Beate Raudies
So ist es!) Ist das jetzige Monitoring-Format sinnvoll? Liefert es die richtigen Erkenntnisse über die Gewalt an Schulen? – Bereits in der Einleitung wird erklärt, dass nur Fälle, die eine Maßnahme nach dem Schulgesetz zur Folge hatten, in die Auswertung aufgenommen wurden. Nur wenn ein Schulverweis oder eine Versetzung in die Parallelklasse beziehungsweise an eine andere Schule als Konsequenz folgte, wurden die Vorfälle gemeldet. Deshalb wird auch erklärt, dass die vorliegenden Zahlen keinen vollständigen Überblick über die Gewaltvorfälle an Schulen liefern, sondern lediglich eine Indikatorfunktion aufzeigen. Aber was sind genau diese Indikatoren? Anscheinend sind die Indikatoren sehr subjektiv und auch nicht vergleichbar. Denn ob ein Tatbestand zu einem Schulverweis oder ähnlichem führt, entscheidet die Schule beziehungsweise der Schulleiter individuell. Hierfür gibt es anscheinend keine verbindlichen Standardbewertungen. Die Auswertung macht deutlich, dass man bei der Bewertung der Fälle sehr vorsichtig sein muss. Von 794 allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen und Förderzentren im Land haben im Schuljahr 2024/2025 nur 155 Schulen Vorfälle gemeldet. Von diesen 780 Vorfällen verteilen sich über 150 Vorfälle auf zwei Förderzentren. Was bedeutet das in der Auswertung? Was passiert da? Ist das nicht ein Alarmsignal? Auch die Tatsache, dass über 70 Prozent der gemeldeten Tatbestände von Schülerinnen und Schülern unter zwölf Jahren begangen wurden und dass die Täter am häufigsten Jungs in der 1. bis zur 4. Klasse sind und die Opfer häufig weibliche Lehrkräfte sind, zeigt ein alarmierendes Bild. Denn das sind ja nur die Vorfälle, die gemeldet worden sind. Wie hoch mag die Dunkelziffer an den 639 Schulen im Land sein, die keine Gewalttat gemeldet haben? Oder machen diese Schulen vielleicht etwas anders? Was ist denn der entscheidende Indikator für die 155 Schulen mit Meldung und die 639 Schulen ohne Meldung? Eine Vermutung, wie die Zahlen und Ergebnisse des Monitorings zustande kommen, könnte sein, dass einzelne Schulen eine höhere Toleranz als andere haben beziehungsweise Vorfälle besser auffangen und anders bewerten und in der Folge nicht mit Verweisen arbeiten. Zum anderen könnte man vermuten, dass besonders Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf wie auch weibliche Lehrkräfte nicht genug Unterstützung erfahren und es somit häufiger zu eskalierenden Situationen kommt. Das sind nur meine Vermutungen, doch mehr Klarheit werden wir durch das Gewaltmonitoring nicht bekommen. Dabei könnten genau diese Unterschiede einen Hinweis auf konkreten Handlungsbedarf geben. (Jette Waldinger-Thiering) Ebenso fragwürdig ist der Abschnitt über die Tathintergründe. Ein erhöhter Tathintergrund sollte doch verdeutlichen, warum es zum Tatbestand kommt. In diesem Jahr wurde zum ersten Mal der „Tathintergrund Sonderpädagogischer Förderbedarf“ mit 48 Prozent am häufigsten genannt. Was versteht man bitte unter dem „Tathintergrund Sonderpädagogischer Förderbedarf“? – Hiermit werden doch Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf als Tätergruppe definiert. Der Tathintergrund könnte doch höchstens unzureichende Inklusion genannt werden. (Beate Raudies [SPD]: Ja!) Mich lässt dieser Bericht zum Gewaltmonitoring an Schulen ratlos zurück, und ich wünsche mir, dass wir die Ressourcen statt in ein Monitoring präventiv in die Schulen stecken. (Beifall SSW, Beate Raudies [SPD] und Dr. Heiner Garg [FDP]) Am Ende sind hier Kinder und Lehrkräfte in Not, egal, wer und wie was bewertet, meldet oder statistisch einordnet. Dann müssen wir dem mit ausreichenden Ressourcen begegnen. Solange die Zahlen des Monitorings auf den subjektiven Bewertungen einzelner Lehrkräfte beruhen, sind die Zahlen nicht verwertbar. Ich möchte noch einmal zum Schluss sagen, es wurde vorhin genannt: Die Gewalt scheint jünger geworden zu sein. Das muss uns echt mit ganz schön viel Sorge erfüllen, dass wir, wenn wir über Schule sprechen, heute viel mehr über Gewalt an Schule sprechen. Ich glaube, eigentlich sollten wir ja bei Schule sprechen über einen Raum, eine Räumlichkeit, wo man gut lernen kann und wo die Schule Ressourcen hat, um sich den Schülerinnen und Schülern, den Kindern anzupassen und ihnen ein Lernklima zu geben, bei dem jedes Kind, egal unter welchen Voraussetzungen, mitkommen kann und sich nicht immer in eine Ecke gedrängt fühlt und vielleicht gewalttätig wird. Ich finde: So eine Statistik hat am Ende des Tages nur Zahlen. Sie hat aber nicht die Inhalte, was dort tatsächlich passiert ist. Deshalb möchte ich auch, dass wir den Bericht in den Ausschuss überweisen und wir uns dann noch einmal darüber unterhalten, vielleicht in Zusammenarbeit mit Schulleitungen von Schulen, die gemeldet haben, und Schulen, die nicht gemeldet haben. Wieso haben sie nicht gemeldet? Vielleicht sollten wir das auch zusammen mit der Innenministerin machen, denn ich glaube, es ist keine gute Überschrift, wenn wir über Gewalt an Schule und Polizei reden. Eigentlich müsste darüber stehen: „Gute Bildung für unsere Schülerinnen und Schüler“, und nicht „Gewalt an Schule“. Insofern möchte ich, dass wir das im Ausschuss besprechen, um zu gucken, was man vielleicht für den nächsten Bericht verändern kann. Berichte taugen nichts, wenn man sie nicht für irgendetwas gebrauchen kann. (Beifall SSW, SPD und Anne Riecke [FDP])
