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Dr. Michael Schunck

SSW 30.01.2026 Sitzungen 20/110

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Als Erstes möchte ich eines ganz klar und unmissverständlich betonen: Der SSW bekennt sich ohne Wenn und Aber zu den Klimazielen unseres Landes. Auch wir wollen die Klimaneutralität bis zum Jahr 2040 erreichen und haben dieses ehrgeizige politische Ziel daher bislang immer aktiv unterstützt. Allerdings lehnen wir die Richtung, die die Landesregierung in dieser entscheidenden Frage nun eingeschlagen hat, kategorisch ab. Es ist der Versuch, diese Klimaziele mit Hilfe der CCS-Technologie zu erreichen, was in unseren Augen schlichtweg der falsche Weg ist. Warum lehnen wir CCS so entschieden ab? In Ihrem Antrag, liebe Kolleginnen und Kollegen der Koalition, steht, dass CO nach dem „Carbon Cap2 ture and Utilization“-Prinzip aus Industrie-Emissionen abgeschieden werden soll. Doch was passiert dann? Wohin soll dieses angereicherte CO eigent2 lich verbracht werden? Mündet es etwa in die von Ihnen so propagierten biogenen Kohlenstoffketten-Kreisläufe? Nein, denn das kann es technisch gar nicht. Dieses CO ist nicht in organischen 2 Kohlenstoffverbindungen wie Cellulose oder Stärke gebunden. Diese sind aber Grundvoraussetzung für die Pflanzenverkohlung. Vielmehr stammt das emittierte CO aus fossilen Brennstoffen wie Öl 2 oder Gas. Ergo wollen Sie dieses industrielle CO mittels 2 CCS in der Nordsee tief unter der Erde verpressen. Damit ist das Problem aber nicht gelöst, sondern lediglich verschoben – ganz nach dem Motto: „Aus den Augen, aus dem Sinn“. Weit gefehlt! Das Gas ist nur woanders, und ob es dort auch dauerhaft bleibt, kann heute niemand mit hundertprozentiger Sicherheit garantieren. Niemand kann Leckagen ausschließen; im Gegenteil, Experten halten sie sogar für wahrscheinlich. Im Falle, dass diese „CCSBlase“ einmal platzt, ist eine Rückholbarkeit des Gases schlicht unmöglich. Unterirdische Kavernen sind schließlich kein Fahrradschlauch, aus dem man mal eben die Luft ablässt. Wir fürchten daher, dass hier mit CCS ein milliardenschweres, unkontrollierbares Monster aufgebaut wird, das am Ende nur dazu dient, die fossile GasLobby zu stärken. Daher sagen wir vom SSW ganz deutlich: Die beste Klimaschutzmaßnahme ist die konsequente Vermeidung von Emissionen. Klimaschutz beginnt nicht mit dem nachträglichen Absaugen von CO , sondern mit dessen Vermeidung 2 an der Quelle. Natürlich wissen auch wir, dass es unvermeidbare Restemissionen in der Zement- oder Kalkindustrie geben wird. Die Frage ist aber, wie wir damit um- (Dr. Michael Schunck) gehen. Der SSW appelliert hier an naturbasierte Lösungen. Wir haben im Land enorme Potentiale, die wir heben müssen: die Wiedervernässung der Moore und die Neuwaldbildung, um einige Beispiele zu nennen. Hier liegen wir jedoch noch weit hinter den selbst gesetzten Zielen zurück. Ein weiterer Mosaikstein könnte die Produktion von Pflanzenkohle sein. Hier wird CO verarbeitet, dass über 2 den faszinierenden Umweg der Photosynthese in Form von Cellulose gebunden ist und eben nicht direkt aus den Schloten der Industrie stammt. Dieser organische Kohlenstoff kann durch Fermentierung als Pflanzenkohle langfristig im Boden gespeichert werden. Das verbessert nicht nur die Bodenqualität, sondern dient auch als wichtiger Wasserspeicher für unsere Landwirtschaft. Sogar die Mahd auf Moorflächen, etwa Sauergräser wie Seggen und Binsen, ließe sich so sinnvoll verkohlen. Und das wäre keine Binsenweisheit. Das wäre ein echtes Wirtschaftsfeld für unsere Landwirte, zum Beispiel in der Eider-Treene-Sorge-Niederung. Wir sind technologieoffen, aber wir lassen uns nicht „verkohlen“. Solange Ihr Antrag hinsichtlich des anorganischen Kohlenstoffs aus Fabrikschloten unklar bleibt und auf das Risiko CCS setzt, lehnen wir ihn ab. Tobias Goldschmidt, Minister für Energiewende, Klimaschutz, Umwelt und Natur: Sehr geehrte Frau Präsidentin! Der Landtag beschäftigt sich heute mit den so genannten negativen Emissionen von Treibhausgasen. Aus meiner Sicht beleuchtet er damit einen wesentlichen Aspekt von Klimaschutz, der jedoch meist weniger im Rampenlicht steht. Wir wollen Schleswig-Holstein bis 2040 zu einem klimaneutralen Land machen. Das haben wir uns mit der 2. Novelle unseres Energiewendeund Klimaschutzgesetzes vorgenommen. Und deshalb zeigt diese Landesregierung insgesamt auch ein ambitioniertes Vorangehen beim Klimaschutz. Wir wissen aber auch, dass wir nicht alle Treibhausgasemissionen in allen Sektoren einsparen werden können. Nicht in Schleswig-Holstein, nicht in Deutschland und nicht weltweit. Und wir wissen, dass der Atmosphäre in den nächsten Jahren insgesamt zu viel CO zugeführt wird. Schleswig-Hol2 stein wird also auch 2040 – alleine schon aufgrund natürlicher Prozesse – noch bedeutende Restemissionen produzieren und gleichzeitig CO wieder 2 aus der Atmosphäre entnehmen müssen. Diese Restemissionen liegen in Deutschland voraussichtlich im Bereich von mehreren Millionen Tonnen CO₂- Äquivalenten pro Jahr. Wir reden dann von negativen Emissionen. Nur so können wir auch per Saldo bei null Emissionen landen. Dafür brauchen wir Treibhausgassenken und Speicher, die das aufnehmen, was wir nur schwer oder gar nicht vermeiden können – Restemissionen aus Landwirtschaft, Industrie und Abfallwirtschaft. Prädestiniert hierfür sind unsere natürlichen CO - 2 Senken. Das sind unsere Moore, Wälder, Seegraswiesen und Makroalgenbestände. Sie müssen wir schützen, erhalten, wiederherstellen und ausbauen. Das Land ist hier schon tätig, wie zum Beispiel mit dem Programm Biologischer Klimaschutz. Allein die Wiedervernässung von Mooren kann bei uns im Land – je nach Umfang – über eine Million Tonnen CO₂-Emissionen vermeiden oder dauerhaft binden. Damit erzielen wir gleich mehrere Effekte: Wir entziehen der Atmosphäre CO und schützen das 2 Klima, während wir gleichzeitig auch die Vielfalt an Arten und Lebensräumen, die Gewässer oder Böden schützen. Der Schutz und die Wiederherstellung dieser biologischen Senken als natürliche CO - 2 Speicher sollte für uns Vorrang haben. Allerdings sind auch unsere natürlichen CO -Speicher durch 2 die Klimakrise bedroht. Dürren oder Hitzewellen können dazu führen, dass Moore - zumindest zeitweise – trockenfallen, Wälder verdorren und die Meere überhitzen. Sie können dann ihre Funktion als natürlicher CO -Speicher nicht mehr voll ausfül2 len und das zuvor gespeicherte CO wird wieder 2 freigesetzt. Deshalb können Verfahren zu negativen Emissionen beitragen, bei denen Biomasse energetisch genutzt und das CO anschließend entweder gebunden 2 oder abgeschieden und weiterverwendet wird. In der Diskussion stehen zum Beispiel die Herstellung von Pflanzenkohle oder die Abscheidung von CO 2 an Biogasanlagen mit anschließender Kreislaufführung. Für diese technischen Methoden zur Speicherung und Nutzung von CO bestehen allerdings 2 noch viele Unsicherheiten. Das betrifft sowohl die Messung beziehungsweise Quantifizierung der gebundenen Emissionen als auch die Märkte für die entsprechenden Produkte. Nach heutigem Stand sprechen wir bei diesen Verfahren jedoch nicht von Millionen, sondern eher von einigen zehntausend bis hunderttausend Tonnen CO₂ pro Jahr. Und das auch nur dann, wenn ökologische Standards, eine verlässliche Dauerhaftigkeit der Speicherung sowie Wirtschaftlichkeit gewährleistet sind. Dazu gehören auch Sicherheits- und Umweltstandards. In einigen dieser Punkte gehen die EU und der Bund erste Schritte. Hier im Norden haben sich bereits Unter- (Minister Tobias Goldschmidt) nehmen auf den Weg gemacht und produzieren zum Beispiel Pflanzenkohle. Dass sich der Landtag zu diesem Zeitpunkt mit der Thematik und den notwendigen Rahmenbedingungen auseinandersetzt, halte ich daher für richtig. Es werden sich hier auch neue Geschäftsmodelle ergeben. Es ist gut und richtig, innovative Ansätze und Unternehmen frühzeitig zu begleiten. Allerdings ist es wichtig, sich immer wieder klar vor Augen zu führen: das Entziehen von CO aus der Atmosphäre 2 ist kein Allheilmittel, sondern eine zusätzliche Notwendigkeit, die sich vor allem aus verschlepptem und nicht ausreichendem Klimaschutz ergibt. Negative Emissionen werden deshalb auch bei uns vor allem eine ergänzende Rolle spielen können. Sie ersetzen keine Emissionsminderung. Jeder heute vermiedene Ausstoß von CO₂ spart uns morgen den aufwändigen und teuren Versuch, dieses schädliche Klimagas wieder aus der Atmosphäre zu holen. Das beste und günstigste Mittel gegen die Klimakrise sind der schnelle Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen und der Erhalt der natürlichen Kohlenstoffsenken. Und lassen Sie mich mit einem letzten Gedanken schließen: Knapp sechs Prozent des CO , das seit 2 der Industrialisierung weltweit in die Atmosphäre gelangt ist, kommt aus Deutschland. Damit ist die Frage negativer Emissionen nicht nur eine technische oder ökologische – sie ist auch eine Frage unserer internationalen und historischen Verantwortung. – Vielen Dank!

Alle Reden von Dr. Michael Schunck Protokoll ↗