert – warum auch immer. Dann ging sie 2010/2012 in die Krippe – immer noch CDU/FDP. Während der Kita, 2012 bis 2015, regierte die Küstenkoalition. Als sie in die Grundschule ging, 2015 bis 2019, regierten die Küstenkoalition und Jamaika, und als sie in die weiterführende Schule ging, 2019 bis 2025, regierten Jamaika und Schwarz-Grün. Ich will nur sagen: Wenn wir immer sagen, dass die gesamte Bildungsbiografie und die frühkindliche Bildung so wahnsinnig wichtig sind, lohnt es sich, auch das in Relation zu setzen. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und CDU) Als Drittes möchte ich die Aussagekraft für Schleswig-Holstein aufzeigen. Es gibt diverse Bildungsstudien, die Aussagekraft für Schleswig-Holstein haben und bei denen wir nicht besonders toll abschneiden. Über die können wir auch diskutieren. Aber bei PISA ist das wirklich schwierig. In die PISA-Studie, über die wir jetzt diskutieren, sind die Ergebnisse von neun schleswig-holsteinischen Schulen eingeflossen – neun! Von den neun Schulen sind es auch nur ein Bruchteil der Schülerinnen und Schüler, die dort jeweils zur Schule gehen. Das will ich einmal gesagt haben, weil sich aus den deutschen Zahlen nicht herauslesen lässt, wo wir in Schleswig-Holstein eigentlich ganz exakt stehen. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und CDU) Wir haben über 280 Regelschulen mit Oberstufe. Wir reden hier also über die Stichprobe einer Stichprobe, und das sollte auch Teil der Diskussion sein. Nicht nur Deutschland erlebt gerade Herausforderungen. Ganz viele Ergebnisse sind deutlich schlechter als erwartet; einige sind allerdings auch besser als erwartet. Dass Großbritannien in den Ergebnissen einen solchen Zuwachs, was die Qualität angeht, hinbekommt, haben viele so nicht vorhergesehen. Dass der komplette skandinavische Raum sich bedeutend verschlechtert, haben wiederum viele nicht gesehen. Dänemark erlebt den größten Einbruch seiner PISA-Geschichte. Schweden hat die schlechtesten Ergebnisse seit Messbeginn. Finnland war lange Zeit das Vorzeigeland von PISA, fällt aber seit zehn Jahren beständig ab. Norwegen hat die zweitschlechteste Entwicklung aller Teilnehmerländer. Das zeigt: Es hat sich in vielen Regionen einiges verändert. Wir erleben einen in- (Lasse Petersdotter Munstermann) ternationalen Trend, in dem Deutschland gar nicht so sehr hervorsticht, wie in der deutschen Debatte teilweise getan wird. Trotzdem sind die Ergebnisse wichtig, und trotzdem sind auch die anderen Ergebnisse – nehmen wir den Bildungsmonitor, den man auch teilweise wieder in sich als bildungsökonomische Studie und so weiter kritisieren kann – sehr spannend. Wir müssen darauf aufbauend Politik machen. Wir müssen auch die Debatte miteinander führen, wie wir sie heute führen. Denn es ist natürlich anders, auch einmal eine breitere bildungspolitische Debatte zu führen. Noch ist immer nicht ganz klar, was eigentlich die bildungspolitische Debatte der 2020er-Jahre ist. Anfang der 2000er-Jahre war es PISA und die Frage: Warum sind wir eigentlich nicht so gut, wie wir eigentlich von uns selber gedacht haben? – Anfang der 2010er-Jahre war es die Schulformdebatte, die Schleswig-Holstein 2014 gut mit der Schulreform und der Idee aufgelöst hat, dass es mehrere Schulen geben kann, die zum Abitur führen. Und 2020 und fortfolgende ist es womöglich KI. Als im Jahre 2023 PISA veröffentlicht wurde, hat Karin Prien, noch als schleswig-holsteinische Bildungsministerin, gesagt: Deutschland muss vom Sozialstaat „zum sozialen Bildungsstaat werden“. Ich finde diese Idee weiterhin richtig. Dass man sich jetzt unter Merz nicht mehr so sehr mit dem Sozialstaat assoziieren will, kann ich allerdings verstehen. Das würde die Bildung womöglich schwächen. Dann haben wir jetzt in 2026 die Frage – Zitat –, „dass Eltern Bildung einfach nicht so wichtig finden“. – Diese Diskussion ist sehr viel emotionaler, als sie sein muss. Es gibt auf der einen Seite in den PISA-Erhebungen deutliche Befunde, dass die Eltern tatsächlich den Bildungserfolg nicht mehr so wichtig finden wie Generationen vorher oder andere Regionen. Dass das aber jetzt Teil der politischen Analyse sein muss, kann man trotzdem kritisieren. Auch ich bin der Meinung, dass man die Verantwortung nicht alleine bei den Eltern abladen kann, denn die Verantwortung der Eltern in anderen Bereichen ist immer größer geworden. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU, SSW, Martin Habersaat [SPD] und Dr. Heiner Garg [FDP]) Trotzdem ist die Frage: Warum? – Ich will nur eine These in den Raum stellen, die man später an anderer Stelle weiter diskutieren kann: Durch das beständige Verlieren von Vertrauen in die Idee vom Aufstieg durch Bildung sinkt auch die Relevanz von Bildung. Wenn ich nicht glaube, dass es meinen Kindern durch Bildung einmal besser gehen wird, dass Wohlstand durch Bildung aufgebaut werden kann, dann ist die Relevanz von Bildung einfach deutlich geschwächt. Das hat auch Auswirkungen darauf, wie sich Eltern verhalten. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und vereinzelt CDU) Im Kern bleibt es trotzdem richtig, Schule so unabhängig von Bildung (Heiterkeit) – das wäre schlecht –, so unabhängig von Eltern zu machen wie irgend möglich, weil das natürlich Bildungsgerechtigkeit stärkt. Wenn Bildungsgerechtigkeit sich ergibt, wenn man quasi unabhängig vom Elternhaus Erfolg haben kann, dann ist es nur logisch, auch die Schule möglichst unabhängig vom Elternhaus zu machen. Das nimmt natürlich die Eltern nicht aus der Verantwortung für das Kindeswohl und viele andere Fragen. (Beifall Silke Backsen [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]) Was tun wir, und was sollte man tun? – Die Forschung und auch die PISA-Studie geben deutliche Aufgaben mit – ich mache das jetzt in aller Kürze –: Kinder frühzeitig fördern – das hat Schleswig-Holstein in den letzten Jahren deutlich verbessert durch die Kitareform, durch EVi, durch Lernausgangslageerhebungen beim Screening in der 1. Klasse. Es wird gesagt: Die Basiskompetenzen müssen gefördert werden. – Das ist unbedingt wichtig. Ich habe heute in der Presse einiges kritisiert, was Vektorrechnungen angeht. Aber ich bin der Meinung, dass so etwas wie Dreisatz enorm wichtig ist, egal, wie sich KI in dieser Gesellschaft entwickelt. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und CDU) Deswegen: Basiskompetenzen sind wichtig. Aber ob jeder Vektorrechnungen braucht? – Diese Debatte halte ich aufrecht. Dann haben wir die Einführung vom Leseband in den Klassen 5 und 6. Wir haben Deutsch und Mathe in den Grundschulen mit mehr Unterricht und dem Ganztag gestärkt. Dann haben wir: Lernstände systematisch erfassen. – Die Debatte über LeA.SH haben wir auch noch in dieser Sitzung. Dann haben wir: Schulen in besonders sozial belasteten Regionen besonders fördern. – Wir haben PerspektivSchulen eingeführt. (Lasse Petersdotter Munstermann) Dann zu Startchancen-Schulen weiterentwickeln: Auch hier spielt der Ganztag eine Rolle, auch auf Kitas weiten wir das aus. Ich will sagen, es passiert einiges. Es gibt auch Grund zur Zuversicht. Die PISA-Ergebnisse sind immer wieder Anlass, eine breite bildungspolitische Debatte zu führen; PISA ist aber auch nicht alles. Vieles wird eben nicht getestet. Die Kreativität wird nicht getestet. Die Kunst und die Kultur werden nicht getestet. Die Demokratiebildung wird nicht getestet. Es wird nicht getestet, wie gerne Menschen in Freude auch andere Fächer leben. All die Dinge, die uns sonst so wichtig sind – Hauswirtschaftsunterricht, der sehr viel wichtiger wäre –, all das wird nicht getestet. Deswegen sage ich: PISA ist nicht alles. (Beifall Werner Kalinka [CDU]) Wenn Deutschland der Meinung wäre, dass PISA alles sein sollte, dann muss man den Kurs wechseln. Dann muss man es machen wie Südkorea oder Singapur und die ganze Zeit PISA-Tests schreiben und dann alle drei Jahre gute Ergebnisse einfahren, oder wie China: nur die wohlhabendsten Regionen befragen und alle anderen Fragen ausblenden. Ich glaube insofern: Deutschland geht da schon einen guten Weg und kann noch besser werden. Dann werden wir auch besser in PISA. Aber so schlimm sind die Ergebnisse nicht. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und CDU)

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