Martin Habersaat
Vielen Dank, Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Bevor ich inhaltlich zu den Flex-Klassen komme, möchte ich etwas Grundsätzliches an den Beginn meiner Ausführungen stellen: Ich finde, es gehört sich nicht, Landtagsbeschlüsse zu ignorieren, meine Damen und Herren. (Beifall SPD, FDP und SSW) Das untergräbt das Vertrauen in Politik. Es untergräbt das Vertrauen in ihre Institutionen. Liebe Kolleginnen und Kollegen von der CDU, auch Ihnen sollte es ein Anliegen sein – auch mit einer soliden Mehrheit in diesem Hause –, dass einstimmig in diesem Haus gefasste Beschlüsse auch umgesetzt werden. Zur Sache: Schulen haben die wundervolle Aufgabe, Schülerinnen und Schülern dabei zu helfen, ihre individuellen Möglichkeiten zu entfalten. Schulen sollen – so habe ich das immer gesehen – dabei das Gelingen organisieren, und weniger haben sie die Aufgabe, das Misslingen zu dokumentieren. Dazu brauchen Schulen unterschiedliche Instrumente, Möglichkeiten und Ressourcen. Gemeinschaftsschulen haben zum Beispiel als besondere Möglichkeiten die Einrichtung von FlexKlassen und Praxisklassen. Eine Flex-Klasse wird in Klasse 8 und 9 eingerichtet und bietet Schülerinnen und Schülern mit schwächeren Leistungen die Möglichkeit, die Inhalte, die sie bis zum ersten Schulabschluss brauchen, nicht in zwei Jahren, 8 und 9, sondern in drei Jahren zu absolvieren. Dabei werden sie besser individuell betreut, haben verschiedene Möglichkeiten, Praktika zu absolvieren, sich beruflich zu orientieren, und es gibt ein verstärkt handlungsorientiertes Konzept. Praxisklassen setzen auch in Klasse 8 und 9 an, aber mit einem etwas anderen Konzept. Da ist es so, dass der Unterricht in Trimestern stattfindet, also das Schuljahr wird jeweils dreigeteilt. In jedem dieser Trimester wird ein Praktikum absolviert, an drei Tagen in der Woche, und die Schülerinnen und Schüler besuchen nur zwei Tage in der Woche die Schule. Den Lehrkräften gelingt es erstaunlich gut, wenn man sich das vor Ort anguckt, an diesen zwei Tagen in der Woche die Vorbereitung auf die Prüfung zu absolvieren und die Erfahrungen, die die Schülerinnen und Schüler in der Praxis in den Betrieben machen, im Unterricht aufzugreifen. Im Mai 2024 nun hat der Landtag auf Antrag von CDU und Grünen einstimmig beschlossen, die Flex-Klassen zu evaluieren und perspektivisch auszubauen. In der Antwort auf eine Kleine Anfrage teilt mir die Landesregierung jetzt mit: Nein, eine Evaluation der Flex-Klassen ist nicht geplant. – Das, meine Damen und Herren, finde ich politisch fragwürdig und inhaltlich nicht akzeptabel. (Beifall SPD – Zuruf Martin Balasus [CDU]) (Martin Habersaat) Solche Flex-Klassen können den Unterschied für schwächere Schülerinnen und Schüler machen, können den Unterschied für schulmüde Schülerinnen und Schüler machen und können realistische Wege in den Beruf oder zu einem Schulabschluss aufzeigen. (Beifall SPD, FDP und Jette WaldingerThiering [SSW]) Solche Evaluationen brauchen wir, um steuern zu können. Hilft uns dieses Konzept möglicherweise dabei, dass Schleswig-Holstein künftig nicht mehr schlechter dasteht als der Bundesschnitt, was Schülerinnen und Schüler ohne Abschluss angeht? Müssen wir das Konzept nachsteuern, ausbauen? Wie tun wir das am besten? Dabei sollten wir uns nicht auf unser Bauchgefühl verlassen, sondern auf eine Evaluation. Ich sehe leider, dass sich das in der letzten Zeit häuft, dass Sie auf Evaluation verzichten. Zur Erinnerung: Als Sie sich entschieden haben, im DaZ-Bereich zu kürzen – also bei Deutsch als Zweitsprache, da, wo die schwächsten Schülerinnen und Schüler die deutsche Sprache als Grundlage für eine erfolgreiche Schulkarriere lernen, haben Sie gekürzt –, sagte die damalige Ministerin Karin Prien: Ja wir kürzen, aber wir evaluieren die Kürzungen, wir gucken genau hin, an welcher Stelle wir vielleicht doch nachsteuern müssen. – Übrig geblieben ist die Kürzung, die Evaluation ist gestrichen. Bei der Kürzung von Stunden in der Sekundarstufe I haben Sie die Evaluation nicht einmal vorgesehen. Da streichen Sie einfach den Gemeinschaftsschulen Ressourcen weg und gucken lieber nicht so genau hin, was passiert. Meine Damen und Herren, das ist ein gefährlicher Weg. Bereits heute hat jede zehnte Schülerin, jeder zehnte Schüler in Schleswig-Holstein, der die Schule verlässt, keinen Ersten allgemeinen Schulabschluss, und das ist ein schlechterer Schnitt als im Bund. Gleichzeitig beklagen die Betriebe in Schleswig-Holstein einen Fachkräftemangel. Hier hätten Sie die Möglichkeit, diese beiden Herausforderungen gemeinsam anzugehen und positiv zu bewältigen. Ich hoffe, Sie geben sich einen Ruck und tun das auch. – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit! (Beifall SPD, Dr. Heiner Garg [FDP] und Christian Dirschauer [SSW])
