Dr. Kai Dolgner
Danke, Frau Präsidentin. Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die kontrollierte Kernfusion gilt seit Jahrzehnten als der heilige Gral der Energiewirtschaft. Tokamak 1950, Stellarator 1951, der erste lief schon 1953, also noch vor dem Sputnik. Da war noch niemand hier in dem Hohen Haus, glaube ich, am Leben. Der Kollege Kalinka ist ja gerade draußen. (Heiterkeit – Zurufe CDU – Andrea Tschacher [CDU]: Der Kollege ist entschuldigt!) 70 Jahre später warten wir immer noch auf den ersten Nettoenergiegewinn eines Reaktors. Warum ist das so? Nun, beim Tokamak braucht man einen starken Strom im Plasma, um das Magnetfeld zu erzeugen. Deshalb ist diese Form prinzipbedingt instabil. In den letzten 60 Jahren, seitdem der erste Versuchsreaktor gebaut wurde, ist es zwar gelungen, das Plasma bis zu 18 Minuten stabil zu halten, für ein echtes Kraftwerk brauchen Sie aber mindestens zwei Stunden. (Martin Habersaat [SPD]: Das habe ich immer gesagt!) Kommen wir zur Laserfusion. Die Laserfusion war ein wissenschaftlicher Meilenstein, gar keine Frage. Aber wir sind bei einem Puls pro Tag, wir brauchen fünf bis zehn pro Sekunde. Das werden Sie bei XFEL nicht umbauen können. Kommen wir zum Stellarator. Wendelstein 7‑X in Greifswald ist ein wissenschaftliches Schmuckstück, aber es ist kein Kraftwerk. Da wird ein Proof of Principle beschrieben. Es ist im Grunde ein Stellarator, der mit dreidimensionalen verdrehten Spulen einen starken Strom ohne Plasma bekommt und dadurch Instabilitäten vermeidet. Das heißt, der Stellarator ist der einzige, der einen Dauerbetrieb machen könnte. Aber wir sind da noch nicht so weit, weil dieses verdrehte Magnetfeld unglaublich kompliziert und technisch anspruchsvoll ist und nicht nur Ihre Gehirnwindungen verdreht. Wir sind jetzt bei Wendelstein 7‑X, vielleicht schafft der Wendelstein 10‑X einmal den Durchbruch. Das ist jedenfalls die Schätzung. Aber es gibt weder für den 8‑X noch den 9‑X konkrete Planungen und bisher auch kein Geld. Genau deshalb wirken die neue Fusionsallianz, und das, was ich heute gehört habe, ambitioniert, wenn wir es freundlich formulieren. In der Pressemitteilung steht: „Heute haben die sechs Länder in München die Allianz zur Fusionsforschung – kurz Fusionsallianz – gegründet und damit den entscheidenden Schritt auf dem Weg zum weltweit ersten Funktionskraftwerk in Deutschland und Europa getan.“ (Dr. Kai Dolgner) Ich dachte, den entscheidenden Schritt hätten die Forscher in den letzten 60 Jahre getan – teilweise mit viel zu wenig Geld. Aber gut; das erinnert so ein bisschen an jemanden, der an der Autobahn steht und sagt: weiterfahren, weiterfahren. Aber wenn das bedeutet, dass wir die Mittel, eine dreistellige Milliardensumme, vielleicht sogar in Schleswig-Holstein losmachen, um hier den Wendelstein 10‑X zu errichten, bin ich sofort dabei – kein Ding. Aber, mit Verlaub: Es wird kein Fusionskraftwerk 2040 kommerziell ans Netz gehen. Da wette ich alles darauf. Ich kann Ihnen später auch erklären, warum, weil das jetzt zu lange dauern würde. Deshalb kommen wir zurück zur Gralssuche: Als Camelot bröckelte, schickte König Artus seine Ritter los, weil er sich vom Gral die Rettung erhoffte. Offenbar sah sich Friedrich Merz im Wahlkampf in einer ähnlichen Rolle. Statt den Ausbau der erneuerbaren Energien, der Netze, der Speicher und der Mobilität energisch voranzutreiben, erklärte er kurzerhand die Kernfusion zur Antwort auf alle Energiefragen – eine Technologie, die wir nicht haben. Eine Technologie, die wir noch lange nicht haben werden. Eine Technologie, bei der noch nicht einmal klar ist, ob sie irgendwann günstiger ist als alles andere. (Beifall SPD, Malte Krüger [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Christian Dirschauer [SSW]] Ein Blick in die Artussage – sei es klassisch bei Thomas Malory oder bei „Die Ritter der Kokosnuss“ – zeigt jedenfalls, dass viele Ritter unterwegs scheitern. Manche an Prüfungen, manche an ihren Sünden und manche schon daran, drei einfache Fragen an einer Brücke zu beantworten. (Heiterkeit) Die wenigen, die zurückkehren, tun das verändert, gebrochen oder zumindest mit einer gesunden Skepsis gegenüber mysteriösen Kaninchen. (Heiterkeit – Beifall SPD, FDP und SSW) Liebe Kolleginnen und Kollegen, lassen Sie uns keine Ritter der Kokosnuss auf Gralssuche sein. Liebe Kolleginnen und Kollegen, sicherlich habe ich Hoffnung, dass wir, wenn wir die Kernfusion endlich mit den notwendigen Mitteln ausstatten und es so machen wie die Chinesen – da können Sie an die 2 Milliarden einmal zwei Nullen dranhängen – vielleicht irgendwann dazu kommen, einen fertigen Fusionsreaktor zu haben. Ich tippe da aber eher auf China Mitte der 2040er. Bis der kommerziell da ist, bis der Ausbau soweit ist, einen entsprechenden Beitrag zu leisten, sind wir dann in den 2060ern oder 2070ern. Mit der Windenergie haben wir Ende der 80er-Jahre angefangen. Einen starken Beitrag durch sie hat es erst nach der Jahrtausendwende gegeben. Das müssen Sie alles kalkulieren. Sie kann unseren Kindern und Enkeln helfen, die Schäden von morgen wieder zu beseitigen, aber das sollte uns nicht daran hindern, die Schäden von heute zu begrenzen. (Beifall SPD, Andreas Hein [CDU] und Wiebke Zweig [CDU])
