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Kianusch Stender

SPD 27.08.2026 Sitzungen 20/124

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleg_innen! Ich war heute Morgen vor der Plenarsitzung im Hörnbad schwimmen und habe daran herumgedacht, wie ich die Rede heute wohl beginnen könnte. Im Kopf hatte ich natürlich die gravierende Zahl, dass mehr als jedes vierte Kind nach der 6. Klasse immer noch nicht schwimmen kann oder dass die Landesregierung erneut, wie schon bei unserer Großen Anfrage zu Schwimmstätten in Schleswig-Holstein, zugeben musste, dass sie an vielen Orten im eigenen Land gar keinen Überblick und keine Daten hat. (Annabell Krämer [FDP]: Kein Überblick!) Ich habe mich aber am Ende entschlossen, anders zu beginnen, und zwar mit einem Zitat. Ich habe mich vorhin im Hörnbad noch mit Bjarne unterhalten. Bjarne ist Fachkraft für Bäderbetriebe – also quasi Bademeister – und absoluter Experte, wenn es um dieses Thema geht. In Kiel sind es laut den Antworten der Landesregierung unter 70 Prozent der Siebtklässler, die sicher schwimmen können. Bjarne meinte zu mir, dass er das Gefühl bekommt, Schwimmen wird zu einem Luxusgut. (Beifall Annabell Krämer [FDP]) Immer mehr Schwimmstätten werden geschlossen, immer weniger Kinder können sicher schwimmen, und am Nachmittag sieht er immer weniger Freundesgruppen von Kindern, die zusammen im Wasser spielen. Er hat uns heute einen klaren Wunsch mit auf den Weg gegeben: Wir sollen diesen Trend aufhalten. (Beifall SPD, FDP und SSW) Frau Ministerin, die Zahl ist wirklich dramatisch, und ich habe in Ihrer Rede den klaren Fahrplan vermisst, wie Sie die Lage ernsthaft verändern wollen. „Jedes Kind muss in Schleswig-Holstein schwimmen können“, höre ich ehrlich gesagt von der CDU in letzter Zeit nicht mehr so laut. (Martin Balasus [CDU]: Eben gerade!) Ich hoffe, wir sind hier im Haus immer noch alle auf derselben Linie. Wenn dem aber so ist, Herr Balasus, wenn Sie wirklich wollen, dass das weiterhin so bleibt, dann müssen Sie mehr tun. Mehr als jedes vierte Kind kann nicht schwimmen – das ist ein unhaltbarer Zustand. (Beifall SPD und FDP – Martin Balasus [CDU]: Lautstärke ersetzt nicht die Argumente!) Als Sozialdemokrat sehe ich in den Antworten auf die Große Anfrage aber auch einen weiteren, sozialen Aspekt. An den Gymnasien können 11,8 Prozent nach Klasse 6 nicht sicher schwimmen, an den Gemeinschaftsschulen sind es 37,3 Prozent, also fast vier von zehn Kindern. Wie Sie wissen, haben Gemeinschaftsschulen in Schleswig-Holstein einen höheren Sozialindex. Die Schüler_innen kommen also öfter aus Haushalten mit weniger Geld. Dieser Befund wird auch durch eine Forsa-Umfrage aus 2022 gestützt, die die DLRG in Auftrag gegeben hat. Darin heißt es – ich zitiere mit Erlaubnis des Präsidenten –: „Die Hälfte (49 Prozent) der Kinder aus Haushalten mit einem monatlichen Nettoeinkommen unter 2.500 Euro kann nicht schwimmen. Hingegen sind es bei einem Haushaltsnettoeinkommen über 4.000 Euro nur zwölf Prozent.“ Spätestens hier gäbe es dann für Sie, Frau Ministerin, den Hinweis, wo Sie dringend ansetzen müssen. Jede Gemeinschaftsschule muss die personellen und infrastrukturellen Kapazitäten haben, ihre Schüler_innen ausreichend zu beschulen. Denn wenn Schwimmen eine „Voraussetzung für die sichere Teilhabe“ ist, so wie Sie es in Ihrer Antwort schreiben, darf die Frage, ob ein Kind sicher schwimmen kann, nicht so stark mit seiner Schulart und damit mittelbar mit seinem sozialen Hintergrund zusammenhängen. (Beifall SPD, SSW und Annabell Krämer [FDP]) Jetzt wird es absurd. Frau Krämer hat es gesagt: Die Landesregierung weiß nicht, wie viele Schwimmstunden tatsächlich erteilt werden, wie viele Schüler_innen tatsächlich teilnehmen, wie viele Schwimmstunden ausfallen, welche Regionen besonders vom Ausfall betroffen sind, welche Schulen ausgefallenen Unterricht nicht nachholen (Kianusch Stender) konnten, welche Schwimmbäder tatsächlich für wie viele Unterrichtsstunden genutzt werden. Die Landesregierung kann uns sagen, dass mehr als jedes vierte Kind am Ende der 6. Klasse nicht sicher schwimmen kann. Aber wie, bitte schön, soll man dann das Problem lösen, das man nicht einmal vernünftig erfasst? Als wäre das alles nicht schlimm genug, wenden Sie hier jetzt eine Strategie an, die ich schon vom Welcome-Center kenne. Da, wo es nicht läuft, erheben Sie zukünftig keine Daten mehr. (Beate Raudies [SPD]: Ah!) Die Landesregierung schreibt zur Sicherheit gleich zweimal, einmal auf Seite 3 und einmal auf Seite 29: „Landesweite Datenerhebungen zur Durchführung des Schwimmunterrichts sind zukünftig nicht geplant.“ Das steht in einem bemerkenswerten Gegensatz zur Problemlage. Man hat gerade festgestellt: 27,2 Prozent Nichtschwimmer nach Klasse 6, 37,3 Prozent an Gemeinschaftsschulen, regional massive Unterschiede, Dutzende Schulen ohne Schwimmunterricht – und die Konsequenz lautet: Wir hören mit der landesweiten Erhebung auf. Dann gibt es auch keine schlechten Zahlen mehr. Dieses Wegducken von Verantwortung lassen wir Ihnen aber nicht durchgehen, Frau Ministerin. Darauf können Sie sich verlassen. – Vielen Dank. (Beifall SPD, FDP und Sybilla Nitsch [SSW])

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