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Martin Habersaat

SPD 06.05.2026 Sitzungen 20/117

Das ist jetzt aber auch keine Überraschung, Herr Kollege, weil ja diese Schulen diejenigen sind, die keine Oberstufe haben. Den allerniedrigsten Anteil an ersatzlos ausgefallenen Stunden haben Sie an Grundschulen, weil da gar kein Unterricht ausfallen darf. Dann haben Sie natürlich mehr jüngere Schülerinnen und Schüler an Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe und weniger ältere, weil es keine Oberstufe gibt. In der Oberstufe geht das mit EVA dann ja erst richtig los. Deswegen ist es ja logisch, dass an Schulen mit Oberstufe mehr Unterricht mit EVA vertreten wird als an Schulen ohne Oberstufe. Das würde ich nun aber nicht unbedingt zu einer Stärke der Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe definieren. So, wir fahren fort. Wir haben Schulen mit dem höchsten Sozialindex, und eigentlich müssten wir auch den Konsens haben, dass die die beste Ausstattung brauchten, haben sie aber nicht. Das, meine Damen und Herren, finde ich bildungspolitisch falsch und sozialpolitisch verantwortungslos. (Beifall SPD und SSW) Die dritte Erkenntnis. Es gibt einen Fachkräftemangel, und der ist hausgemacht. Blicken wir auf den Unterricht: Hunderte von Klassen in Schleswig-Holstein – Hunderte! – werden in Mathematik, Englisch und WiPo fachfremd unterrichtet. Weitere Hunderte von Klassen – für die genauen Zahlen können Sie reingucken, es lohnt sich – werden von Lehrkräften ohne zweites Staatsexamen unterrichtet. Wenn wir uns das neue Pflichtfach Informatik angucken, das hier verschiedentlich gefeiert wurde, dann sehen wir, dass es an Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe fast 86 Prozent der Lehrkräfte unterrichten, die das gar nicht studiert haben. 86 Prozent! Das ist nicht aus Versehen passiert, das ist mit Ansage passiert, weil Sie den Hochlauf nahezu ausschließlich an anderen Schulen als an Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe durchgeführt haben. Das hatte ich hier damals auch kritisiert, dass das in der überwiegenden Mehrzahl Gymnasien waren, an denen der Informatikunterricht probeweise hochgelaufen ist. Natürlich, wenn man es dann zum Pflichtfach macht, hat man die Lehrkräfte da und nicht an den Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe. Bis 2034 droht eine Unterdeckung in vielen weiteren Fächern, und die lese ich jetzt nicht alle vor, weil es trotz erweiterter Redezeit dann knapp würde. Ein Fünftel der Lehrkräfte an diesen Schulen steht kurz vor dem Ruhestand. Die Studierendenzahlen sinken in diesem Bereich. Die G9-Lücke kommt erst noch. Es kommt ja auch noch Ihr glorreicher Einfall, Studierende künftig mit 60 Euro Verwaltungskostenbeitrag zu beglücken. Ob das zu einer Steigerung der Studierendenzahlen beiträgt, wage ich zu bezweifeln. (Martin Habersaat) Wir haben insgesamt keinen Mangel an Informationen. Wir haben aber einen Mangel an Umsetzung von Maßnahmen, die helfen, und teilweise ja leider, wie erläutert, im Gegenteil sogar Maßnahmen, die in die falsche Richtung führen. Die vierte Erkenntnis. Die Schulen werden gezwungenermaßen Meister der Improvisation. Es gibt kein stabiles WLAN an allen Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe. Es gibt Schulen, da fehlt eine Mensa. Es gibt Schulen, da kann kein Schwimmunterricht angeboten werden, weil es schlicht keine Schwimmgelegenheiten gibt. (Malte Krüger [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Neun Stück!) – Darauf kommen wir in Kürze noch einmal mit einer ausführlicheren Großen Anfrage zurück. – Lehrkräfte reparieren nebenbei digitale Infrastruktur im Jahre 2026 noch immer, und das ist falsch. Fünfte Erkenntnis. Falsche Entscheidungen verschärfen die Lage. Sie haben sich wahrscheinlich schon gefragt, wo diese Passage meiner Rede bleibt. Da ist sie. Sie haben sich dafür entschieden, im DaZ-Bereich zu kürzen. Ausgerechnet bei Deutsch als Zweitsprache, bei den Schwächsten, haben Sie sich für Kürzungen entschieden, und Sie haben sich entschieden, den Gemeinschaftsschulen sechs Stunden in der Sekundarstufe I wegzunehmen: eine Stunde in Gesellschaftswissenschaften, eine Stunde in ästhetischer Bildung, eine Stunde in Naturwissenschaften, eine Stunde in der ersten Fremdsprache, eine Stunde im Fach Arbeit und Verbraucherbildung und eine Stunde im ersten Wahlpflichtfach. (Beate Raudies [SPD]: Und trotzdem fällt so viel aus!) Dabei war es vorher Konsens, dass Gemeinschaftsschulen mehr Ressourcen brauchten, weil es da größere Herausforderungen gibt. Den Zwischenruf von der Kollegin Raudies will ich gerne aufnehmen. Trotzdem fällt so viel aus, ja. Aber ich räume ein, dass diese Streichung von Unterrichtsstunden Ihre wirksamste Maßnahme gegen den Unterrichtsausfall gewesen sein wird. (Beifall SPD) Ich bin mir auch sicher, dass Sie das rechtzeitig vor der Landtagswahl zu feiern wissen werden, Herr Kollege Balasus. Dann haben Sie die Gemeinschaftsschulen gezwungen, das Fach Informatik auf Kosten weiterer Stunden der vorhandenen Fächer zu implementieren. Damit haben Sie den Gemeinschaftsschulen zehn Stunden aus ihrem Stundenplan genommen. Zehn Stunden! Damit haben Sie diese Schulen konzeptionell ins Mark getroffen. Das Ganze führte dazu, dass 19 Lehrkräfte in Schleswig-Holstein versetzt werden mussten, weil die an den entsprechenden Schulen schlicht nicht mehr gebraucht wurden. Jetzt erzählen Sie den gleichen Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe: Nehmt doch mal bitte Berufsschullehrkräfte auf. Die können wir gerade an den beruflichen Schulen nicht so gut gebrauchen. Nehmt ihr sie doch bitte. – Ja, wohin sollen die sie denn stecken, wenn Sie ihnen die Stunden streichen, meine Damen und Herren? (Beifall SPD und vereinzelt SSW) Dann lese ich einen erschütternden Leserbrief im sh:z. Da schreibt eine Mathelehrkraft einer beruflichen Schule, nachdem sie gelesen hat, wie viel Mathe fachfremd unterrichtet wird an Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe, sie würde liebend gern an einer Gemeinschaftsschule ohne Oberstufe Mathe unterrichten. Darf sie aber nicht, weil sie Berufsschullehrkraft ist. Dahin abordnen können Sie sie, und dann darf sie, aber dauerhaft dahin gehen darf sie nicht. Das ist doch absurd. (Beifall SPD, SSW und vereinzelt FDP) Apropos absurd, beim Startchancen-Programm haben Sie es wichtiger gefunden, Ihre alten Konzepte fortzusetzen, statt eine neue faire Verteilung unter den Startchancen-Schulen sicherzustellen. Das heißt, Sie haben jetzt Schulen mit Sozialindex 6 im Startchancen-Programm und welche, die da nicht drin sind, dafür haben Sie da welche mit Sozialindex 2 drin. Das können Sie auch niemandem erklären. Wie Sie mit Vertretungslehrkräften umgehen, habe ich hier schon mehrfach thematisiert. Sie setzen die immer noch nach wenigen Jahren an die Luft, und das IQSH qualifiziert immer noch nicht nachhaltig, sondern hilft lediglich beim Überleben auf kurze Frist. Das ist ein Vertreiben von Fachkräften. Die Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe sind zentral für die Chancengleichheit, und deswegen empfehle ich Ihnen fünf Dinge. Erstens: Unterstützen statt Überfordern. Helfen Sie den Lehrkräften mit kleineren Klassen, mit weniger Unterrichtsverpflichtung, mit mehr Teamarbeit und mit Entlastung außerhalb der Unterrichtsstunden. Zweitens: Sparen Sie nicht bei den Schwächsten, sondern nehmen Sie diese Kürzung zurück. (Martin Habersaat) Drittens: Gestalten Sie das Startchancen-Programm fair. Viertens: Qualifizieren und sichern Sie Lehrkräfte. Wir reden morgen noch über das Lehrkräftebildungsgesetz. Da haben Sie die Allianz für Lehrkräftebildung ignoriert. Das sollten Sie nicht weiterhin so tun. Es waren nur halb so viele Lehrkräfte in Ausbildung an Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe wie an Gymnasien, wenn man das auf die Schülerzahl bezieht. Da sieht man, wo das Drama liegt. Fünftens: Geben Sie Vertretungslehrkräften eine Perspektive. Alles liegt auf dem Tisch, Sie wissen alles, Sie müssen es nur wollen. – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. (Beifall SPD und SSW)

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