Martin Habersaat
Vielen Dank, Frau Präsidentin! – Meine Damen und Herren! 16 Minuten Lehrervortrag wären bei einer 45-Minuten-Stunde schon ein ganz schöner Brocken. Das müsste sich inhaltlich schon rechtfertigen, wenn man das machte. (Malte Krüger [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wir sind gegen Lehrervorträge!) Aber es gibt eine inhaltliche Rechtfertigung an der einen oder anderen Stelle. Das werden Sie hoffentlich bemerken. Der 30. August 2023 war ein Mittwoch, wie heute. Es war ein besonderer Tag. Warum? – Frau Stenke hat die Theodor-Heuss-Gemeinschaftsschule in Preetz besucht. Warum ist das besonders? – Es war der einzige Besuch von Frau Stenke bei einer Gemeinschaftsschule ohne Oberstufe in neun Jahren. Die beiden Staatssekretäre haben es nie an eine Gemeinschaftsschule ohne Oberstufe geschafft. Wir haben im Land 136 Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe. Verstehen Sie mich nicht falsch: Die Theodor-Heuss-Gemeinschaftsschule in Preetz verdient alle Ehren, weil das eine großartige Schule mit einem tollen Konzept ist. Da können Sie zum Beispiel in Klasse 5/6 das Projekt „Theos Wiese“ besuchen. Im Hause Habersaat sind wir große Fans des dort hergestellten Apfelgelees und des dort gemachten Honigs. Insofern lohnt sich ein Besuch. Man muss auch gar nicht direkt hin. Beim Herbstmarkt in Molfsee – das wird der Vorsitzende des Fördervereins des Freilichtmuseums mit Freude vernehmen – kann man das auch erwerben. Wenn diese Anfrage das Ergebnis hatte, dass die Hausspitze jetzt vermehrt darauf achtet, einmal Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe ins Besuchsprogramm aufzunehmen, dann hat sich das heute schon ein bisschen gelohnt, meine Damen und Herren. (Beifall SPD) So eine Große Anfrage – das will ich auch am Anfang sagen – bedeutet eine Menge Arbeit, sowohl was das Entwickeln der Fragen angeht, als auch selbstverständlich, was das Zusammentragen und Aufschreiben der Antworten angeht. Deswegen möchte ich mich für zahlreiche Hinweise bedanken, die mich in meiner Phase der Arbeit erreicht haben. Ich möchte mich aber auch bei den Schulen, bei den Schulämtern und beim Ministerium für den Einsatz bedanken, der erforderlich war, um die Antworten aufzuschreiben. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, FDP und SSW) Die eine oder andere Schulleitung hat mich dezent darauf hingewiesen, was das eigentlich konkret im Einzelnen bedeutete. Aber letztendlich war die überwiegende Meinung, dass es gut war, diese Ergebnisse einmal gemeinsam in einem Dokument zu haben und damit arbeiten zu können. Verschiedene Annahmen sind in diesem Bericht bestätigt worden. Unsere Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe verfolgen anspruchsvolle pädagogische Konzepte. Sie vertreten einen vielfältigen Bildungsbegriff, zahlreiche interkulturelle Projekte und haben Stärken in der Berufsorientierung. Frau Ministerin, ich freue mich, dass Sie das Produktive Lernen ausbauen wollen. Ich persönlich halte das für die bessere Variante im Gegensatz zu den FlexKlassen, weil sich bei den Flex-Klassen in der Praxis nach meiner Auffassung doch wieder das alte Schulsystem zeigt: dass man Schülerinnen und Schüler mit schwächeren Leistungen in die FlexKlasse packt, und die anderen bleiben in den anderen Klassen. Das Tolle am produktiven Lernen ist, dass sich da eben auch Schülerinnen und Schüler, die das Abitur anstreben, entscheiden können, mal zwei Jahre lang vermehrt Praktika zu absolvieren und vielleicht einmal in die Wirtschaft hineinzuschnuppern. Alle Schulen, die ich mir angesehen habe, und alle beteiligten Betriebe schwärmen von diesem Konzept. (Unruhe) Die Schulen sind mit zahlreichen Wettbewerbsbeiträgen in der Bildungslandschaft vertreten und gewinnen Schulpreise. Das hat sich alles bestätigt. Es hat sich auch bestätigt, dass die Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe einen wesentlichen Beitrag für die Integration zugewanderter junger Menschen leisten, einen Schwerpunkt der DaZ-Arbeit in Schleswig-Holstein bilden und dass sie bei der Inklusion von Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischen Förderbedarfen einen wesentlichen Teil der Aufgaben übernehmen. (Martin Habersaat) Manche Antworten haben wir nicht ganz sicher vermutet, aber doch geahnt, zum Beispiel, dass die Schülerinnen und Schüler an Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe überwiegend männlich sind, dass die Lehrkräfte an Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe überwiegend weiblich sind, dass aber die Schulleitungen wiederum überwiegend männlich sind. In Kiel und Flensburg finden Sie überhaupt nur Männer als Schulleitungen von Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe. Was die Abschlüsse angeht, zeigt sich wieder ein bisschen das Bild von den zwei Realitäten, in denen wir offenbar leben. Frau Ministerin, ja: Die Noten beim MSA und beim ESA sind ein bisschen besser geworden. Aber die Zahl der Schülerinnen und Schüler an den Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe, die den MSA überhaupt schaffen, ist dramatisch niedriger geworden. Wir haben da mehr Schülerinnen und Schüler ohne Abschluss, weniger Schülerinnen und Schüler, die den MSA schaffen, und weniger Schülerinnen und Schüler, die nach der Gemeinschaftsschule ohne Oberstufe eine Oberstufe, sei es eine berufliche oder eine allgemeinbildende, überhaupt erreichen – also aus meiner Sicht eher Grund zur Sorge als zur Freude. Sie haben es gesagt: Es gibt einige Bereiche, in denen es keine Antworten gab. Das war für mich die erste Erkenntnis: Da müssen wir besser werden, vor allem bei bestimmten Fragen. Was wird unterrichtet? – Das ist ja eigentlich eine ziemlich zentrale Frage, die man so stellen kann. Welche Wahlfächer gibt es an den Gemeinschaftsschulen? Oder zum Beispiel: Wie viel Matheunterricht findet denn konkret statt? – Das wissen wir alles gar nicht. Wie viele Schülerinnen und Schüler an den Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe werden von einer Schulbegleitung begleitet? – Das ist ja nun ein Thema, das uns eigentlich jetzt seit Jahrzehnten begleitet und wo sich zwei Ministerien inzwischen auf die Spur geheftet haben, um da mal Daten zu erheben. Trotzdem können wir das nicht sagen. Wie viele Stellenausschreibungen braucht es, bis Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe ihre offenen Stellen besetzt haben? – Auch das kann nicht gesagt werden. Das will ich jetzt in einem konkreten Fall zur Anwendung bringen. Sie erhöhen die Zahl der Vergleichsarbeiten und der Datenblattgespräche und der datengeleiteten Schulentwicklung, aber Sie wissen nach so einer Mathevergleichsarbeit überhaupt gar nicht, wie viel Matheunterricht die Schülerinnen und Schüler denn überhaupt hatten. Welche Lehrkraft hat die denn überhaupt unterrichtet? Wie schwer war es für die Schule eigentlich, so eine Mathelehrkraft zu finden? Das gehört doch dazu, um hinterher die Matheleistungen der Schülerinnen und Schüler einordnen zu können. Zweite Erkenntnis: Die Landesregierung unterstützt die zu wenig, die es am dringendsten brauchen. Ich habe es schon gesagt: 136 Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe haben wir. 70.000 Schülerinnen und Schüler gehen da zur Schule. Es sind die Schulen mit dem höchsten Sozialindex und mit den größten Herausforderungen. Was bekommen sie? – Nicht das Maximum an Aufmerksamkeit, nicht das Maximum an ausgebildeten Lehrkräften, im Gegenteil: Es sind die Schulen in Schleswig-Holstein, die ihren Unterricht mit den am wenigsten ausgebildeten Lehrkräften gestalten. Frau Ministerin, Sie haben gesagt, nicht jede Stunde findet jederzeit statt. So kann man es auch sagen. Jede achte Stunde findet nicht planmäßig statt, meine Damen und Herren. (Martin Balasus [CDU]: Fallen sie dann automatisch aus?) Jede achte Stunde, neun Jahre nachdem Daniel Günther zur Landtagswahl angetreten ist und eine Unterrichtsgarantie versprochen hatte! (Zurufe: Ooh! – Zuruf Serpil Midyatli [SPD]) Zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler ohne Abschluss in Schleswig-Holstein kommen von den Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe. Beim Absentismus stellen wir fest, dass die Zahlen an Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe viermal höher sind als an Gymnasien oder Gemeinschaftsschulen mit Oberstufe. Das ist eben kein Betriebsunfall, und das ist auch nicht die Schuld dieser Schulen, sondern das ist die Folge von politischer Prioritätensetzung. (Beifall SPD)
