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Annabell Krämer

FDP 26.02.2026 Sitzungen 20/112

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Werte Kollegen! Wenn ich nicht dünn bin, bin ich nicht attraktiv. Dünn sein ist wichtiger als gesund sein. Das sind nur zwei der zehn Gebote der Pro-Ana-Bewegung. Essstörungen sind in unserem Land keine Randerscheinung. Das haben wir eben gehört. Nein, sie sind schwere psychische Erkrankungen und mit wirklich großem Leid für Betroffene und Familien sowie erheblichen Folgekosten für unser Gesundheitssystem verbunden. Der Bericht der Landesregierung macht einiges deutlich. Anorexia nervosa – Magersucht – ist die psychische Erkrankung mit der höchsten Sterblichkeit. Das verpflichtet uns zum Handeln, meine werten Kollegen. (Beifall FDP und SSW) Ich möchte feststellen, dass der Bericht fachlich breit angelegt und wissenschaftlich unterlegt ist, und dafür danke ich ausdrücklich. Doch ein Bericht darf kein Selbstzweck sein, und wie ich das eben so vernommen habe, habe ich das Gefühl, als sei alles gut in unserem Land. Es war eine Auflistung, aber es kam nichts dazu, welche Schlüsse wir aus diesen eklatanten Zahlen ziehen. Das hat mich ehrlich gesagt erschreckt. Es gab nichts dazu, was die Landesregierung angeht, um diese exorbitant hohen Zahlen zu reduzieren. Was fehlt, sind belastbare, differenzierte Steuerungsdaten für Schleswig-Holstein: Wie lange warten Betroffene aktuell auf einen Therapieplatz? Dazu sagt der Bericht gar nichts. Wie viele Therapieabbrüche gibt es? Es gibt keine Daten. Wie viele stationär Behandelte finden anschließend nahtlos (Annabell Krämer) ambulante Anschlussversorgung? Zahlen hierzu: Fehlanzeige. Wie hoch ist die Rückfallquote? Auch hier lässt der Bericht Raum für Interpretation. Wir lesen viel über Risikofaktoren, aber wenig über Versorgungsrealität. Werte Kollegen, gerade bei Essstörungen ist Zeit ein kritischer Faktor. Frühzeitige Intervention entscheidet häufig darüber, ob eine Erkrankung chronisch wird. Doch wir haben keine Informationen darüber, ob unser Versorgungssystem früh genug greift. Ja, Social Media verstärkt das Problem. Körperunzufriedenheit und Essstörungssymptome korrelieren mit erheblicher Social-Media-Nutzung. Aber die Kausalität ist auch nicht eindeutig. Daraus ergibt sich auch für uns eine politische Aufgabe. Wir müssen eins wissen: Werden Lehrkräfte auf die ganzen erheblichen Probleme richtig vorbereitet? Gibt es eine Evaluation der Programme? Der Bericht nennt zwar Präventionsangebote, aber keine übergeordnete Strategie. Das Projekt Gänseblümchen in Kiel von Eß-o-Eß ist ein guter Ansatz, wie ich finde. Werte Kollegen, doch Essstörungen kennen keine Stadtgrenzen. Sie entstehen im Zusammenhang psychosozialer, familiärer und gesellschaftlicher Faktoren. Das erfordert Koordination. Darum fordern wir, das Thema Essstörungen fest in die Fachanforderungen der Schulen mit aufzunehmen. Kinder müssen frühzeitig über körperliche und psychische Folgen aufgeklärt werden. Ein erheblicher Anteil stationär behandelter Patientinnen und Patienten ist unter 14 Jahre alt. Wenn das Erkrankungsalter sinkt, müssen Hilfesysteme früher greifen. Gibt es genug spezialisierte Angebote für Kinder unter 14 Jahren? Wie funktioniert die Kooperation zwischen Kinder- und Erwachsenenpsychiatrien? Sind Übergänge strukturiert, oder entstehen erhebliche Versorgungslücken? Auch soziale Faktoren spielen übrigens eine Rolle bei Essstörungen. Menschen mit geringem Einkommen erkranken doppelt so häufig wegen mangelnder Gesundheitskompetenz. Warum sind also Medien- und Gesundheitsbildung nicht stärker verankert, um genau dieser Schieflage entgegenzuwirken? Wir brauchen keine Symbolpolitik oder Social-MediaVerbote. Wir brauchen Bildung, Aufklärung und Sensibilisierung für Kinder, Eltern, Lehrkräfte und für die gesamte Gesellschaft. Essstörungen sind komplexe Erkrankungen mit vielen Ursachen. Also brauchen wir systematische Lösungen, bessere Datengrundlagen, frühzeitige evidenzbasierte Prävention, Stärkung der Gesundheitsund Medienkompetenz, klare Ressortkooperation und einen schnellen Zugang zu Therapie. (Beifall FDP, SPD, SSW und Jasper Balke [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]) Das ist ganz wichtig, denn – das ist mir ganz wichtig, das hier zu betonen –: Bei Essstörungen entscheidet Zeit über Lebensverläufe. Wir sollten daher diesen Bericht nicht als Abschluss betrachten, sondern als Auftrag, die Lücken zu schließen, die er sichtbar macht. Deshalb würde ich mich sehr über eine Ausschussüberweisung freuen. Meine Damen und Herren, wir haben es gehört: Nach Corona hat sich alles verfestigt. Wer mit offenen Augen durch Schulen geht, sieht das Problem, sieht diese Fokussierung auf das äußere Erscheinungsbild insbesondere bei jungen Mädchen. Ich finde, wir haben dort ein gesellschaftliches Problem. Es ist schlimmer geworden. Es ist wirklich evident. Ich bitte Sie ganz herzlich: Lassen Sie uns Verbesserungen in der Prävention und in der Versorgung vornehmen. – Herzlichen Dank. (Beifall FDP, SPD, SSW und Jasper Balke [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])

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