Peter Lehnert
Ich erteile jetzt für die Landesregierung der zuständigen Bildungsministerin Dr. Dorit Stenke das Wort. Dr. Dorit Stenke, Ministerin für Allgemeine und Berufliche Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur: Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! „Schule 2035“ lautet der Titel unseres Rahmenkonzeptes für die Schulen in SchleswigHolstein, das wir im Sommer 2025 veröffentlicht haben und das wir jetzt an den Schulen umsetzen. Gerne gebe ich Ihnen einen Überblick über die Inhalte und das Vorgehen, das wir damit verfolgen. Das möchte ich in verschiedenen Schritten tun, und Sie werden einige Punkte wiedererkennen, die in der Debatte schon eine Rolle gespielt haben. (Zuruf Martin Habersaat [SPD]) – Nein, ich rede nicht über Wutöschingen. (Heiterkeit) Ich möchte zum Rahmenkonzept im Detail gerne zum Datenblatt – das ist unsere Strategie zur Bereitstellung der Daten und zur Steuerung der Gespräche von Schule und Schulaufsicht –, zu den Lernstandserhebungen – unsere Strategie zur Diagnose von Lernständen im Bildungsverlauf – und zu unserem Vorhaben zur Schaffung der notwendigen digitalen Infrastrukturen sprechen. Ich beginne mit dem ersten Punkt. Mit dem aktuellen Rahmenkonzept zeichnen wir den strategischen Weg der Schul- und Unterrichtsentwicklung für das Land. Wir haben es eben gehört: Das Zentrale, das dieses Papier enthält, ist eine Zielformulierung für die nächsten zehn Jahre. Diese Zielformulierung – das haben wir heute auch mehrfach gehört – ist der Ausgangspunkt dafür, dass wir einen Horizont schaffen, um zu wissen, wohin wir eigentlich segeln wollen, und wir das nicht tun, ohne zu wissen, wo wir ankommen wollen. (Beifall CDU und vereinzelt BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) Wir benennen dort Ziele für die Weiterentwicklung der Schulen zur Kompetenz- und Leistungsorientierung unserer Schülerinnen und Schüler, genauso aber auch zur Schaffung von Wohlbefinden und Persönlichkeitsentwicklung unserer Schulen, um ein großes gemeinsames Ziel zu erreichen, bei dem ich glaube, dass wir hier im Hause Einigkeit haben, (Ministerin Dr. Dorit Stenke) nämlich endlich mehr Bildungsgerechtigkeit an unseren Schulen herzustellen. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Vor diesem Zielhorizont treffen Schulen fundierte Entscheidungen und steuern die Weiterentwicklung von Unterricht und Schulorganisation. Der zentrale Anspruch dabei ist, alle Schülerinnen und Schüler zu unterstützen, ihr individuelles Leistungspotenzial zu entfalten. Es ist die Aufgabe von Schulleitungen, dies vor Ort umzusetzen und insbesondere mit Blick auf die Diagnosemöglichkeiten und Förderangebote für Akzeptanz und für eine Zusammenarbeit im Kollegium zu sorgen, weil es auch darauf ankommt, dass sich die Kolleginnen gemeinsam dazu aufstellen. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Mit dem dazugehörigen Qualitätsrahmen, den wir als Umsetzungshilfe für die Schulen verstehen, vermitteln wir ein Qualitätsverständnis, das kohärent in unsere Bildungsziele eingebettet ist und die Schülerinnen und Schüler in den Mittelpunkt stellt. Damit komme ich zum zweiten Punkt. Ein wichtiges Element ist das Schuldatenblatt für alle allgemeinbildenden Schulen. Im Schuldatenblatt werden ausgewählte Daten der einzelnen Schulen im Vergleich zum Landesdurchschnitt dargestellt. Es gibt also sozusagen eine landesinterne Messlatte, an der man einmal schauen kann: Wo stehe ich mit meiner Schule mit meinen Schülerinnen und Schülern? Frau Waldinger-Thiering, es ist richtig, was Sie erwähnt haben: Wir haben das Datenblatt jetzt in zwei Runden erprobt. Wir sind gemeinsam mit Schulleitungen und Schulaufsichten in eine dritte Runde gegangen und haben es weiterentwickelt. Wir haben es auf den Prüfstand gestellt und gesagt, was jetzt tatsächlich die Daten sind, die wir brauchen und mit denen wir verbindlich weiterarbeiten wollen. Auf dieser Grundlage werden verbindliche Datenblattgespräche zwischen Schulleitungen und Schulaufsicht geführt. Das macht also jede Schulaufsicht mit all ihren Schulen einmal im Jahr. Das ist absolut neu, weil es in der Konsequenz noch nie vorher umgesetzt worden ist. Das führt dazu, dass jede Schule spezifische eigene Ziele ableitet und Maßnahmen vereinbart, um die basalen Kompetenzen zu sichern und die Leistungsentwicklung zu verbessern. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Die Schulaufsicht berät dabei und unterstützt die Schulen mit der Einführung passender Maßnahmen. Tatsächlich geht es hier auch um Ressourcen. Es geht nämlich beispielsweise darum, einen Leseband einzuführen. Es geht darum, mit dem Rechtschreibgrundwortschatz zu arbeiten oder die Mathezeit in den Schulen umzusetzen. Das sind Fördermaterialien, die wir für die Schulen bereitstellen. Wir stellen dafür die Ressourcen und Fortbildungen zur Verfügung, und wir evaluieren den Einsatz dieser Maßnahmen. Frau Riecke, Sie haben eines mit Recht angesprochen: Es müssen Maßnahmen umgesetzt werden, von denen wir wissen, dass sie wirken, und nicht irgendwelche Maßnahmen, die gerade en vogue sind. Von den drei genannten Maßnahmen wissen wir, dass sie wirken. Deswegen unterstützen wir deren Einsatz und stellen dafür auch entsprechende Fortbildungs- und andere Ressourcen zur Verfügung. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Das Datenblatt, das zunächst mit den PerspektivSchulen entwickelt wurde, wird jetzt stetig ausgebaut, um die Datenmenge verständlich zu vermitteln und um wirksame Maßnahmen systematisch und kohärent ableiten zu können. Auch das ist ein Punkt, der in der Debatte eine Rolle gespielt hat. Können die Schulen mit den Daten eigentlich gut arbeiten? Man muss feststellen: Manche Schulen konnten es nicht. Wir begleiten diesen Prozess. Damit werden wir kohärenter und systematischer werden. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Die Grundlage dafür ist die erwähnte Diagnose von Lernständen im gesamten Bildungsverlauf. Das ist mein dritter Punkt. Wir setzen hier mit standardisierten diagnostischen Verfahren an. Sie alle kennen die Kritik an VERA. Auch da stimme ich Ihnen zu. Das ist jetzt mehrfach gesagt worden. VERA hatte wirklich das Problem, dass keine Fördermaterialien hinterlegt waren. Man hatte das Ergebnis, und dann stand man da und hat sich gefragt: Was mache ich jetzt? Das wusste man manchmal nicht. Jetzt werden alle Maßnahmen von vornherein mit Fördermaterialien unterlegt. Das heißt, hinter LeA.SH liegen Angebote dazu, wie der einzelne Schüler in bestimmten Punkten unterstützt werden kann, die er nicht registriert hat. (Ministerin Dr. Dorit Stenke) Es dient auch dazu, zu schauen, wo eine Klasse steht. Wo habe ich Bedarfe? Muss ich vielleicht den Leseband schneller oder anders einführen? Müssen wir hier vielleicht häufiger oder weniger häufig eine schulische Assistenz einsetzen? Genau so kann eine gezielte Ressourcensteuerung in der Schule vorgenommen werden. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) LeA.SH bietet ein wissenschaftlich fundiertes und erprobtes, digitales Instrument. Auch das möchte ich noch einmal betonen. Hier wird nicht mit Papier und Bleistift irgendetwas in Kästchen angestrichen. Es ist ein digitales Instrument zur Diagnose, das sofort ein Ergebnis auswirft. Auch das ist wichtig. Ich muss es nicht erst auswerten, sondern ich kriege das Ergebnis auf dem Bildschirm angezeigt und kann sofort damit arbeiten. Mit der Diagnose dieser Lernausgangslagen in Deutsch und Mathematik sind entsprechende individuelle Empfehlungen zur Förderung der Schülerinnen und Schüler verbunden. In diese Strategie fügt sich natürlich auch EVi ein. Da arbeiten wir zusammen mit dem Sozialministerium an der Umsetzung. Wir unterstützen dabei einerseits die Kinder in der Kita, für die es entsprechend hinterlegte Ressourcen geben wird, und unterstützen andererseits an der Grundschule diejenigen, die diese Kinder qualifizieren und ihnen helfen, den Sprachstand zu erreichen. Auch dafür stellen wir zusätzliche Ressourcen bereit. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Wir haben an dieser Stelle immer auch betont: Im Mittelpunkt steht die Sprachförderung. Die Datenerhebung ist das notwendige Mittel zum Ziel der Förderung, aber kein Selbstzweck – weder in dem einen noch in dem anderen Fall. Im kommenden Schuljahr werden wir in Klassenstufe 2 mit LeA.SH 2 zunächst in Deutsch eine weitere Stufe zur Verfügung stellen. Wir haben es schon gehört: Mathematik und sozial-emotionale Entwicklung werden folgen. Wir werden das vorher natürlich erproben. Das machen wir im bundesweiten Kontext, weil wir unsere Entwicklungsressourcen sorgsam einsetzen wollen. VERA ist inzwischen mit didaktischem Material hinterlegt, sodass wir auch hier Unterstützungsmöglichkeiten haben. Die jeweiligen VERA-Ergebnisse sind – genauso wie die LeA-Ergebnisse es sein werden – ein wesentlicher Bestandteil des Datenblatts. Gemeinsam mit der Schulaufsicht wird überlegt: Was machen wir damit? Wie gehen wir weiter? Wie fördern wir weiter? Was müssen wir gegebenenfalls tun, um unsere Ressourcen gezielt einzusetzen? Ich komme zum Abschluss. Wie wird das alles technisch basiert? Wir erfassen die Datennutzung durch School-Sh. Das ist unsere einheitliche Verwaltungssoftware an den Schulen. Ich würde es nicht geringschätzen, dass das eine enorme Entlastung ist, weil man dort tatsächlich alle Daten an Schule digital hinterlegen kann. Das, was wir vorher in den schicken, kleinen Büchern hatten, die auch ihren Charme hatten, haben wir jetzt digital hinterlegt. Da sind jetzt fast alle allgemeinbildenden Schulen angeschlossen; ein paar wenige fehlen noch. Bis 2028 werden auch die beruflichen Schulen dabei sein. Für weitere Zwecke werden wir die Daten durch ein Projekt nutzbar machen, das wir DaTUM nennen. DaTUM steht für „Daten für Taten, Unterrichtsentwicklung und Monitoring“ und ist eine zentrale Auswertungs- und Berichtsplattform. Auch das ist gerade angemahnt worden. Wir sind dabei, diese Plattform auf den Weg zu bringen. Damit stellen wir sicher, dass Daten gezielt und rechtebasiert eingesehen und genutzt werden können. Denn wir müssen die Datenschutz-Grundverordnungen anwenden. Das können wir in diesem geschützten Raum tun. Für die Schüler-ID werden wir noch in diesem Jahr die gesetzlichen Grundlagen schaffen. Das ist ein weiterer Baustein in der datenbasierten Schulentwicklung. Sie wird die Bildungsbiografie eines Schülers oder einer Schülerin sichtbar machen und kann die Basis für weitere Förderung bilden. In School-SH, das ist die Verwaltungssoftware, sie wurde schon angesprochen, ist die Schüler-ID bereits heute hinterlegt. Wir müssen jetzt allerdings die Daten für die weitere Verwendung bereitstellen und uns dafür eine entsprechende Ermächtigungsgrundlage schaffen. Das ist eine technische und eine rechtliche Herausforderung. Beides sind wir dabei anzugehen und werden es noch in diesem Jahr finalisieren. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Sehr geehrte Damen und Herren, Aufgabe der Politik ist es, Bildung als langfristigen Prozess zu gestalten, wie wir es mit Schule 2035 tun. Umsetzen müssen es die Menschen im System. Hier liegt die Expertise bei den Schulleitungen, Lehrkräften (Ministerin Dr. Dorit Stenke) und Schulaufsichten. Die in Schleswig-Holstein datenbasierte Schul- und Unterrichtsentwicklung ist keine Vision mehr. Sie ist längst voll in der Umsetzung. Wir geben klare Rahmenbedingungen, Leitlinien und Entscheidungshilfen vor. Gemeinsam mit den Vertreterinnen und Vertretern der verschiedenen Zielgruppen werden wir diesen Prozess weiterentwickeln. Ich danke Ihnen herzlich, dass auch Sie im Landtag uns dabei unterstützen. – Danke schön. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
