Martin Balasus
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wenn wir heute über Gewalt an Schulen sprechen, dann sprechen wir nicht über abstrakte Zahlen. Wir sprechen über Kinder, wir sprechen über Jugendliche, über Lehrkräfte, über Eltern, über den Zustand der Gesellschaft und auch über gemeinsame Verantwortung. Der aktuelle Bericht zum schulischen Gewaltmonitoring zeigt: Nach deutlichen Anstiegen in den letzten Jahren ist die Zahl schwerer Gewaltvorfälle an unseren Schulen zuletzt gesunken. Das ist natürlich eine gute Nachricht. Aber sie darf uns nicht beruhigen. Denn mit 780 gemeldeten Gewaltvorfällen an 155 Schulen bleibt das Ausmaß zu hoch. Gewalterfahrungen dürfen niemals normal werden. Besonders aufmerksam machen uns drei Befunde. Erstens. Gewalt findet in sehr jungen Jahren statt. Fast die Hälfte aller gemeldeten Fälle entfällt auf die Klassenstufen 1 bis 4. Das heißt, Kinder, die gerade erst im System Schule Fuß fassen, erleben bereits massive Konflikte, die pädagogische oder ordnungsrechtliche Eingriffe nötig machen. Zweitens. Gewalt ist häufig körperlich. Über 70 Prozent der Fälle betreffen Körperverletzungen. Dazu kommen natürlich noch die Fälle psychischer Gewalt, also Drohung, Demütigung, Ausgrenzung. Es ist wichtig zu sagen, dass Gewalt langfristig wirkt – auf Selbstwert, auf Lernfähigkeit und damit auch auf die Zukunftschancen der Kinder. Und drittens. Die zentralen Ursachen liegen oft in der Überforderung. Fast die Hälfte der Täter hat einen sonderpädagogischen Förderbedarf. Die Ministerin sagte das gerade: Über 40 Prozent der Vorfälle geschehen von dem Hintergrund einer psychischen Belastung. Mal ganz ehrlich: Das muss uns natürlich zu denken geben. Diese Zahlen erzählen uns etwas Entscheidendes: Viele junge Menschen sind nicht gewalttätig, weil sie kriminell sind. Sie sind es oft, weil sie überfordert sind, weil sie keine Sprache für ihre Gefühle haben, weil sie zu wenig Halt oder zu wenig verlässliche Beziehungen erleben und – ja, das gehört auch zur Wahrheit dazu – weil unsere Gesellschaft auch rauer geworden ist. Wir erleben eine Verrohung des öffentlichen Umgangs – in sozialen Medien, in manchen politischen Debatten, im Alltag. Respektlosigkeit, Beschimpfung und Eskalation werden – das ist zumindest mein Empfinden – immer schneller akzeptiert. Kinder und Jugendliche – das ist doch die logische Konsequenz – wachsen in dieser Atmosphäre auf. Sie lernen nicht nur aus dem, was wir ihnen sagen, sondern vor allem aus dem, was wir ihnen vorleben. Das ist ja ganz klar. Man muss festhalten: Das entlässt niemanden aus der Verantwortung. Oder umgedreht: Es verpflichtet uns alle. Es verpflichtet uns, Schulen nicht alleine zu lassen. Lehrkräfte, Schulleitungen und Schulsozialarbeiter stehen tagtäglich vor großen (Martin Balasus) Herausforderungen. Sie sind nicht nur der Wissensvermittler von früher, sondern Sie sind Pädagoge, Sie sind Sozialarbeiter, Sie sind Konfliktmanager – und das alles gleichzeitig. Es verpflichtet uns, Prävention ernst zu nehmen – früh, kontinuierlich und verbindlich. Gewaltprävention ist keine Zusatzaufgabe, sondern Teil von Bildung. Sie beginnt mit der Sprachfähigkeit, bei der Beziehungsarbeit, bei der Stärkung sozialer Kompetenzen, und sie braucht Zeit und Raum im Schulalltag. Es verpflichtet uns, mit Empathie zu handeln. Empathie heißt nicht, Gewalt zu entschuldigen, sondern Ursachen zu verstehen. Empathie heißt, Kinder nicht ausschließlich auf ihre schlimmen Taten zu reduzieren. Sie heißt auch, die Opfer konsequent zu schützen und zu stärken. Der Bericht zeigt ebenfalls, dass Polizei und Justiz seltener eingeschaltet werden, als das noch im Vorjahr der Fall war. Das kann ein Zeichen für bessere Prävention sein; das würden wir uns natürlich erhoffen, dass das so ist. Aber es kann auch heißen, dass Schulen versuchen, die Konflikte selber zu lösen. Das wäre ein positives Signal oder eine positive Entwicklung. Liebe Kolleginnen und Kollegen, Jugendgewalt ist kein Randthema. Sie ist ein Spiegel unserer sozialen Konflikte, unserer psychischen Belastungen, unserer gesellschaftlichen Umgangsformen. Wer diesen Spiegel zerbricht oder beschönigt, löst kein Problem. Unsere Aufgabe ist es, Verantwortung zu übernehmen – politisch, gesellschaftlich und menschlich – für sichere Schulen, für Kinder, die gesehen werden, für Lehrkräfte, die auch Unterstützung erfahren, und für eine Gesellschaft, die sich wieder darauf besinnt, Konflikte ohne Gewalt auszutragen – aus Respekt vor den jungen Menschen, die unsere Zukunft sind. – Vielen Dank. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
