Martin Habersaat
Vielen Dank, Herr Kollege. Ich dachte mir, ich probiere es von dieser Stelle aus, weil das dann eher zugelassen wird. – Ich wollte Sie fragen, ob es in Deutschland ein einziges Bundesland gibt, in dem nicht viele Schülerinnen und Schüler ihren Abschluss an der beruflichen Schule nachholen? Es wird immer so getan: Man kann diese Statistik nicht so ernst nehmen, man muss berücksichtigen, das wird an den beruflichen Schulen nachgeholt. – Das ist ja in allen Bundesländern so. Trotzdem bleibt die Diagnose, dass in Schleswig-Holstein besonders viele Schülerinnen und Schüler den Schulabschluss nicht an der allgemeinbildenden Schule schaffen. (Beifall SPD, FDP und SSW) – Sie haben erst einmal vollkommen recht. Es ist natürlich so, dass das deutschlandweit an sehr vielen Schulen passiert. Ich wollte hier überhaupt nicht den Eindruck erwecken, dass Schleswig-Holstein bei der beruflichen Bildung irgendwie etwas noch besonderer macht als andere Bundesländer. Ehrlicherweise komme ich nachher noch zu diesem ganzen Problem, auch zu der Frage, die Sie vorhin angesprochen haben, nach der Kürzung im berufsbildenden Bereich. Der Grund dafür ist, und das sehen Sie in dem zweiten Bericht, nämlich in dem Bericht zur Unterrichtssituation, dass wir massiv sinkende Schüler_innenzahlen haben. Das klammern Sie gern aus, aber wir haben gegenläufige Entwicklungen. Wir haben an den allgemeinbildenden Schulen einen wirklich rasanten Anwuchs an Schüler_innenzahlen. Im berufsbildenden Bereich haben wir die gegensätzliche Bewegung bis zum, ich glaube, Jahr 2032, wo sich die beiden Kurven dann wieder schneiden und wir wieder steigende Schüler_innenzahlen im berufsbildenden Bereich haben. Deswegen ist es richtig, dass wir in der Vergangenheit immer wieder darauf gucken, dass wir im berufsbildenden Bereich nicht einen massiven Kahlschlag haben. Wir werden da in naher Zukunft wieder viele Lehrkräfte brauchen. Jetzt aber zu sagen: Wir sehen diese Entwicklung nicht, wir wollen nichts für Schülerinnen und Schüler ohne Abschluss machen und kürzen dann auch noch deswegen an den berufsbildenden Schulen, das stimmt nicht, sondern das hängt mit den sinkenden Schüler_innenzahlen zusammen. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Martin Balasus [CDU]) Jetzt fahre ich mit der Funk-Sache fort. Funk hat zum Beispiel ein Sharepic gemacht und vergleicht (Malte Krüger) bundesweit die Abbruchzahlen. Da ist dann tatsächlich immer von zehn Prozent die Rede. Das finde ich problematisch, und das haben wir hier im Landtag auch schon im Sommer 2023 besprochen. In der Drucksache 20/979 haben wir die Forderung aufgestellt, dass die Kommission für Statistik bei der Kultusministerkonferenz anders vorgeht und die sonderpädagogischen Abschlüsse herausstellt. Ich weiß, dass das dem SSW und der Abgeordneten Waldinger-Thiering sehr wichtig ist. Ehrlicherweise halte ich auch das für sehr wichtig. Deswegen möchte ich hier noch einmal nachdrücklich die Forderung aufstellen, dass die Kommission das extra ausweist, meinetwegen auch für alle Bundesländer, natürlich, weil sonst der Eindruck entsteht, dass der Abschluss, den Schülerinnen und Schüler dort gemacht haben, nichts wert ist. Das ist super ärgerlich. Ich war neulich hier und hatte eine Gruppe von Freiwilligendienstleister_innen begleitet. Eine dieser Freiwilligendienstleister_innen kam im Anschluss auf mich zu und sagte: Herr Krüger, ich habe einen solchen Abschluss. Ich versuche jetzt, mich damit bei Unternehmen zu bewerben. Wir werben immer dafür, dass auch diese Abschlüsse eine Bedeutung haben. Diese Unternehmen haben das nicht ernst genommen. – Ich habe gesagt: Das kann ich verstehen. Wir versuchen immer und an allen Stellen, Unternehmen zu sagen, dass das natürlich auch etwas ist, womit man sich bewerben kann. Aber dann müssen wir das natürlich auch in unseren Statistiken berücksichtigen. Deswegen finde ich es komplett richtig, dass das Bildungsministerium diese Forderung schon lange aufstellt. Ich kann das von meiner Seite nur unterstützen, dass das passieren wird, und ich hoffe, auch wir als Landtag. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, vereinzelt SSW und Beifall Martin Balasus [CDU]) Ehrlicherweise ist das, was bundesweit an beruflichen Schulen passiert, ein echter Zauber. Wir wissen, dass ungefähr 2.500, die Ministerin sagte gerade 2.317, Schüler_innen die allgemeinen Schulen ohne Abschluss verlassen. Wir wissen, dass zeitgleich ungefähr 1.700 an den beruflichen Schulen einen Abschluss bekommen. Das heißt, 800 Schülerinnen und Schüler haben wir dann noch ohne Abschluss. Das müssen wir uns ganz genau anschauen. Das ist aber eine Riesenleistung der beruflichen Bildung, dass dort 1.700 von den Schülerinnen und Schülern noch einen Abschluss erhalten. Wir müssen in der Debatte immer wieder sehen, was dort Erfolgreiches passiert. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und vereinzelt CDU) Wir wissen, und das wird in dem Bericht auch deutlich gemacht: Jeder Schulabbruch muss individuell betrachtet werden. Es gibt viele Gründe. Sie wurden alle schon von Anette Röttger ausgeführt, das spare ich mir. Ich will nur auf eine Sache hinweisen: Es gibt diese psychischen Probleme. Darunter fallen natürlich auch Kriegserfahrungen. Das sind traumatische Erlebnisse, die passieren. Zum Beispiel ist TiK-SH total wichtig, weil man sich dort um diese Zielgruppe kümmert. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Dazu werden wir hoffentlich bald im Ausschuss einen Bericht für den Schulbereich bekommen. Was auch noch wichtig ist: Jeder dieser Verläufe ist individuell. Gerade deswegen brauchen wir die Schüler-ID. Ich habe es gerade gegenübergestellt. Das ist in der Statistik ehrlicherweise ein bisschen geschummelt. Mit der Schüler-ID hätten wir zwei Vorteile. Erstens bleibt das Wissen über die Schüler_innen und über die verschiedenen Schulformen da. Die Schule weiß dann etwas zu den Schüler_innen. Für uns als Politik ist besonders interessant, dass wir den Verlauf der Bildungsbiografien besser nachvollziehen können. Das hat riesige Vorteile. Deswegen auch da noch einmal die Forderung, dass wir endlich bei der Schüler-ID vorankommen müssen, damit wir dort mehr Zahlen haben. Jetzt habe ich nichts zu dem Bericht zur Unterrichtssituation gesagt. Das ist sehr schade, aber ich habe keine Zeit mehr. Ich hätte dazu gern noch viel gesagt, aber das machen wir dann hoffentlich im Ausschuss und befassen uns da noch damit. – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Peer Knöfler [CDU])
