Martin Balasus
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Stellen Sie sich ein Kind in der 4. Klasse vor. Neugierig, wissbegierig, voller Vorfreude auf die neue Schule. Die Eltern wünschen sich natürlich das Beste für ihr Kind und entscheiden sich fürs Gymnasium. Doch schon nach wenigen Wochen wird eines deutlich: Das Tempo ist zu hoch, die Anforderungen sind zu anspruchsvoll, die ersten Klassenarbeiten fallen enttäuschend aus. Aus anfänglicher Begeisterung wird Unsicherheit, aus Unsicherheit wird Frust, und irgendwann verliert dieses Kind möglicherweise den Spaß am Lernen. Ich sage Ihnen, als Klassenlehrer am Gymnasium der 5. Klasse habe ich das mehrfach miterlebt. Dass man das mal miterlebt, ist ganz normal, aber dass es gehäuft auftritt, muss uns natürlich zu denken geben. Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich finde, genau das müssen wir doch verhindern. (Beifall CDU und Lasse Petersdotter [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]) Im Sinne des Wohles der Kinder muss gelten: Jedes Kind sollte möglichst an der Schule lernen, an der es gemäß seiner Fähigkeiten, Begabungen und Leistungsfähigkeit am besten aufgehoben ist. Nicht Wunschdenken darf leitend sein, sondern eine realistische und pädagogisch fundierte Entscheidung. Zum Schuljahresbeginn 2025/2026 wechselten in Schleswig-Holstein 46,6 Prozent der Viertklässler auf ein Gymnasium, rund 35 Prozent auf eine Gemeinschaftsschule ohne Oberstufe und 18,5 Prozent auf eine Gemeinschaftsschule mit Oberstufe. Fast die Hälfte der Kinder strebt also mittlerweile direkt ans Gymnasium. Vor 30 Jahren sah die Zahl noch ganz anders aus: Ein Drittel war es damals – 20 Prozentpunkte weniger. Der Antrag der FDP greift also eine sehr berechtigte Frage auf. Wie gestalten wir einen verantwortungsvollen Übergang von der Grundschule auf die weiterführende Schule im Sinne des Kindes? In der Jamaikakoalition haben wir die schriftliche Schulartempfehlung wieder eingeführt. Eltern haben mithilfe des professionellen Blicks der Lehrkräfte eine bessere Grundlage, die Leistungen, Möglichkeiten und Entwicklungsmöglichkeiten ihrer Kinder realistisch zu beurteilen. Dennoch bleibt am Ende der Elternwille entscheidend. Nach wie vor gibt es immer wieder Fälle von Überforderung, so wie ich vorhin beispielhaft skizziert habe, und in der Folge Schulartenwechsel, was nicht immer ganz einfach ist. Ja, und das ist für die betroffenen Kinder häufig mit Enttäuschung und manchmal auch mit dem Gefühl des Scheiterns verbunden. Ich halte es deshalb für legitim, über stärkere Steuerungsinstrumente nachzudenken. Ein Blick nach Baden-Württemberg zeigt, dass auch andere Länder jüngst den Weg einer Stärkung der fachlich-pädagogischen Perspektive eingeschlagen haben. Dort existiert ein Verfahren, das neben der Grundschulempfehlung die Möglichkeit eines Potenzialtests vorsieht – das wurde eben auch gesagt –, wenn Eltern und Schule zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen, also nur, wenn man nicht deckungsgleich unterwegs ist. Kinder, die keine gymnasiale Empfehlung erhalten, können über diesen Test nachweisen, dass sie dem Anforderungsniveau am Gymnasium gewachsen sind. (Martin Balasus) Dieses Verfahren ist sicher kein Allheilmittel, aber es ist ein strukturierter Ansatz, Eignung transparenter zu überprüfen. Ein solches Modell sollte man nicht vorschnell bewerten – das liegt ja nun hier vor –, Erfahrungen sind noch nicht einschlägig bekannt. Ich finde, man sollte es sorgfältig analysieren. Welche Effekte hat das Ganze auf die Leistungsentwicklung, wie wirkt es sich auf Motivation, wie wirkt es sich auf Selbstvertrauen aus? Trägt es dazu bei, unnötige Überforderungen zu vermeiden? Ich finde, all diese Fragen verdienen eine sachliche Prüfung. (Beifall CDU, FDP, Lasse Petersdotter [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] und Uta Röpcke [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]) Deshalb – ich sage das ganz deutlich – geht es hier nicht um Abschottung oder um Selektion, es geht um Passgenauigkeit. Wer dauerhaft überfordert ist, verliert Motivation. Wer hingegen an einer Schule lernt, die zu den eigenen Stärken passt, kann Selbstvertrauen entwickeln und Erfolge erleben. Das ist gelebte Bildungsgerechtigkeit für mich. (Zuruf Martin Habersaat [SPD]) Meine Damen und Herren, innerhalb der Koalition haben wir da, glaube ich zumindest, nicht 100 Prozent eine deckungsgleiche Vorstellung. Das ist ja auch in Ordnung. (Beifall Malte Krüger [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] und Martin Habersaat [SPD]) – Ja, danke, Kollege Krüger klatscht. Das ist ja auch in Ordnung, das muss ja auch nicht immer so sein. Die Koalitionsfraktionen von CDU und Grünen – – (Unruhe)
