Malte Krüger
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Zunächst vielen Dank an die Ministerin für den Bericht. Stellen Sie sich einmal vor: Sie sind elf Jahre alt; Sie kommen an eine weiterführende Schule; Sie kennen an dieser neuen Schule niemanden, es ist eine komplett neue Welt für Sie. Vielleicht haben Sie da einen guten Einstieg, und vielleicht kommen Sie so langsam in den Schulalltag hinein und fahren nachmittags mit dem Bus zurück. Aber bevor Sie überhaupt einsteigen können, kriegen Sie einen Tritt – aus dem Nichts, einfach so – von einer deutlich älteren Schülerin. Das ist eine Erfahrung, die Sie niemals vergessen. Ich bin mir sicher, dass viele von Ihnen solche Erfahrungen selbst gemacht haben oder zumindest Leute kennen, die solche Erfahrungen erlebt haben. Das macht etwas mit Ihnen. Diese Bushaltestelle, an der Sie getreten worden sind, ist für Sie ein unsicherer Ort. Wie gesagt: Das vergessen Sie nie; das tragen Sie durch Ihr ganzes Leben. Das, was ich Ihnen geschildert habe, ist eine Erfahrung, die ich selbst gemacht habe. Das ist etwas, wofür Schule eine Verantwortung hat, darauf zu reagieren. 2003 gab es dafür meiner Meinung nach noch nicht so ganz das Verständnis. Aber ich bin umso erfreuter, dass die Ministerin gerade berichtet hat, dass wir bei den Gewaltvorfällen hier an den Schulen deutlich besser dastehen, auch was die Entwicklung in den letzten Jahren betrifft, die ja massiv nach oben gegangen ist. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU und Annabell Krämer [FDP]) Es ist wichtig – das hat der Kollege Martin Balasus hier gerade geschildert –, darauf mit Empathie zu reagieren. Ein System muss mit Empathie auf solche Erfahrungen reagieren, und da gibt es zum Teil sehr, sehr schlimme Erfahrungen. Der Bericht nimmt noch auf ein weiteres Thema Bezug, nämlich auf Mobbing. Das ist etwas, worüber wir viel zu wenig sprechen, aber eigentlich viel mehr reden müssen. (Beifall Annabell Krämer [FDP] und Wiebke Zweig [CDU]) Mobbing ist etwas total Fieses; das kann sich an komplett unterschiedlichen Dingen aufziehen. Mobbingerfahrungen sind noch viel verbreiteter, als das bei Gewaltvorfällen der Fall ist. In dem Bericht wird aufgezeigt, dass wir auch bei den Mobbingerfahrungen besser geworden sind. Wir sind bei einem Anteil von 3,3 Prozent, haben ihn also halbie- (Malte Krüger) ren können. Es muss uns aber klar sein, dass wir gerade bei Mobbingvorfällen eine hohe Dunkelziffer haben. Aber es ist immer unser Anspruch, dass wir versuchen wollen, diese hohe Dunkelziffer aufzuklaren und dort besser zu werden. Wenn es um Mobbing geht, will ich nur noch einmal darauf hinweisen, dass das ebenfalls Erfahrungen sind, die sich durch das ganze Leben ziehen. Schäden, die dabei zum Teil entstehen, können gerade bei Menschen, die – neudeutsch gesprochen – keine harte Schale haben, zu massiven Folgen führen. Ich kenne, und ich bin mir sicher, viele kennen Fälle, die bis ins Erwachsenenalter Probleme damit haben und sich den Erfahrungen, die sie erleben mussten, nie stellten. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Annabell Krämer [FDP]) Darüber diskutieren wir viel zu wenig. Deswegen ist es mir wichtig, darauf hinzuweisen, weil das noch mal Kontext gibt, warum es so relevant ist, dass wir über diesen Bericht zum Gewaltmonitoring, der auch zu Mobbing Worte findet, sprechen. Ich kann Ihnen beispielhaft schildern, was mir selbst passiert ist. Ich wurde während meines ganzen Schullebens gemobbt, weil ich bei den Pfadfindern bin. Das zeigt doch eigentlich, wie fies so etwas ist. Pfadfinder setzen sich dafür ein, etwas für die Umwelt zu tun und für ein gemeinsames und gutes Miteinander einzutreten. Dafür gemobbt zu werden, habe ich bis heute nicht verstanden. Warum kamen einige meiner Mitschüler_innen auf die Idee, deswegen zu mobben? Deswegen freue ich mich jedes Mal, wenn der Ministerpräsident hier den Pfadfindern das Friedenslicht abnimmt, weil das wertschätzt, dass wir als Staat solchen Leuten, die sich ehrenamtlich engagieren, Respekt zollen. Das finde ich total toll, jedes Mal. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Annabell Krämer [FDP]) Aber ich will hier nicht nur von persönlichen Sachen reden und auch nicht sagen wollen, dass ich irgendwelche Schäden davongetragen habe. Ich bin trotzdem immer noch Pfadfinder – einmal Pfadfinder, immer Pfadfinder. Aber das Fiese beim Mobbing ist: Das reicht noch viel weiter. Ja, beim Mobbing geht es oft auch um Aussehen oder sexuelle Orientierung oder religiöse Ansichten. Antisemitismus war heute Vormittag gleich als Erstes Thema; auch da gibt es Verknüpfungen zu Mobbing. Und das wird dann wirklich problematisch. Die Schäden tragen Sie teilweise durchs ganze Leben. Noch mal vielen Dank für den Bericht. Ich nehme eine positive Entwicklung wahr. Frau Ministerin, Sie haben mit Vehemenz gesprochen. Mir ist klar, dass Ihnen das Thema wichtig ist, und deswegen: frohes Schaffen dabei. Unsere Unterstützung haben Sie auf jeden Fall. – Vielen Dank. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und CDU)
