Malte Krüger
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Wenn wir über Lernmittelfreiheit sprechen, dann sprechen wir über eine ziemlich grundsätzliche Frage im Bildungsbereich: Was muss Schule eigentlich bereitstellen, damit jedes Kind vernünftig lernen kann? Was können wir Eltern eigentlich zumuten? Wenn man das weiter denkt, lautet die Frage: Wann muss der Staat stärker Hilfestellung für Eltern geben, die sich das vielleicht nicht leisten können? – Diese Fragen beschäftigen diesen Landtag nicht zum ersten Mal. Bevor mich meine Kolleg_innen mal wieder daran erinnern, sage ich selbst: Meine Vorvorgängerin, Anke Erdmann, hat vor zehn Jahren in der Küstenkoalition mit einigen der hier Anwesenden eine Untersuchung auf den Weg gebracht, auf die wir uns bis heute beziehen. Das ist einerseits ein großes Kompliment für die damalige Arbeit, andererseits aber auch schon bemerkenswert, dass wir im Jahr 2026 über die finanzielle Belastung von Familien diskutieren, und unsere aktuellsten Daten dazu stammen aus der letzten Befragung aus dem Jahr 2016 – allerdings auch damals eine Studie, die nicht repräsentativ war. Das ist schon interessant. Damals gaben Eltern durchschnittlich knapp 1.000 Euro pro Kind und Schuljahr für schulkostenbezogene Kosten aus. Darunter waren nicht nur Lernmittel, sondern beispielsweise auch Verpflegung, Betreuung und Nachhilfe. Für Verbrauchsmaterialien wie Hefte, Stifte und Ordner waren es durchschnittlich 89 Euro. Für Bücher kamen weitere 50 Euro dazu. Schule hat sich seitdem verändert. Darauf hat Jette Waldinger-Thiering schon hingewiesen. Die Ausstattung hat sich verändert, die Digitalisierung hat Schule verändert, und natürlich haben sich auch die Preise verändert. Ich bin aber auch ehrlich: Die Datengrundlage ist nur bedingt das Thema, über das wir sprechen sollten. Wir haben vielmehr die politische Frage zu beantworten, was daraus eigentlich folgt. Durch die Zahlen haben wir zumindest eine grobe Vorstellung davon, wo die Herausforderungen liegen. Ich glaube nicht, dass uns neue Studien helfen würden. Darüber debattieren wir auch gar nicht – wir haben heute den Bericht vorliegen –, aber in der Vergangenheit war das immer wieder Thema. An dieser Stelle möchte ich an unsere Debatte von 2023 anknüpfen. Damals hatte ich gesagt, dass ich eine pauschale Finanzierung aller Lernmittel für alle Schülerinnen und Schüler nach dem Prinzip – ich wollte eigentlich „Gießkanne“ sagen, aber da hat (Malte Krüger) Beate Raudies gerade schon aufgeschrien; deshalb sage ich – Regendusche nicht für die beste Lösung halte. Dazu stehe ich weiterhin. Denn wenn wir begrenzte finanzielle Mittel haben, möchte ich mit ihnen zuerst dort ansetzen, wo sie den größten Unterschied ausmachen können, damit das Geld zu mehr Gerechtigkeit führt. Hier hat das PerspektivSchulProgramm einen echten Unterschied gemacht. Es muss doch klar sein: Kein Kind darf morgens im Unterricht sitzen und womöglich schlechter lernen können, weil zu Hause das Geld für das notwendige Material fehlt. (Vereinzelter Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Deswegen finde ich einen Teil des Berichts besonders spannend – ich danke an der Stelle der Ministerin und dem Ministerium für die Erarbeitung –, nämlich die Erfahrungen der WilhelmTanck-Schule Neumünster und der Theodor-StormSchule Kiel. Beide Schulen liegen in sozial herausfordernden Lagen, beide Schulen haben jeweils 16.000 Euro erhalten, um eine weitergehende Lernmittelfreiheit auszuprobieren. Es ging darum, ganz praktisch Hefte, Mappen, Bleistifte, Blöcke oder Tuschkästen zu beschaffen. Die Schulen haben zwei ziemlich unterschiedliche Modelle entwickelt. An der Theodor-Storm-Schule wurden in den Klassen Ausleihstationen eingerichtet. Wenn Material fehlte, konnte es schnell und unkompliziert ausgegeben werden. An der Wilhelm-Tanck-Schule ist man sogar noch einen Schritt weitergegangen. Dort haben Schülerinnen und Schüler selbst einen Schulshop betrieben. Dort gab es den Tanck-Taler. Ich vermute, dass der auf dem Schulhof eher wie „Tänk-Taler“ ausgesprochen wird, aber ich weiß es nicht. Ich war da noch nicht. Die haben also eine eigene Schulwährung eingeführt. Alle Schülerinnen und Schüler bekamen diesen Taler. Wer besonderen Bedarf hatte, konnte zusätzliche bekommen. Das ist doch einmal eine echt pfiffige Idee. Denn damit ist eines der größten Probleme in diesem Bereich – vermutlich – gelöst worden, nämlich dass bei Unterstützungsleistungen immer wieder der Gedanke verfolgt wird, Kinder sollten nicht vor der ganzen Klassen erklären müssen, warum ihre Eltern gerade kein Geld für einen neuen Tuschkasten haben. Die Hilfe ist da, sie ist niedrigschwellig, und sie ist Teil des normalen Schulalltags. Jetzt kommt für mich der eigentlich interessante Punkt: Der Bedarf war offenbar geringer als erwartet – steht zumindest in dem Bericht. Die Mittel reichten länger als ursprünglich gedacht. An der Wilhelm-Tanck-Schule haben die Schülerinnen und Schüler durch den selbst organisierten Schulshop zusätzlich Verantwortung übernommen und damit Selbstwirksamkeit erfahren. Das ist etwas, was wir im Schulbereich immer anstreben, weil wir wissen, dass das gut funktioniert. Der Bericht endet dann genau da. Das fand ich schade, denn da wird es doch erst richtig spannend. Ich habe noch ganz viele Fragen, die ich aus Zeitgründen hier nicht vortragen kann. Ich finde, darüber sollten wir im Bildungsausschuss noch einmal sprechen. Ich kann mir zum Beispiel vorstellen, dass wir zu den Erfahrungen die beteiligten Schulen selbst hören. Denn vielleicht liegt die richtige Antwort in diesem Spannungsfeld, entweder bezahlen die Eltern alles oder der Staat bezahlt alles für alle, darin, dass wir viel gezielter dafür sorgen, dass die Schulen in die Lage versetzt werden, pragmatisch zu handeln. Eine Schule weiß ziemlich genau, welches Kind morgens zum dritten Mal ohne Heft kommt, sie weiß, wo Materialien fehlen, und sie weiß häufig auch, wie Unterstützung organisiert werden kann, ohne die Kinder bloßzustellen.
