Hauke Hansen
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! 2024 hat das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit zur Organ- und Gewebespende eine Umfrage in der Bundesrepublik Deutschland gestartet. Der ganz überwiegende Teil der Bevölkerung – genauer: 81 Prozent – standen der Organspende positiv gegenüber. Das ist auch logisch zu erklären: Wir als Menschen sind grundsätzlich soziale Wesen. Wenn mir persönlich eine Sache keinen Nutzen mehr bringt, weshalb sollte ich dann nicht einem anderen Menschen damit helfen? Wozu Herz, Lunge, Leber, Niere, Bauchspeicheldrüse oder den Darm mit ins Grab nehmen, wenn man durch die Spende dieser Organe sogar Menschen die Chance geben kann, weitere Jahre glücklich, gesünder hier auf dieser Erde zu leben? Ich persönlich finde es gut, dass Menschen in Deutschland die Wahl haben, sich zu entscheiden. Ich möchte mich hier im Namen aller Kolleginnen und Kollegen bei allen bedanken, die sich bereits heute aktiv für eine Organspende entschieden haben. (Beifall CDU, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und SPD – Zuruf Dr. Heiner Garg [FDP]) Übrigens: Heute kann man mit 16 Jahren aktiv der eigenen Organspende zustimmen; ab 14 Jahren kann man nach jetziger Rechtslage heute dieser widersprechen. Leider ist es Fakt, dass weiterhin regelmäßig Menschen in Schleswig-Holstein versterben, weil sie nicht rechtzeitig ein Spenderorgan erhalten haben. Bundesweit gibt es viel zu wenig Organspender – die Ministerin hat die Zahlen genannt. Die Lü- (Hauke Hansen) cke zwischen gespendeten und benötigten Organen klafft weit. Vor diesem Hintergrund ist es sehr ungünstig, dass es eine ganze Reihe von Menschen gibt, die sich noch nicht festgelegt haben. Häufig haben sich die Menschen noch keine Gedanken zu dem Thema gemacht, und das ist auch gut nachvollziehbar. Sich mit dem eigenen Tod zu beschäftigen, ist keine Sache, die wirklich Freude bereitet. (Peter Lehnert [CDU]: Das stimmt!) Unwissenheit und Angst spielen zudem eine große Rolle: Werden mir lebenswichtige Organe entnommen, obwohl ich gar nicht hirntot bin und ich noch weiterleben könnte? Solche Zweifel sprechen ganz, ganz häufig Menschen an, die sagen: Ich will mich dann doch lieber nicht festlegen. Aber ohne eine Auseinandersetzung mit der Endlichkeit des Lebens und einer Entscheidung pro oder contra Organspende ist es nur schwer möglich, mehr Menschen davon zu überzeugen, zu sagen: Ja, ich persönlich mache das. Ich persönlich empfinde diese innere Auseinandersetzung auch als zutiefst sinnstiftend, und ich habe gleichzeitig allergrößten Respekt vor den Menschen, die für sich persönlich entschieden haben – aus welchen Gründen auch immer: Ich möchte kein Organ spenden. Auch das ist möglich. Wir müssen uns als Gesellschaft fragen: Wie schaffen wir es, die Anzahl der Organspenderinnen und Organspender zu erhöhen? Meiner Meinung nach sind wir das allen Betroffenen, die auf ein Organ warten, wirklich schuldig – und auch deren Angehörigen und deren ganzem Freundeskreis, die unter dieser Situation leiden. Wir sollten es also jedem Bürger und jeder Bürgerin zumuten, dass man sich einmal mit dieser Situation auseinandersetzen muss. Ein Blick ins Nachbarland Österreich zeigt, wie eine Widerspruchslösung die oben genannte Lücke reduzieren und benötigte Organe in weiten Teilen sozusagen zur Verfügung stellen kann. Die österreichische Lösung besagt, dass jeder Mensch, der in Österreich verstirbt, als potenzieller Organspender gilt – es sei denn, die Person hat zu Lebenszeiten widersprochen und den Widerspruch in einem Register hinterlegt. Diese Regelung gilt in Österreich übrigens auch für Urlauber. Wem es also ein Anliegen ist, nicht zu spenden, der muss selbst aktiv werden. Angehörige haben kein Mitspracherecht. Wenn man mit Ärzten spricht, die solche Gespräche mit Angehörigen führen, hört man ganz häufig, dass es eine Last für die Angehörigen sei, diese Entscheidung zu treffen. Sie haben Angst, Fehler zu machen, und im Zweifel sagen sie Nein – aus Furcht, den Willen des Verstorbenen nicht umzusetzen. Wir bekräftigen mit diesem Berichtsantrag die Bitte an den Bund, eine Entscheidung zu diesem Thema herbeizuführen. Jeden Tag sterben Menschen, weil für sie kein passendes Organ gefunden werden kann, gefunden werden konnte. Lassen Sie uns das gemeinsam ändern. Lassen Sie uns diesen Menschen eine Chance auf ein Weiterleben geben. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall CDU, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und SPD)
