Sophia Schiebe
Sehr geehrte Landtagspräsidentin! Liebe Kolleg_innen! Kennen Sie Schrödingers Mann? Vielen von Ihnen ist wahrscheinlich Schrödingers Katze, ein Gedankenexperiment aus der Physik, ein Begriff. Eine Katze befindet sich in einer Kiste. Solange niemand nachschaut, ist sie gleichzeitig lebendig und tot. Zwei Zustände gleichzeitig treffen zu, weil man es nicht wissen kann. Die Autorin Tara-Louise Wittwer hat dieses Bild übertragen auf den Begriff Schrödingers Mann. Sie beschreibt damit die Realität vieler Frauen. Männer sind gleichzeitig harmlos und potenziell gefährlich. Ein Mann geht abends hinter einer Frau, hat ein paar Schritte Abstand. Der Kopf sagt: Es ist alles in Ordnung, doch der Körper reagiert anders. Ein Glas auf der Party, ein kurzer Moment der Unachtsamkeit – und plötzlich steht viel mehr auf dem Spiel als nur ein Getränk. Für viele Männer ist das ein Gedankenexperiment, für uns Frauen ist es Alltag. Ich habe viele Freundinnen. Jede einzelne hat sexuelle Belästigung oder Gewalt erlebt. Jede. Wenn etwas so häufig vorkommt, besteht die Gefahr, dass wir anfangen, es als gegeben hinzunehmen. Aber genau das dürfen wir nicht tun. (Beifall ganzes Haus) Denn hinter dieser Realität stehen konkrete Täterstrukturen. Der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter e.V. , Dirk Peglow, sagte in einem Interview mit dem ZDF, er müsse Frauen eigentlich einen drastischen Rat geben: Aus rein statistischer Sicht sollten sie zu ihrer eigenen Sicherheit keine Beziehung mit einem Mann eingehen. Diese zugespitzte Aussage ist keine Empfehlung, sie ist ein Alarmsignal. Denn sie macht sichtbar, wie groß die Gefahr für Frauen oft dort ist, wo sie eigentlich in Sicherheit sein sollten – im eigenen Zuhause. Diese Gewalt passiert aber nicht im luftleeren Raum. Sie wird von Männern ausgeführt, die wir kennen und sie wird viel zu selten von anderen Männern hinterfragt. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, FDP und SSW) Es geht nicht darum zu behaupten, alle Männer seien Täter, aber darum, festzuhalten, dass es immer Männer sind. Genau deshalb genügt es nicht, wenn Männer sich persönlich für unbeteiligt halten. Es genügt nicht, kein Täter zu sein. Es braucht Männer, die widersprechen, die Grenzen klar benennen und die andere Männer zur Verantwortung ziehen. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, FDP und SSW) Geschlechtsspezifische Gewalt endet heute immer häufiger nicht bei der Tat selbst. Sie wird dokumentiert, geteilt und weitergetragen. Genau darin liegt die nächste Eskalation. Collien Fernandes (Sophia Schiebe) hat öffentlich gemacht, wie es sich anfühlt, wenn die eigene Identität für sexualisierte Inhalte missbraucht wird. Die Reaktionen darauf sind wirklich aufschlussreich: Viele Frauen suchten nach Informationen, nach Schutz, nach Möglichkeiten, sich zu wehren. Gleichzeitig stiegen bei Männern die Suchanfragen nach ihrem Nachnamen und dem Begriff „nackt“. Das heißt, während eine Frau Gewalt sichtbar macht, wird genau diese Gewalt gleichzeitig weiter konsumiert. Das ist kein Randphänomen; das ist Teil des Problems. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, FDP und SSW) Denn diese Nachfragen kommen nicht aus dem Nichts. Solange die Nachfrage da ist, werden solche Inhalte produziert und weiter verbreitet. Deshalb dürfen wir nicht so tun, als hätten wir es hier mit einer Ausnahme zu tun. Wir reden über eine Form von Gewalt, die sich technologisch weiterentwickelt hat und gesellschaftlich noch immer zu oft verharmlost wird. Was bedeutet es eigentlich für eine Gesellschaft, wenn Frauen jederzeit damit rechnen müssen, dass ihr Gesicht, ihre Stimme, ihr Körper missbraucht werden kann? Deshalb brauchen wir klare gesetzliche Grenzen. Pornografische Deepfakes dürfen keine digitalen Kavaliersdelikte mehr bleiben. Wir müssen endlich aufhören, Betroffene mit dem Gefühl zurückzulassen, sich selbst verteidigen zu müssen – gegen Bilder, die nie echt waren und trotzdem echte Folgen haben. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, FDP und SSW) Aber Gesetze werden dieses Problem nicht vollständig lösen. Denn wenn junge Menschen im Netz lernen, dass Entwürdigung eine Unterhaltung ist, dann haben wir ein echtes gesellschaftliches Problem. Deshalb gehört Medienkompetenz mitten in unsere Bildung. Junge Menschen müssen lernen, wie Manipulation funktioniert, wie digitale Gewalt entsteht und welche Verantwortung jeder und jede Einzelne im Netz trägt. Genauso wichtig ist aber auch, dass Kinder und Jugendliche früh lernen, was Grenzen bedeuten, was Konsens heißt und dass ein Nein immer gilt. Am Ende liegen heute zwei unterschiedliche Anträge mit unterschiedlichen Schwerpunkten und unterschiedlichen Ansätzen vor. Deshalb sollte es nicht darum gehen, welche Formulierung vielleicht die bessere ist, sondern darum, dass wir Frauen und Mädchen endlich den Schutz geben, den sie in einer digitalen Gesellschaft erwarten dürfen. Deshalb bitte ich um Zustimmung zu beiden Anträgen. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, FDP und SSW)
