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Malte Krüger

GRÜNE 06.05.2026 Sitzungen 20/117

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Zunächst einmal: Mir gefiel der Einstieg mit Theos Wiese e. V. ziemlich gut, Herr Habersaat. Ich habe ebenfalls von den Erzeugnissen probiert und kann sie jedem empfehlen. Weil Sie sich gerade über den einen Besuch in Ihrer Rede geäußert haben, war mein Gedanke: Wollen wir als Bildungsausschuss mal gemeinsam eine Gemeinschaftsschule ohne Oberstufe besuchen? (Zuruf Beate Raudies [SPD]) Das wäre doch effektiv. Wir könnten das Bildungsministerium einladen und gemeinsam dort über Probleme und Herausforderungen an Gemeinschaftsschulen sprechen. Das wäre zumindest eine Idee für den Bildungsausschuss, damit wir alle an Bord bekommen. (Beate Raudies [SPD]: Weil wir alle schon in einer waren!) Gemeinschaftsschulen ohne, aber auch mit Oberstufe sind eine ganz zentrale Säule in unserem Schulsystem, denn sie haben kreative Möglichkeiten, Schulentwicklung voranzubringen. Ich kenne ehrlicherweise zahlreiche Beispiele aus der Praxis: innovative Unterrichtskonzepte, starke Berufsorientierung, intensive Beziehungsarbeit, die jungen Menschen echte Chancen eröffnen. Diesen 136 Schulen kommt eine besondere Verantwortung zu: allen Schülerinnen einen Schulabschluss zu ermöglichen und gleichzeitig höhere Bildungswege offen zu halten. Genau deshalb ist das Thema der Großen Anfrage der SPD so wichtig. Wenn wir wollen, dass sich Schulen weiterentwickeln, brauchen sie dafür gute Rahmenbedingungen. Nur Schulen, die ausreichend unterstützt werden, haben überhaupt die Kraft, Schulentwicklungsprozesse anzustoßen und dauerhaft erfolgreich zu gestalten. Das ist doch genau das, was wir wollen, sprich: dass Schulen sich weiterentwickeln und nicht beim Status quo stehen bleiben. Einig sind wir uns zwischen Opposition und Regierung, was die Wertschätzung der Gemeinschaftsschulen angeht. Das wird in den Vorbemerkungen dieser Großen Anfrage sowohl vonseiten der SPD als auch der Landesregierung sehr deutlich. Das ist wichtig, denn diese Schulen leisten enorm viel für unser Bildungssystem. Sie sind Orte individueller Förderung, sozialer Integration und gelebter Bildungsgerechtigkeit. Der Gemeinschaftsschulverband weist in seiner Pressearbeit deutlich dar- (Malte Krüger) auf hin, wie vielfältig die Arbeit dieser Schulen ist: Austauschprogramme, kulturelle Projekte oder Wettbewerbe, an denen teilgenommen und zum Teil etwas gewonnen wird, wie ich festgestellt habe. All das leisten Gemeinschaftsschulen mit und ohne Oberstufe jeden Tag. Aber, meine Damen und Herren, Licht bedeutet auch: Es gibt Schatten. Einer dieser Schatten ist die Situation der Lehrkräfte und vor allem die Art und Weise, wie wir in Schleswig-Holstein Lehrkräfte für unsere Schulen ausbilden. Die Statuserhebung zur Arbeitsfähigkeit und Gesundheit zeigt deutlich, dass die Arbeitszufriedenheit an Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe schlechter ist als an anderen Schularten, und das ist ein Warnsignal. Die Belastungen – Leistungsdruck, zunehmende Aufgaben, emotionale Belastungen – mögen zwar ähnlich sein wie an anderen Schulformen, aber die geringere Arbeitszufriedenheit an den Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe muss uns aufhorchen lassen. Wir alle wissen doch: Gute Schule funktioniert nur mit motivierten Lehrkräften. (Serpil Midyatli [SPD]: Genau!) Deshalb müssen wir diese Entwicklung sehr genau im Blick behalten. Gleichzeitig gibt es aber auch positive Entwicklungen. Der Anteil der Lehrkräfte, die vorzeitig aus dem Dienst ausgeschieden sind, ist zwischen 2017/18 und 2024/25 von 3,7 auf 2,8 Prozent gesunken. Das ist zunächst einmal, wie ich fand, eine gute Nachricht. Es zeigt: Stabilisierung ist möglich. Das sollten wir ebenfalls anerkennen. Problematisch bleibt allerdings die Situation bei den Schulleitungen. Die Große Anfrage zeigt, dass die Besetzung neuer Schulleitungsstellen häufig länger dauert und oftmals noch nicht abgeschlossen ist, wenn die bisherige Schulleiterin oder der bisherige Schulleiter in den Ruhestand geht. Das ist für Schulen in dieser Situation eine Belastung. Nun muss man fairerweise sagen, dass die Landesregierung das Problem längst erkannt hat. Es wurden bereits Maßnahmen entwickelt und erste Schritte unternommen, um die Situation zu verbessern. Das ist richtig und wichtig. Aber wir müssen sehr genau beobachten, wie sich die Wirkung der Maßnahmen entfaltet und ob die Schulen ohne Oberstufe davon profitieren. Funktionierende Schulleitungen sind ganz entscheidend für die ganzen Prozesse, über die ich hier bereits ausgeführt habe. Ich dachte, ich hätte weniger Zeit, aber Herr Habersaat hat dazu bereits ausgeführt: Ein weiteres Thema in der Großen Anfrage ist der Schwimmunterricht. Für diejenigen, die das interessiert – es gibt einige weitere, denen das Thema sehr am Herzen liegt, mir auch –: Auf Seite 48 kann man lesen, dass es neun Schulen gibt, für die die Sicherstellung des Schwimmunterrichts eine Herausforderung ist. Schwimmen ist jedoch kein Luxusfach. Es geht um Sicherheit, Teilhabe und Gesundheitsförderung. Deshalb ist es gut, dass diese neun Schulen andere Möglichkeiten über Blockunterricht oder Kooperationen mit Vereinen haben, damit dort Schwimmunterricht stattfindet. Ich bin sehr auf die Große Anfrage der SPD zu dem Thema gespannt. Diesbezüglich können wir das sicherlich noch mal vertiefen. Die Antwort auf die Große Anfrage zu den Gemeinschaftsschulen zeigt deutlich, dass es in fast allen Fächern ein zunehmendes Problem gibt, den Unterricht mit voll ausgebildeten Lehrkräften zu besetzen. Fachfremder Unterricht und der Einsatz nicht grundständig ausgebildeter Lehrkräfte gehört zum Alltag an Gemeinschaftsschulen. Das sagt erst einmal nichts über guten oder schlechten Unterricht aus, aber unser Anspruch ist natürlich ein anderer. Mir ist eine Frage beziehungsweise die Antwort in dieser Großen Anfrage aufgefallen. Auf die Frage, wie viele Lehrkräfte WiPo, Geografie oder Geschichte unterrichten, ohne dass das Fach studiert worden ist, lautet die Antwort: WiPo 447 Lehrkräfte – das sind 60,7 Prozent –, Geografie 37,7 Prozent, Geschichte 22,8 Prozent und Weltkunde sogar 49 Prozent. Es ist in meinen Augen schon eine problematische Entwicklung, die wir da sehen. Ganz am Anfang dieser Legislaturperiode wurden die Ergebnisse der International Civic and Citizenship Education Study, ICCS, zu Fragen politischen Bildung an Schulen bekannt. Die Studie hat sehr deutlich gemacht, dass man einen Unterschied sieht zwischen Lehrkräften mit und Lehrkräften ohne sozialwissenschaftlichen Hintergrund. Das ist eine essenzielle Erkenntnis. Ich erinnere daran, dass wir alle hier regelmäßig – zu Recht – von der Bedeutung der Extremismusprävention sprechen. Wenn auch statistisch belegt ist, dass Lehrkräfte, die sozialwissenschaftlich gebildet sind, anders mit Extremismus an Schulen umgehen, dann müssen wir alle Interesse daran haben, dass auch die WiPo-Lehrkräfte an unseren Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe eine gute sozialwissenschaftliche Ausbildung haben. Das ist also ganz, ganz wichtig. Da müssen wir in Zukunft noch viel genauer hinschauen. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und SPD) In seiner Pressemitteilung weist der Gemeinschaftsschulverband völlig zu Recht darauf hin, dass es (Malte Krüger) strukturelle Probleme in der Lehrkräfteausbildung gibt. Für mehrere Fächer gab es über Jahre hinweg keine Studienanfängerinnen und Studienanfänger; das betrifft das Lehramt Sekundarstufe I, Gemeinschaftsschule. Das zeigt: Wir müssen bei der Lehrkräfteausbildung neue Wege gehen. Wir brauchen attraktivere Ausbildungswege, stärkere Anreize und – ich wiederhole es hier permanent – eine bessere Verzahnung zwischen dem Studium, den Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe und dem Vorbereitungsdienst. Gelingt dies nicht, wird sich die durch fachfremden Unterricht hervorgerufene Situation weiter verschärfen. Mir ist außerdem aufgefallen, dass über 40 Schulen eine Kooperationsvereinbarung abgeschlossen haben, deren Schüler aber – das finde ich interessant – keinen Anspruch auf einen Platz in der Oberstufe haben. Das halte ich für ein Problem in unserem Bildungssystem. Momentan ist es kein Problem, würde ich sagen, weil wir generell wenige Schüler_innen haben; über die Situation an den beruflichen Schulen haben wir schon gesprochen. Aber es könnte bei wachsenden Schüler_innnenzahlen ein Problem sein. Wir müssen über die Frage, wo genau da die Probleme liegen, weiter reden. Das ist nicht ganz einfach; das ist mir klar. Aber betroffene Schulen sollten wir unterstützen, sodass sie die Kooperationsvereinbarung tatsächlich leben können. Ich bleibe dabei: Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe – das ist eine ganz starke und moderne Schulform. Diese Schulen leisten Herausragendes für Bildungsgerechtigkeit, Integration und individuelle Förderung. Sie haben kreative Möglichkeiten, Schulentwicklung voranzubringen. Genau deshalb brauchen sie unsere politische Unterstützung. Vor allem sollten wir in moderne und praxisnahe Schulentwicklung investieren und die Zahl der Schüler_innen ohne Abschluss verringern. Denn nur Schulen mit guten Rahmenbedingungen können sich weiterentwickeln. Nur dann entstehen innovative Konzepte. Nur dann gelingt echte Schulentwicklung. Genau das sollte unser gemeinsames Ziel sein – nicht Stillstand, sondern Weiterentwicklung, nicht Verwalten, sondern Gestalten mit dem Ziel, besser zu werden. Genau dafür brauchen wir die Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe, und dafür brauchen sie unsere volle Aufmerksamkeit und Unterstützung. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal ein großes Danke sagen – an die Schulen, die Daten übermittelt haben; an die Schulträger, die das ebenfalls getan haben; an das Ministerium für das Zusammentragen. Die Antwort umfasst immerhin 300 Seiten. Wer sie gelesen hat, hatte viele Freude dabei. Wie geht es im Ausschuss weiter? Herr Habersaat, nachdem ich Ihrer Rede zugehört habe, könnte ich mir vorstellen, dass wir das Programm Abordnung für Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe noch einmal vertiefen. Ich hatte bei Ihren Ausführungen dazu ein Störgefühl; das müssen wir uns vielleicht noch einmal genauer angucken. Was das Thema berufliche Schulen und Abordnung an Gemeinschaftsschulen angeht, so habe ich es positiver als Sie wahrgenommen. Aber darüber können wir sicherlich im Ausschuss weiter diskutieren. Ich freue mich auf jeden Fall auf die Beratungen im Austausch und danke für die Aufmerksamkeit. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und vereinzelt CDU)

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