Sophia Schiebe
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleg_innen! Die Bildungsleitlinien beschreiben sehr präzise, wie gute frühkindliche Bildung aussehen soll. Sie formulieren einen professionellen Anspruch, sie stellen Beziehungen, individuelle Förderung, Inklusion und Reflexion in den Mittelpunkt. Daran ist fachlich nichts auszusetzen. Doch Qualität entsteht nicht alleine durch einen Text, sie entsteht durch Zeit, Personal und verlässliche Strukturen. Wenn wir das ernst nehmen, dann müssen wir auch bereit sein, über Voraussetzungen zu sprechen. (Beifall SPD, SSW und Dr. Heiner Garg [FDP]) Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft in Schleswig-Holstein hat 2025 erneut Fach- und Leitungskräfte zu ihren Arbeitsbedingungen befragt. 169 Beschäftigte haben sich beteiligt, und die Ergebnisse sind eindeutig und zeigen ein ganz anderes Bild über die Kitas in Schleswig-Holstein als der Ministerpräsident heute Morgen in der Regierungserklärung. (Beifall SPD, SSW und Dr. Heiner Garg [FDP]) Denn 86 Prozent der Fachkräfte arbeiten regelmäßig über ihre Belastungsgrenze. 83 Prozent geben an, ihren eigenen fachlichen Ansprüchen unter den gegebenen Bedingungen nicht mehr gerecht werden zu können. Und 74 Prozent sind mit ihren Arbeitsbedingungen unzufrieden. Das sind keine Einzelfälle. Das ist ein ernstzunehmendes strukturelles Signal. Wer diese Zahlen hört, kann sie nicht einfach als Randnotiz behandeln. (Beifall SPD, SSW und Dr. Heiner Garg [FDP]) Was bedeutet das konkret? – Ein Großteil der Fachkräfte erlebt seinen Arbeitsalltag nicht mehr als gestaltbar, sondern als ein ständiges Improvisieren unter Zeitdruck. Pädagogische Planung wird zur Ausnahme. Professionelle Standards geraten unter Druck. Motivation allein kann strukturelle Defizite nicht dauerhaft ausgleichen. Das wissen wir, und genau deshalb dürfen wir uns nicht mit gelegentlichen Appellen begnügen. Mehr als die Hälfte der Befragten berichteten, dass Vor- und Nachbereitungszeiten nicht verlässlich nutzbar sind. Planung, Dokumentation und Elterngespräche werden in die private Freizeit verlagert oder parallel zur Arbeit am Kind erledigt. Teamreflexion findet häufig nur noch zwischen Tür und Angel statt. Damit verschiebt sich professionelle Arbeit in den privaten Raum. Ich glaube, wir sind uns einig, dass professionelle Verantwortung nicht auf stillschweigende Mehrarbeit im Privaten bauen darf. Gleichzeitig wird die gesetzlich verankerte Mindestanwesenheit massiv kritisiert. Die Möglichkeit, zeitweise alleine mit großen Gruppen arbeiten zu müssen, führt dazu, dass Einrichtungen trotz personeller Unterbesetzung geöffnet bleiben. Pädagogische Arbeit reduziert sich unter diesen Bedingungen häufig allein auf die Aufsicht. Das steht in einem klaren Spannungsverhältnis zu dem, was wir mit den Bildungsleitlinien eigentlich erreichen wollen. Diesen Widerspruch sollten wir nicht kleinreden, sondern offen benennen. (Beifall SPD und Dr. Heiner Garg [FDP]) Denn dort fordern wir differenzierte Beobachtung, wir fordern individuelle Förderung, wir fordern Inklusion, wir fordern Dokumentation und Kooperation. All das ist fachlich richtig. All das braucht aber auch Ressourcen. Und Ressourcen müssen politisch gesichert werden und dürfen nicht nur pädagogisch gewünscht sein. Wer hohe Erwartungen formuliert, muss auch Mittel bereitstellen, mit denen diese erfüllt werden können. (Beifall SPD und Christian Dirschauer [SSW]) 65 Prozent der Befragten gaben an, dass sich ihre Arbeitsbedingungen seit Inkrafttreten des neuen Kindertagesstättengesetzes verschlechtert haben. Krankenstände steigen, Leitungskräfte berichten, dass sie regelmäßig im Gruppendienst einspringen müssen, weil die Vertretungssysteme fehlen. Gleichzeitig nimmt der administrative Aufwand zu. Das bedeutet, der pädagogische Anspruch wächst, während die strukturelle Absicherung nicht im gleichen Maße mitwächst. Diese Schieflage lässt sich nicht dauerhaft mit Engagement und Idealismus kompensieren. Sie betrifft nicht einzelne Einrichtungen, sondern weist auf ein systemisches Ungleichgewicht hin. Genau deshalb handelt es sich nicht um ein Detailproblem, sondern um eine politische Kernfrage. (Sophia Schiebe) (Beifall SPD und FDP) Und so nebenbei: Das Investitionspaket „KiTa für Alle“ hat sicherlich spannende Ansatzpunkte, aber bei den von mir benannten Punkten löst es leider keines der Probleme. Im Sozialausschuss wurden die Ergebnisse dieser GEW-Umfrage teilweise relativiert. Man verwies auf die Stichprobengröße oder dass es sich allein um eine gewerkschaftliche Perspektive handelt. Das kann man sicherlich so bewerten. Aber wer Zweifel hat, trägt auch Verantwortung, diese Zweifel zu klären. Genau darum geht es heute. Daher ist es vielleicht zum Abschluss total schön, dass die regierungstragenden Fraktionen jetzt endlich einsehen, dass man eine wissenschaftliche fundierte Abfrage zu den Arbeitsbedingungen auf den Weg bringen muss. Es wäre aber von größerer Haltung gewesen, wenn Sie sich einfach unserem Antrag angeschlossen hätten. – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. (Beifall SPD und FDP)
