Martin Balasus
Oh, ja, Entschuldigung, Sie haben recht. – Liebe Kolleginnen und Kollegen, es gibt Leute, die selbst am schönsten Morgenrot, am schönsten Sonnenaufgang etwas auszusetzen hätten, wenn sie je früh genug dazu aufstünden. Ich weiß jetzt nicht, ob Kollege Habersaat Frühaufsteher ist. (Zuruf Martin Habersaat [SPD]) – Jetzt weiß ich es, vielen Dank. Was ich aber ganz genau weiß, ist, dass Kollege Habersaat viel zu schwarzmalt, wenn er über die Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe hier im Land spricht. Deswegen eins vorweg: Ja, es gibt Herausforderungen, und die wollen wir überhaupt nicht beschönigen. Es gibt aber genauso klare Fortschritte und positive Entwicklungen. Also, was wir machen müssen, ist, ein differenziertes Bild, ein ehrliches Bild der Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe zu zeichnen. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Zunächst zum Unterrichtsausfall: Der Anteil der ausgefallenen Stunden und der nicht planmäßig erteilten Stunden lag im Schuljahr 2017/18 bei 11,1 Prozent. Dann stieg das Ganze infolge der Coronazeit oder der Coronaauswirkungen auf 13,2 Prozent, und inzwischen ist die Quote wieder auf 12,3 Prozent gesunken. Ja, das wissen wir alle. Mancher hat es auch am eigenen Leib erfahren. Das lag oder liegt natürlich an dieser außergewöhnlichen Krankheitswelle, die in allen Schichten, in allen Bereichen, in allen Branchen für sehr hohe Krankenstände gesorgt hat. Wichtiger ist ein Punkt, der in der Kritik häufig unterschlagen wird, nämlich: Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe haben den geringsten Anteil an ersatzlos ausgefallenem Unterricht im Vergleich zu den Schularten mit Oberstufen. Also, wenn Unterricht ausfällt, wird das hier am häufigsten durch Organisation, durch Vertretung, durch Anpassung aufgefangen. Ich finde, das ist aktive Problembewältigung. Wir wollen ja auch, dass alle Schulen dahin kommen, dass sie ein intelligentes Vertretungskonzept haben, dass also nicht der Wagen da reingeschoben wird und eine DVD oder sonst etwas geschaut wird, sondern dass man natürlich inhaltlich weiterarbeitet. Das gibt es an vielen Schulen. Das ist etwas, was landesweit ausgerollt werden kann. Auf jeden Fall finde ich, das ist eine super Botschaft, dass hier die geringste Quote an ersatzlos ausgefallenem Unterricht vorherrscht. Zur Personalsituation: Die Besetzungsquote liegt aktuell bei über 106 Prozent. Vorhin sagte die Ministerin, die Unterrichtsversorgung wird so um die 104 Prozent ab Sommer, ab nächstem Schuljahr liegen. In der Vergangenheit waren das ganz andere Quoten. Vor zehn Jahren hatten wir um die 100 Prozent über Jahre hinweg. Also, wie man sieht, hier ist ein eindeutiger Schwerpunkt. Rein rechnerisch stehen mehr Lehrkräfte zur Verfügung als vorgesehen, auch durch gezielte Steuerung und Vertretungssysteme. Gleichzeitig ist der Anteil an Vertretungskräften von 9,9 Prozent auf 8,1 Prozent gesunken, während gleichzeitig deren Qualifikation deutlich gestiegen ist. Heute sind über 44 Prozent der Vertretungslehrkräfte vollständig ausgebildete Lehrkräfte. Das ist ein deutlicher Fortschritt gegenüber früheren Jahren. Das zeigt natürlich auch, dass unsere Personalgewinnungsmaßnah- (Martin Balasus) men und die Weiterqualifizierungsmaßnahmen, die eingeleitet werden, schon erste Erfolge zeigen. Ich will nicht sagen, dass alles schon perfekt ist. Maßnahmen, die man hier einleitet, brauchen Jahre zur Entfaltung. Aber man sieht, erste Früchte werden getragen. Übrigens, wir werden ja morgen 200 neue Lehrkräftestellen über den Nachtragshaushalt auf den Weg bringen. Das größte Kontingent, nämlich 83, gehen an die Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe, damit weniger Unterricht ausfällt, damit besser auf den Abschluss vorbereitet werden kann und natürlich auch, damit mehr Zeit für den Einzelnen in der Schule bleibt. (Beifall CDU und vereinzelt BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) Ein weiterer zentraler Punkt ist die Leistungsentwicklung. Im Durchschnitt haben sich die Abschlussnoten sowohl beim ESA als auch beim MSA, früher Hauptschulabschluss und Realschulabschluss, verbessert. Natürlich gibt es in den einzelnen Bereichen wie etwa im Fach Deutsch Herausforderungen. Aber auch hier gilt, das ist kein regionales Phänomen, sondern ein bundesweiter Trend, der mit Themen wie Lesekompetenz und Motivation zusammenhängt, aber auch mit anderen Punkten. Auf jeden Fall sind jede Menge Maßnahmen hier schon eingeleitet worden, wie zum Beispiel all die Maßnahmen im Bereich der Leseförderung, Leseband als Beispiel, oder die Grundwortschatzarbeit, die wir an den Grundschulen gerade eingeführt haben. Ich nehme das jetzt hautnah mit, weil mein Sohn alle diese Vokabeln oder Begriffe lernt. Besonders wichtig ist die Einordnung der sozialen Rahmenbedingungen. Dazu hat Kollege Habersaat ja auch gesprochen. Der Sozialindex zeigt sehr deutlich: Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe arbeiten durchschnittlich mit einer deutlich herausfordernderen Schülerschaft als andere Schularten. Das ist auch ganz klar. Wir haben es mit mehr Medienkonsum zu tun. Die Haushalte sind überdurchschnittlich oder mehr als bei anderen Schulen von Armut betroffen Sprachförderbedarf ist ein Riesenthema. Auffälligeres Sozialverhalten ist ein Riesenthema. Wenn also an der Gemeinschaftsschule ohne Oberstufe Ergebnisse erzielt werden, sind sie unter schwierigeren Bedingungen entstanden. Ein Vergleich zum Gymnasium ohne diese Einordnung führt zwangsläufig zu völlig falschen Schlussfolgerungen, wenn wir sagen, dass die Schülerinnen und Schüler in Klasse 7 deutlich besser sind. Trotz dieser Ausgangslage zeichnen sich auch in zentralen Bereichen klare Stärken ab. Ein Beispiel ist die Berufsorientierung: 34 von 79 Schulen mit Berufswahl-Siegel sind Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe. Diese Schulen sind besonders erfolgreich darin, Schülerinnen und Schüler auf Ausbildung und Beruf vorzubereiten – genau dort, wo es entscheidend ist. Ein anderer Bereich ist der Bereich Digitalisierung. Auch dort gibt es konkrete Fortschritte. Die Mittel aus dem DigitalPakt wurden quasi vollständig ausgeschöpft. Nahezu alle Schulen verfügen heute über eine moderne, zeitgemäße Ausstattung, die auch digitalen Unterricht ermöglicht. Es wird allerdings immer Einzelfälle geben, bei denen etwas nicht so klappt; das ist ganz logisch. Es liegt in der Natur der Sache, dass es nicht überall an jedem Ort immer perfekt ist. Natürlich bleiben Herausforderungen: steigender Lehrkräftebedarf oder schwierige Ausbildungssituationen in bestimmten Fächern, weil der Nachwuchs fehlt. Aber genau an dieser Stelle handeln wir doch. Wir haben schon so häufig über die Handlungspläne zur Lehrkräftegewinnung I, II, III und IV und bald bestimmt auch V und so weiter gesprochen und werden weiterhin darüber sprechen. Wir haben sehr viele Einzelmaßnahmen auf den Weg gebracht, aber wenn wir in einem Bereich Personal gewinnen wollen, dann ist logischerweise nicht die Folge, dass ein Jahr später das Personal auf dem Markt ist; das ist doch klar. Wenn wir junge Leute zum Beispiel für ein Lehramtsstudium in einem Mangelfach begeistern wollen, dann dauert das, bis die Leute a) gewonnen und b) sie mit dem Studium oder mit der Ausbildung fertig sind. Also: Hier laufen alle möglichen Personalgewinnungsmaßnahmen. Hier laufen alle möglichen Qualifizierungsoffensiven für Menschen, die schon im System sind oder die ein neues Fach dazubekommen oder die – darüber sprechen wir, glaube ich, morgen – in Form von Direkt‑, Seiten- und Quereinstieg weitergebildet werden können. Ein Beispiel für erfolgreiche Qualifizierungsoffensiven ist die Einführung des Faches Informatik. Wenn jemand den Fachbereich an der Uni wählt, dauert es natürlich, bis er dort fertig ist. Aber wenn du ein neues Fach einführst, ist es notgedrungen so, dass du erst einmal auf Weiterqualifizierung beziehungsweise Weiterbildung setzen musst. Des Weiteren verfügen wir über einen gezielten Mitteleinsatz über das Startchancen-Programm. Die Anzahl der PerspektivSchulen oder Startchancen- (Martin Balasus) Programm-Schulen haben wir erst in dieser Legislatur verdoppelt. Das zeigt uns, dass wir die jungen Menschen, die es besonders schwierig haben, aus einer sozial herausfordernden Umgebung kommen und deren Startchancen nicht die gleichen sind wie in anderen Vierteln, besonders auf dem Schirm haben. Liebe Kolleginnen und Kollegen, wenn man all diese Punkte zusammen betrachtet, ergibt sich ein klares Bild: Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe sind nicht das Problem des Systems. Sie sind die Schulart, die unter schwierigeren Bedingungen arbeitet und dabei stabile, in einigen Bereichen sogar verbesserte Ergebnisse erzielt. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Das kam spät. (Heiterkeit CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Deshalb, werte Opposition, finde ich es wirklich problematisch, ein pauschales Krisennarrativ zu konstruieren. (Zurufe Beate Raudies [SPD] und Sybilla Nitsch [SSW]) Wer nur auf Fehlstunden schaut, sieht nicht, dass Unterricht auch organisiert wird. Wer nur auf Belastung schaut, sieht nicht, welche Leistungen erbracht werden. Und genau das sollten wir tun. Keinem Menschen ist daran gelegen, keiner Familie ist daran gelegen, keiner Lehrkraft ist daran gelegen, keinem Kind ist daran gelegen, dass die Erfolge, die an der Gemeinschaftsschule erzielt werden, hier nur zerredet werden. Ich warne vor einem Negativfokus, der all die Erfolge und all die Stärken ausblendet; er bringt uns hier nicht weiter. Das ist genau der falsche Weg. (Beate Raudies [SPD]: Sondern? Sondern was?) Ich finde, unsere Gemeinschaftsschulen stehen sehr gut da – herausfordernd, aber sehr gut. – Vielen Dank. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Beate Raudies [SPD]: Und wie soll die Lösung sein? Was tun Sie dafür?)
